Gaby Wood, The Guardian
19.05.2009 | 17:20 3

Trolls und Drei-Stöße-Stümper

Porträt Die feministische Bloggerin Jessica Valenti hat schon Vergewaltigungs- und Todesdrohungen von einer Gruppe Online-Misogynisten erhalten. Ist das der Preis des Ruhms?

Im September 2006 traf die damals 27-jährige feministische Bloggerin Jessica Valenti aus dem New Yorker Stadtteil Queens den ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton. Dieser lud links-liberale Blogger in sein Harlemer Büro zum Lunch ein. Valenti weiß nicht mehr viel von dem, was Clinton damals sagte, an die Veranstaltung selbst kann sie sich hingegen noch gut erinnern. Und dank des Internet können wir dies ebenfalls. Nach dem Lunch wurde ein Gruppenfoto gemacht. Valenti, die zufällig langes braunes Haar und eine schöne Figur hat, stand vor Clinton und handelte sich damit etwas ein, das sie sich nie hätte vorstellen können.


Mehr zum Thema:

Riot Grrrls - nicht schön, aber laut


„Wer ist die Praktikantin?“, fragte ein Blogger. Ein anderer ging direkt zum Angriff über: „Offensichtlich machst du – im wörtlichen, wie im übertragenen Sinne – den Rücken krumm, um die Aufmerksamkeit auf deine Brüste zu lenken.“ Auch die Mainstream-Medien griffen die Story auf. Gibt man bei Google Valentis Namen ein, schlägt einem die Suchmaschine noch heute den verwandten Suchvorgang „jessica valenti breasts“ vor.

Ein Wikipedia-Spoof namens Encyclopaedia Dramatica gibt der Episode den Titel Boobgate (boob – Brust) und beschreibt Valenti folgendermaßen: „Jessica Valenti ist eine bekennende „dreckige Schlampe“ und Gründerin und Geschäftsführerin von Feministing.com, einem dieser Blogs, in denen es nur darum geht, die Brüste einzusetzen, um Aufmerksamkeit zu erhalten und die sich an Linke richten, die ein Verlangen nach sexuellen Inhalten haben (aber das Gefühl haben, sie müssten sich auf Dinge beschränken, die nicht sexistisch sind)“

Vom Fan zum Leser

Willkommen in der Blogosphäre, Jessica Valentis zweiter Heimat. Valenti ist tatsächlich Gründerin und Geschäftsführerin von Feministing.com (so viel stimmt), einem Blog, das seit nunmehr fünf Jahren Nachrichten und Kommentare bringt und zu den Waffen ruft. Sie ist außerdem Autorin dreier Bücher, die irgendwo zwischen Manifest und Selbsthilferatgeber angesiedelt sind. Ihre Seite hat jeden Monat eine halbe Millionen Leser, die meisten davon Frauen. Viele sind Teenager, die sonst keine Blogs lesen. Oftmals sind sie per Zufall auf die Seite gestoßen. Valenti erzählt gerne die Geschichte von dem Jessica-Simpson-Fan, der auf der Seite landete, weil diese einen Beitrag über Jessica Simpsons „gruseligen Vater“ und das Keuschheitsgelübde der Sängerin enthielt. Der Fan wurde zu einem regelmäßigen Leser.

Valenti ist der Ansicht, viel mehr Frauen wären Feministinnen, wenn das Wort nicht weithin als Synonym für wuchernde Körperbehaarung aufgefasst würde. „Als Teenagerin wusste ich, dass ich für die Möglichkeit zu einem legalen Schwangerschaftsabbruch war,“ erinnert sie sich. „Ich wusste, dass der Schönheitsmythos mich beschäftigte. Ich wusste, dass mich beschäftigte, was mit meiner Freundin los war, deren Freund sie verprügelte. Ich wusste aber nicht, dass das alles auf eine Sache hinauslief. Es war großartig, als dann alles für mich zusammenkam. Meiner Meinung nach brauchen viele Frauen diese Erfahrung und das Internet ist für sie viel leichter zugänglich. Das Internet verfügt über die wunderbar subversive Eigenschaft, Menschen anziehen und Botschaften verbreiten zu können, wie es uns vorher gar nicht möglich war. Jetzt kommt der Feminismus zu einem.“

