„Tyrannei, die sich von Menschen ernährt“

Interview Shoshana Zuboff könnte sich eine digitale Welt auch ohne Überwachungskapitalismus vorstellen
„Tyrannei, die sich von Menschen ernährt“
Im Strudel des Algorithmus'

Foto: Martin Lengemann/Ullstein

Willkommen im Zeitalter des Überwachungskapitalismus! Noch ist nicht ausgemacht, wie die digitale Revolution unser Leben verändern wird, wir stehen ja noch ganz am Anfang. Der Zustand der Debatte darüber gleicht deswegen oft jener „informierten Verwunderung“, die Manuel Castells diagnostiziert. Shoshana Zuboff aber hat dazu nun ein scharfsinniges Buch veröffentlicht: einen Versuch, unsere Zeit auf den Begriff zu bringen.

der Freitag: Frau Zuboff, was verstehen Sie unter „Überwachungskapitalismus“?

Shoshana Zuboff: Der Überwachungskapitalismus ist ein historisches Phänomen, keine technologische Zwangsläufigkeit. Er wurde um das Jahr 2001 herum erfunden, von einer Firma namens Google. Google hat ihn mithilfe von Versuch und Irrtum entwickelt, genauso wie Ford die Massenfertigung entwickelt hat.

Wie kam es dazu?

Der Überwachungskapitalismus war die Antwort auf die finanzielle Notlage, die durch das Platzen der Dotcom-Blase entstanden war. Das noch junge Unternehmen Google sah sich mit einem Vertrauensverlust aufseiten der Investoren konfrontiert, also verwarf Google seine vormals erklärte Abneigung gegen Werbung und entschloss sich, seine Werbeeinnahmen vielmehr dadurch zu steigern, dass es seinen exklusiven Zugang zu Nutzerdaten zu einer Einnahmequelle machte. Operativ bedeutete das, dass Google seine wachsende Menge an Verhaltensdaten zu einem Datenmehrwert machte und Methoden entwickelte, um aggressiv mehr und neue Daten generieren zu können. Dazu entwickelte Google neue Methoden geheimer Mehrwertabschöpfung, indem es Daten ermittelte, welche die Nutzer gar nicht teilen wollten, und gleichzeitig in großem Maße persönliche Informationen ableitete, die die User ebenfalls nicht von alleine zur Verfügung stellen würden. Dieser Überschuss wurde dann daraufhin analysiert, was es in Bezug auf zukünftiges Klickverhalten vorhersagen konnte, was die Grundlage für „targeted advertising“, also gezielte Werbung, schuf.

Die Geburt des Überwachungskapitalismus aus dem Geist der personalisierten Online-Anzeige?

Sein Ursprung liegt in einem neuen und lukrativen Zusammentreffen: einem Überschuss an Verhaltensdaten, Data Science, der materiellen Infrastruktur und der Rechenleistung, Algorithmen und automatisierten Plattformen. Als die Klickraten der Online-Werbebanner in die Höhe schossen, wurden Google-Ads sehr schnell genauso wichtig wie die Google-Suche und entwickelten sich schließlich zum Eckpfeiler eines neuen Geschäftsmodells, das auf Online-Überwachung im großen Stil fußt. Sein Erfolg wurde erst sichtbar, als Google 2004 an die Börse ging und offenlegte, dass sein Umsatzerlös sich zwischen 2001 und 2004 um 3.590 Prozent erhöht hatte.

Das heißt, der Überwachungskapitalismus begann bei der Werbung und verallgemeinerte sich dann?

