Triumph und Tragik

Simbabwe Es ist 30 Jahre her, dass die britische Kolonie Rhodesien als Simbabwe neu geboren wurde. Doch lässt das vergangene Jahrzehnt dieses Jubiläum mit wenig Euphorie begehen

Sicher: Die Errungenschaften der vergangenen drei Jahrzehnte drohen im Sumpf aus galoppierender Inflation und Arbeitslosigkeit unterzugehen. Robert Mugabe hat einiges Wasser auf die Mühlen der „Afro-Pessimisten“ wie Südafrikas Ex-Präsident Thabo Mbeki gelenkt, die der Auffassung sind, die Afrikaner seien grundsätzlich nicht in der Lage, sich selbst zu regieren. Mit der Unabhängigkeit Simbabwes sei nichts erreicht worden, was lohne, gefeiert zu werden.

Dieses Urteil verkennt einiges. Die Unabhängigkeit war schon allein deshalb eine Errungenschaft, weil sie das Ende einer Art Miniatur-Apartheid brachte, die eine kleine weiße Minderheit Dinge genießen ließ, wie sie einer Mehrheit der Schwarzen verwehrt blieben. Die Rassentrennung im früheren Rhodesien war zutiefst ungerecht. Heute ist der Lebensweg der Kinder, die in Simbabwe geboren werden, nicht mehr durch ihre Hautfarbe vorherbestimmt. Der Bürgerkrieg, der die Unabhängigkeit brachte, kostete Zehntausende das Leben. Noch mehr Menschen wurden aus ihrer Heimat vertrieben. Als Premierminister zwang Robert Mugabe die früheren Kombattanten nach 1980, aus Schwertern Pflugscharen zu machen. Er brachte Weiße und Schwarze dazu, gemeinsam an der Entstehung einer neuen Nation zu arbeiten. Die Versöhnungspolitik jener Zeit trug viel dazu bei, die Angst vor Vergeltung zu zerstreuen, und führte Simbabwe auf einen Pfad von Stabilität und wirtschaftlichem Aufschwung.

Gleichberechtigung überall

Das Hauptverdienst der glücklichen ersten Jahre bestand in gewaltigen Investitionen ins Bildungssystem, die heute noch Früchte tragen. Eine Reihe von Maßnahmen – von der kostenfreien Grundschulbildung bis hin zur Alphabetisierung für Erwachsene – machte aus Simbabwe das Land südlich der Sahara mit der höchsten Alphabetisierungs-Rate. Die arme Bevölkerung wurde in der Erkenntnis bestärkt, in erster Linie hindere mangelnde Bildung sie daran, ihren ärmlichen Verhältnissen zu entkommen. Auch heute noch investieren Taxi-Fahrer und Marktleute in Nachhilfestunden für ihre Kinder und in Harare kann man in den Abendstunden Menschen beobachten, die auf dem Weg zur Abendschule sind, um sich weiterbilden zu lassen. Die simbabwische Diaspora des vergangenen Jahrzehnts ist ein Beleg für den Erfolg dieser Bildungspolitik: Simbabwer sind im gesamten Commonwealth und darüber hinaus gefragt. Ein Jammer, dass die Menschen ihre Kenntnis nicht zum Wohle ihres eigenen Landes einsetzen können.

Eines der Hauptziele der Regierung bestand in der Gleichberechtigung der Geschlechter. Man legte großen Wert darauf, dass Frauen in ihren Bildungsanstrengungen unterstützt wurden. Die Kolonialgesetze wurden abgeschafft, um die Gleichheit zwischen Mann und Frau gesetzlich zu verbürgen. Unter dem Regime der weißen Siedler konnten alle Weißen volle juristische Mündigkeit erlangen. Für schwarze Frauen galt indes das afrikanische Gewohnheitsrecht, auf Lebenszeit der juristischen Autorität eines männlichen Vormunds unterstellt zu bleiben. Die Regierung drückte das Gesetz zur Mündigkeit durch – gegen den großen Widerstand der Traditionalisten, die alle möglichen Schwierigkeiten hereinbrechen sahen, sollte Frauen das Recht eingeräumt werden, ihr Leben selbst zu bestimmen. Auf dieser Grundlage errichtete die Regierung unter tatkräftiger Beihilfe der Justiz und der Frauenbewegung ein ausgeklügeltes juristisches System, das die rechtliche Gleichheit der Frau garantieren soll, und beendete rückschrittliche Praktiken wie die Verpfändung junger Mädchen zur Besänftigung böser Geister. 2008 hat die Regierung ein Gesetz gegen häusliche Gewalt verabschiedet, das zu den fortschrittlichsten weltweit gehört.

Kein ethnischer Zwist

Das zweite Verdienst auf einem Kontinent, der von ethnischen Konflikten zerrissen wird, bestand in der Formung von etwas, das man eine simbabwische Identität nennen könnte. Anders als andere afrikanische Staaten, in denen mehrere Sprachen gesprochen werden, hat Simbabwe den Vorteil einer weitgehend integrierten Bevölkerung, mit wenig ethnischen Konflikten, weil ethnische Unterschiede in einem System des Ausgleichs auf allen Führungsebenen austariert wurden. (Die Auseinandersetzungen in den Regionen Matabeleland und Midlands Mitte in den achtziger Jahren, die aus Angst vor einer sezessionistischen Gefahr von der Armee mit unverhältnismäßiger Gewalt beantwortet wurden, was an die 20.000 Menschen das Leben kostete, waren nicht einfach nur ein Konflikt oder Bürgerkrieg zwischen Shona und Matabele.
Die Integration der überwiegend aus Matabele bestehenden Afrikanischen Volksunion von Simbabwe (ZAPU) in die sich überwiegend aus Shona rekrutierende Afrikanische Nationalunion (ZANU) und die Formierung einer städtischen Opposition, die sich aus Shona und Matabele gleichermaßen zusammensetzt, zeigt, dass die politischen Parteien sich nicht entlang ethnischer Linien formieren. Den politischen Willen vorausgesetzt, könnten ethnische Konflikte Simbabwe auch in Zukunft erspart bleiben.

Zwei rote Streifen

In der Mitte der simbabwischen Nationalflagge verlaufen zwei rote Streifen parallel zu einem schwarzen. Den Kindern wird beigebracht, der schwarze stehe für die schwarze Mehrheit der Bevölkerung – die beiden roten für das Blut, das während des Unabhängigkeitskrieges vergossen wurde. Die Flagge erinnert an die Schmerzen, unter denen die Nation entstanden ist. Die Tragik Simbabwes besteht jedoch darin, dass die Schmerzen nach der Erlangung der Unabhängigkeit nicht aufgehört haben, und dass der erste und einzige Führer des Landes mittlerweile nicht nur das zerstört hat, was er nach der Unabhängigkeit vorfand, sondern auch das, was er selbst später aufgebaut hat.

Übersetzung: Holger Hutt

Petina Gappah ist eine simbabwische Schriftstellerin. Nach ihrem Jura-Studium in Cambridge, Graz und Harare veröffentlichte sie Kurzgeschichten und Essays, die mittlerweile in acht Ländern veröffentlicht wurden. Sie lebt derzeit in Genf, wo sie als Anwältin bei einer internationalen Organisation arbeitet, die Entwicklungsländern Rechtsbeistand in Fragen des internationalen Rechts leistet.

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11:56 18.04.2010
Geschrieben von

Petina Gappah | The Guardian

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