Blogger liefern nicht nur Meinungen, meint sie, sondern spornen die Leute zum Handeln an – dazu, die Gesetzgebung zu beeinflussen und sich auf lokaler Ebene zusammenzutun. Aus dem letzten Präsidentschaftswahlkampf in den USA weiß man, wie diese neuen Graswurzeln aussehen und über welche Macht sie verfügen. Die volle Wirkung Valentis kann nicht bloß am Erfolg ihrer Bücher oder der Anzahl der Kommentare zu ihren Blog-Posts gemessen werden. Das Persönliche ist nicht mehr bloß politisch – es ist viral.

Ich treffe Valenti in ihrem hübschen Ziegelhaus in Sunnyside, Queens, einer Plansiedlung aus den 1920ern. An einer der Wände ihres Heims hängt ein edwardiansiches Poster, das vorgibt zu enthüllen, was tatsächlich im Kopf einer Frau vor sich geht: Pralinen, Liebesbriefe, Klamotten, Babys und kleine Hündchen sind da neben zwei elegant anmutenden Herren zu sehen. „Da mache ich mir of Gedanken drüber,“ sagt Valenti. „Worüber denken Frauen nach? Pralinen, Babys ... und Homosexuelle?“ Auf dem Esstisch liegt ein Stapel Einladungen zu ihrer Hochzeit, die für den Oktober geplant ist und die, seit Valenti im Guardian darüber geschrieben hat, viel Aufsehen erregt hat. Sie wird ein cremefarbenes Kleid tragen, ihren Nachnamen behalten und bittet statt Geschenken um Spenden an eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich für das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehen einsetzt. Ihr 25-jähriger Verlobter Andrew bezeichnet sich ebenfalls als Feminist und ist stellvertretender Verleger des Politik-Blogs talkingpointsmemo.com.

Prostituierte und Drogensüchtige

Valenti wuchs in einem Geschäft auf, in dem BHs verkauft wurden. Für sie gab es ganz bestimmt nie einen Grund, Büstenhalter zu verbrennen. Der Laden war eines von mehreren kleinen Geschäften ihrer Eltern, die heute ein Reformhaus besitzen. Jessica und ihre jüngere Schwester Vanessa, ebenfalls Feministing-Mitarbeiterin, gehören einer großen italo-amerikanischen Familie an, deren Mitglieder lange alle im selben Block in Long Island City lebten. „Jetzt ist es dort irgendwie künstlerisch-szenig,“ erzählt Jessica. „ Aber als ich aufwuchs, wollte keiner meiner Freunde mich besuchen kommen. Die Nachbarschaft galt damals als ziemlich beschissen. Es gab viele Prostituierte und Drogensüchtige. Aber mir gefiel’s!“

Jessicas Eltern lernten sich kennen, als ihre Mutter zwölf war und heirateten, als sie 17 war. Sie weichen fast nie von der Seite des anderen. Valentis Mutter nahm an ihrem ersten Pro-Choice-Marsch teil, als sie 13 war. Valenti beschreibt ihre Eltern als „große Hippies“, die ein Haus in Woodstock haben, und ab und zu Batik tragen.

Als Teenager war Valenti eine glühende Anhängerin von Naomi Wolf. Also schickten ihre Eltern sie eines Tages zu einem von Wolf abgehaltenen Workshop. Es sollte ein Schock für die Tochter werden. Unter anderem führte Wolf eine Übung durch, bei der es darum gehen sollte, das Selbstwertgefühl der Teilnehmer zu stärken. Jeder sollte eine Liste mit den zehn Dingen anfertigen, auf die er am stolzesten war und dann eine Rede über diese halten. Bei der Erinnerung zuckt Valenti noch heute zusammen: „Die Leute standen auf und erzählten, wie sie in Afrika Waisenkinder gefüttert haben. Ich war siebzehn und konnte da nicht mithalten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auf meiner Liste stand: „Bin nett zu meiner Schwester.“ Ich wurde also immer nervöser. Sie muss meine völlige Demütigung gespürt haben, denn sie wählte mich aus, eine Rede zu halten. Ich fing an zu weinen und sie sagte: „Wenn du das nicht machst, kannst du hier nicht bleiben!““ Valenti lacht: „Danach hielt ich mich erstmal ein paar Jahre vom Feminismus fern.“