Ja, er wurde schnell zum Standardmodell für die Kapitalakkumulation im Silicon Valley und von nahezu jedem Start-up aufgegriffen. Eine Google-Managerin – Sheryl Sandberg – brachte ihn von Google zu Facebook, als sie 2008 dort die Nummer zwei wurde. Mittlerweile ist der Überwachungskapitalismus nicht mehr länger auf einzelne Unternehmen beschränkt, nicht einmal mehr auf die Digitalwirtschaft, sondern hat sich auf ein breites Spektrum von Produkten, Dienstleistungen und ganzen Sektoren ausgebreitet, etwa Versicherungen, Einzelhandel, Gesundheit, Finanz, Unterhaltung, Bildung, Transport und so fort. Fast jedes Produkt und jede Dienstleistung, die mit dem Wort „smart“ oder „personalisiert“ beginnen, jedes internetfähige Gerät, sind bloß Schnittstellen im ungehinderten Fluss der Verhaltensdaten auf ihrem Weg in unsere zukünftige Überwachungsökonomie.

Die Geschichte des Internets ist also eine der Eroberung. Was auch dem Begriff „Digital Native“ eine neue Bedeutung verleiht.

Ja, das ist eine fast tragisch naive Bezeichnung. Wenn Sie an die Zeit der kolonialen Eroberung denken, an Kolumbus, da sprechen Historiker von einem „Eroberungsschema“ mit drei Phasen: erstens rechtliche Schritte, um die Invasion zu rechtfertigen, zweitens die Erklärung territorialer Ansprüche und schließlich die Gründung einer Stadt, um diese Erklärung zu legitimieren. Die ersten Überwachungskapitalisten eroberten ebenfalls per Deklaration: Sie erklärten, sie hätten das Recht, sich unsere private Erfahrung anzueignen, sie in Daten zu verwandeln, um sie als Privateigentum zu besitzen. Google begann damit, einseitig zu behaupten, das World Wide Web gehöre ihm und seiner Suchmaschine. Der Überwachungskapitalismus begann dann mit einer zweiten Erklärung, in der Google Anspruch auf unsere Erfahrung erhob, um damit Profit zu machen, sie an andere Unternehmen weiterzuverkaufen. In beiden Fällen nahm Google, ohne zu fragen. Diese Vision spiegelt die Geschichte des Kapitalismus perfekt wider, die dadurch gekennzeichnet ist, dass er sich Dinge aneignet, die noch außerhalb der Sphäre des Marktes existieren, und sie dann zu Waren macht. Einst haben wir Google durchsucht, jetzt durchsucht Google uns. Früher glaubten wir, digitale Dienstleistungen seien frei verfügbar, heute denken Überwachungskapitalisten, wir seien frei verfügbar.

Zur Person

Shoshana Zuboff, 67, studierte Sozialpsychologie und lehrte dann von 1981 bis zu ihrer Emeritierung Betriebswirtschaftslehre an der Harvard Business School. Schon seit den 1980ern beschäftigt sie sich kritisch mit der Wissens- und Informationsgesellschaft, etwa in ihrem Buch In the age of the smart machine (1988). Ihr Buch Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus (Campus 2018) empfahl Freitag-Autor Wolfgang M. Schmitt in Ausgabe 47/2018 als allgemeine Schullektüre

Es ist aber nicht zwingend, dass diese neue Spielart des Kapitalismus aus den technologischen Innovationen hervorgeht?

Während es unmöglich ist, sich den Überwachungskapitalismus ohne das Digitale vorzustellen, lässt sich das Digitale leicht ohne den Überwachungskapitalismus denken. Dieser Punkt kann nicht genug betont werden: Der Überwachungskapitalismus ist nicht gleichbedeutend mit der Technologie. Digitale Technologien können viele Formen annehmen und viele Effekte haben, abhängig von der sozialen und ökonomischen Logik, die sie zum Leben erweckt. Der Überwachungskapitalismus fußt auf Algorithmen und Sensoren, auf maschineller Intelligenz und Plattformen, ist aber mit keinem von ihnen identisch.

Wie wird sich der Überwachungskapitalismus weiterentwickeln?