Stellen Valenti, ihre Leserschaft und die Follower ihres Blogs eine vierte Welle des Feminismus dar? Schwer zu sagen, da sie nicht – oder zumindest nicht ausdrücklich – in einen bestimmten historischen Kontext eingebettet sind. Danach gefragt, welche ihrer College-Lektüren sie zum „richtigen“ Feminismus gebracht habe (sie spricht von dem Moment, in dem das Wort Feminismus sie nicht mehr zum Ausflippen gebracht habe), nennt sie keine bestimmten Heldinnen oder Autorinnennamen. Vielleicht hat Naomi Wolf ihr das für immer abgewöhnt. Stattdessen sagt sie einfach, sie habe einen von anderen Vordiplomanden ausgerichteten Einführungskurs zum Feminismus belegt und gedacht: „Mit mir ist ja doch alles in Ordnung! Ich war völlig zu Recht sauer über gewisse Sachen! Da ich schon immer eine eigene Meinung und eine große Klappe hatte und immer gesagt bekam, ich sei nicht damenhaft genug, war das für mich eine persönliche Bestätigung.“

Besser im Bett

Mit ihren Büchern hofft sie genau diese Botschaft vermitteln zu können. Das erste mit dem Titel Full Frontal Feminism, das sie vor zwei Jahren schrieb, sollte jungen Frauen zeigen, dass Feminismus cool sein „und dein Leben verbessern“ kann. Die Kapitel tragen Überschriften wie „Sisterhood, My Ass“ („Schwesternschaft, von wegen!“) oder „At risk, my ass!“ (Von wegen gefährdet!) und geben unter anderem Auskunft darüber, was sie sonst noch alles angestellt hat. So verkündet Valenti: „Ich bin besser im Bett als du. Und das habe ich dem Feminismus zu verdanken.“

Sie eröffnet dem Leser Einblicke in ihre Erlebnisse: „Ich bin mir voll und ganz darüber im Klaren, dass es Spaß macht, auszugehen und Party zu machen. Scheiße, ich habe einen Kater, während ich das hier schreibe.“ – und in ihre Erinnerungen: „Ich habe mal wahnsinnig gern ein T-Shirt getragen, auf dem stand I DON’T FUCK REPUBLICANS“. Durchsetzt ist das Ganze mit statistischen Informationen über die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen und über die Anzahl der nicht zur Anzeige gebrachten Vergewaltigungen. Das Buch erscheint gerade in vierter Auflage.

Ein Jahr später veröffentlichte Valenti ein zweites Buch: He’s a Stud, She’s a Slutand 49 Other Double-Standards Every Woman Should Know. Eingangs stellt sie sich selbst als Mädchen vor, das an der High School einen Ruf „als Schlampe“ hatte und fragt sich: „Und selbst wenn ich mit jedem Typen meines Jahrgangs geschlafen hätte? Warum, verdammt nochmal, würde mich das zu einem schlechten Menschen machen?“

In ihrem neuen Buch The Purity Myth, greift sie diese Erinnerung wieder auf. „Zählten die Feinheiten meines Charakters überhaupt nicht?“, fragt sie, um dann, nach der Behauptung Jungfräulichkeit gäbe es gar nicht, weil es keine universell anerkannte medizinische Definition gäbe, einige aus eigener Erfahrung hergeleitete Abgrenzungen anzubieten: „Meine College-Mitbewohnerin Jen und ich hatten die Drei-oder-mehr-Stöße-Regel. Weniger als drei Stöße musste man nicht als Sex zählen.“ Diese glücklichen männlichen Betroffenen nannten sie dann die „three pump chumps“, die „Drei-Stoß-Stümper“.

Die Tugend der Jungfräulichkeit

The Purity Myth ereifert sich über ein kulturelles Phänomen, dem sich junge Amerikanerinnen spätestens seit der Präsidentschaft George W. Bushs ausgesetzt sehen. Mit dem Aufkommen staatlich geförderter Erziehung zur Abstinenz, der ständig drohenden Abschaffung des Rechts auf Abtreibung und dem allgemeinen Propagieren der Tugend der Jungfräulichkeit, will Valenti „eine neue Art des Denkens über Frauen als moralische Akteure skizzieren, die ihre Körper nicht beeinhaltet“.

Eine löbliche Absicht, wenngleich sie im Widerspruch zu der Behauptung stehen zu scheint, dass der Feminismus einen zu einer besseren Beischläferin macht. Unerheblich ist der weibliche Körper durch Valentis bisheriges Werk sicher nicht geworden. Immerhin spricht und scherzt sie in all ihren Büchern auch über Schambehaarung („Was haben Petersilie und Schamhaare gemeinsam? Man schiebt sie vor dem Verzehr beiseite.“)

Gefragt, ob sie alles Private für politisch hält, antwortet sie „Nein.“ Und dann: „Ich meine, das ist schwer, oder? Eine der Schwierigkeiten, besonders beim Bloggen, besteht darin, dass man alles Persönliche raus ins Politische zerrt. Die Schwierigkeit besteht, zumindest für mich, darin, einen Teil des Persönlichen für mich zu behalten. Ich frage mich oft, ob ich wieder unter meinem echten Namen schreiben würde, wenn ich noch einmal neu dort anfangen könnte, wo ich vor fünf Jahren war, als ich den Blog ins Leben rief. Ich weiß es nicht. Manchmal wünschte ich, ich hätte ein Pseudonym verwendet. Es ist schon vorgekommen, dass Leute meine Adresse und Telefonnummer veröffentlicht und dazu aufgerufen haben, mich zu vergewaltigen. Ich habe Todesdrohungen erhalten. Es ist ein bisschen schwierig zu erklären, aber es gibt da diese Online-„Trolls“, die sich Anonymus nennen. Im Grunde sind es anonyme, misogyne Internet-Unruhestifter.“

„Einmal habe ich ein Video über Frauenhass im Internet gepostet und darin gesagt, dass wir feministischen Blogger immer unter unseren eigenen Namen bloggen und aussprechen, woran wir glauben, wohingegen die sexistischen und homophoben Blogger, die Vergewaltigung propagieren, von Anonymität geschützt sind. Ich habe gesagt: Wenn ihr wirklich so denkt, dann habt auch den Mumm zu sagen, wer ihr seid. Sie sind vollkommen durchgedreht. Sie haben die Website in dieser Nacht heruntergenommen. Ich habe 5.000 E-Mails erhalten, in denen es hieß: Du Fotze, du Schlampe, ich werde dich umbringen, ich werde dir die Brüste abschneiden ... alle möglichen sexuell gewalttätigen, Angst einflößenden Sachen.“

Todesdrohungen meldet Valenti dem FBI, von dessen unverzüglicher und entschlossener Reaktion sie zunächst überrascht war. Für die alltäglichen Dinge – harmlose Fragen über ihre Hochzeit, weniger harmlose darüber, wie oft sie abgetrieben hat, die Forderung, die Wahl ihres Hundes aus feministischer Sicht zu rechtfertigen (wie konnte sie bloß einen von einem Züchter und nicht einen aus einem Tierheim nehmen?) – hat sie vielleicht eine neue politische Kampagne zur Hand. Eine Kampagne zur Entpolitisierung. “Wir erobern uns die Nacht zurück“? Das war vielleicht in den alten Zeiten so. Für eine feministische Bloggerin von heute gibt es so viel mehr zurück zu erobern. „Ich will zum Beispiel nicht, dass alles politisch ist“, beharrt Valenti. „Ich betrachte nicht alles durch eine politische Brille. Echt nicht.“

Gekürzte Fassung. Übersetzung: Zilla Hofman

Kommentare (3)