Sein Fokus wird sich von den individuellen Nutzern auf Bevölkerungsgruppen, etwa Städte, und schließlich auf die Gesellschaft als Ganzes richten. Überwachungskapitalisten sind getrieben vom Wettbewerb um immer bessere Prognose-Produkte: Zuerst haben sie gelernt, dass die Vorhersage desto besser ist, je größer der Datenüberschuss. Dann haben sie gelernt, dass der prognostische Wert eines Datenüberschusses wächst, je vielfältiger die Daten sind. So folgten sie uns vom Büro zum Mobiltelefon, hinaus in die Welt: in unser Auto, unsere Laufrunde, unseren Einkauf, unsere Parkplatzsuche, unser Blut und unser Gesicht. Doch die Entwicklung machte da nicht Halt. Schließlich haben sie verstanden, dass die besten Verhaltensdaten mit prognostischem Wert sich aus dem gewinnen lassen, was ich „Handlungsökonomien“ nenne: also Systeme, die ins Geschehen eingreifen und das Verhalten tatsächlich verändern und in Richtung eines erwünschten kommerziellen Ergebnisses beeinflussen. Es geht nicht mehr darum, die Informationsflüsse über uns zu automatisieren; das Ziel besteht nun darin, uns selbst zu automatisieren. Diese Prozesse sind darauf ausgerichtet, Unwissenheit zu produzieren, indem das individuelle Bewusstsein umgangen und jede Möglichkeit der Selbstbestimmung ausgeschaltet wird. Die Botschaft hier ist einfach: Einst gehörte ich mir. Heute gehöre ich ihnen.

Welche Implikationen hat das für die Demokratie?

Es ist ein marktgetriebener Putsch von oben: eine Revolte gegen die Menschen, verborgen in dem trojanischen Pferd der digitalen Technologie. Weil er sich der menschlichen Erfahrung in nie da gewesener Weise bemächtigt, führt dieser Putsch zu einer enormen Konzentration von Wissen und Macht. Es handelt sich um eine Form der Tyrannei, die sich von den Menschen ernährt, ohne ihnen etwas zu geben. Paradoxerweise wird dieser Putsch als „Personalisierung“ gefeiert, obwohl er an dir und mir alles Persönliche beschädigt, ignoriert, aufhebt und verdrängt.

Unsere Gesellschaften scheinen von alldem hypnotisiert zu sein, wie die Hasen im Scheinwerfer eines anrollenden Pkw.

Wir sind in einer unfreiwilligen Verschmelzung von persönlicher Notwendigkeit und wirtschaftlicher Verwertung gefangen. Dieselben Kanäle, auf die wir uns bei der sozialen Interaktion, der Arbeit, Bildung, Gesundheitsvorsorge, dem Zugang zu Produkten und Dienstleistungen und vielem mehr verlassen, dienen nun auch zur Versorgung des Datenflusses, mit dem der Überwachungskapitalismus seine Gewinne erzielt.

Was müssten wir tun, um das in den Griff zu bekommen, bevor es zu spät ist?

Die Digitalkapitalisten wollen uns glauben machen, die Technik sei unvermeidbar und ihnen die Hände gebunden. Doch Technik ist die Puppe, der Überwachungskapitalismus ist der Puppenspieler. Er ist von Menschenhand gemacht und muss in der politischen Sphäre konfrontiert werden. Dazu wird die Idee der „Dateneigentumsrechte“ oft als Lösung gehandelt. Doch welchen Sinn hat es, Daten zu besitzen, die eigentlich überhaupt nicht existieren sollten? Überwachungskapitalisten extrahieren Wert nicht nur aus dem Inhalt dessen, was Sie schreiben, sondern aus den Ausrufezeichen in Ihrem Posting, und nicht nur daraus, wohin Sie gehen, sondern auch noch aus der Art Ihres Ganges. Die Nutzer könnten das „Eigentum“ an den Daten erhalten, sie werden aber nicht das Eigentum an dem Überschuss oder den Vorhersagen erhalten, die daraus abgeleitet werden – nicht ohne neue rechtliche Begriffe, die auf einem Verständnis dieser Abläufe aufbauen.

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 02.04.2019
Geschrieben von

John Naughton | The Guardian

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