Über das Verborgene sprechen

Twitter Penelope Trunk hat einen populären Tweet. Dort twitterte sie über ihre Fehlgeburt. Daraus machten die Medien einen Skandal. Nun wehrt sich die Amerikanerin

Vor kurzem habe ich getwittert: „Bin in einer Vorstandssitzung. Habe eine Fehlgeburt. Gott sei Dank, es dauert nämlich verfluchte drei Wochen, bis man in Wisconsin einen Abtreibungstermin kriegt.“

Ich bin 42 Jahre alt und betreibe eine Social-Networking-Site für Karriereplanung sowie einen Blog mit einer halben Million Besuchern pro Monat. Auf Twitter ist mein Tweet einer der populärsten überhaupt. Ich habe über mein Sexualleben getwittert, über meine Periode und sogar über eine kleinere Auseinandersetzung mit der Polizei. Twitter gibt mir die Möglichkeit, die wichtigsten Dinge zu dokumentieren, die in meinem Leben passieren. Ich dachte also keine Sekunde daran, irgendjemand könnte sich über meine Nachricht aufregen. Aber genau das geschah.

"Haben Sie denn überhaupt kein Schamgefühl?"

Fernsehsender, Blogs und Zeitungen aus aller Welt berichteten über das, was ich geschrieben hatte. Die Leute posteten ihre Kritik auf meinem Blog. Ich wurde sogar von CNN interviewt, dessen Nachrichtenmann mich frage: „Junge Frau, haben Sie denn überhaupt kein Schamgefühl?“. Die Familie meines Freundes versuchte diesen am Telefon dazu zu bewegen, mit mir Schluss zu machen. Meine Mutter hingegen war stolz auf mein CNN-Interview und schickte es an alle ihre feministischen Freundinnen.

Die Leute waren schockiert über meine Reaktion auf meine Fehlgeburt. Ich aber war schockiert über ihre Empörung. Ich habe keine Ahnung, warum die Leute glauben, es gebe auf alles eine „richtige“ Reaktion, auch auf eine Fehlgeburt. Gefühle sind eine komplizierte Angelegenheit. Manchmal brechen Menschen in Krisensituationen in Gelächter aus, weil sie sich nicht kontrollieren können. Es gibt Leute, die mitten in einem Streit einfach davonlaufen und Eltern, die ihre Kinder schlagen, obwohl sie sie lieben. Auch Schwangerschaften sind kompliziert. Das wusste ich, als ich diesen Tweet schrieb.

Ich habe zwei Kinder zur Welt gebracht und sie sind die Liebe meines Lebens. Sie sind vier und sieben. Sie sind schwierig, lustig, Angst einflößend, clever, und brauchen ständig etwas von mir – dank ihnen kommt mir mein Leben erfüllt und wichtig vor.

Ich verstehe auch, welchen Schmerz eine Fehlgeburt verursachen kann. Ich hatte eine zwischen meiner ersten und meiner zweiten Geburt und dachte, ich würde mich nie davon erholen. Ich erinnere mich an das Gesicht der Frau, die das Ultraschallgerät bediente, als sie sah, dass das Kind tot war. Ich wusste es, bevor sie es mir sagte. Ich fing an zu schreien und musste in ein anderes Zimmer gebracht werden, weil ich eine Panikattacke bekam und fast in Ohnmacht gefallen wäre. Tagelang war ich untröstlich. Ich hatte Angst, nie wieder ein Kind kriegen zu können. Ich hasste mich dafür, nicht versucht zu haben, schon früher Kinder zu bekommen.

Dieses Mal aber war es anders. Ich wusste, dass ich das Baby nicht wollte. Ist das so schlimm? Ich hatte einen Test gemacht, als mir auffiel, dass ich meinen Tagesablauf nicht wie gewohnt meistern und bei der Arbeit kaum wach bleiben konnte. Als der positiv ausfiel, fühlte ich mich alt, verängstigt und wütend. Als ich meinen Freund anrief, um es ihm zu sagen, weinte er. Er hält nichts von Abtreibung. Aber ich habe ein autistisches Kind und die Wahrscheinlichkeit, dass auch das nächste davon betroffen wäre, liegt bei 90 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit, dass eine über 40 Jahre alte Mutter ein Kind mit Down-Syndrom zur Welt bringt, liegt bei einem Prozent. Bei einer 42-Jährigen liegt die Wahrscheinlichkeit einer Fehlgeburt bei über 50 Prozent. Das sind keine guten Aussichten. Ich bin Alleinverdiener. Ich wusste, dass die Risiken dieser Schwangerschaft hoch waren und wenn ich ein behindertes Kind zur Welt gebracht hätte, hätte ich mich nicht mehr wie bisher um meine beiden anderen Kinder kümmern können.

Deshalb war ich natürlich erleichtert, dass ich keine Abtreibung vornehmen musste, weil die Entscheidung für mich gefällt worden war. Dass dieser Umstand ein solches Streitthema ist, erschüttert mich. Ich hatte bereits eine Abtreibung. Ich weiß, wovon ich rede. Eine Abtreibung ist moralisch schwierig, macht einen emotional fertig, und für gewöhnlich redet man nicht darüber.

Die Hälfte aller Amerikanerinnen wird ungewollt schwanger

Manche Leute sagen, ich hätte einfach überhaupt nicht erst schwanger werden sollen. Aber gemäß einer Studie des amerikanischen Guttmacher Instituts (eine Non-Profit-Organisation, die sich für den Schutz der reproduktiven und sexuellen Rechte einsetzt), haben die meisten Frauen, die eine Abtreibung vornehmen in dem Monat, in dem sie schwanger wurden, die Pille genommen. Und die Hälfte aller Frauen in den USA wird vor ihrem 45. Lebensjahr einmal ungewollt schwanger.

Was die Kritiker meines Tweets übersehen, ist der Umstand, wie das Recht einer Frau auf Abtreibung im Bundesstaat Wisconsin, wo ich lebe, beschnitten wird. Wisconsin ist einer von zwölf Staaten, die Mütter 24 Stunden warten lassen, bevor sie einen Termin für eine Abtreibung vereinbaren können. Die Krankenkassen bezahlen für die Abtreibung nur, wenn sie in einer bestimmten Klinik durchgeführt wird, von der es im ganzen Staat nur drei Niederlassungen gibt. Für den ersten Termin gibt es eine Warteliste von eineinhalb Wochen und die Warteliste für die Abtreibung selbst ist ebenso lang. Meines Erachtens ist dieser Umstand viel wichtiger als die Frage, ob ich meine Privatangelegenheiten öffentlich teilen soll.

Manche Leute sind der Meinung, eine Fehlgeburt sei viel zu privat, um am Arbeitsplatz darüber zu sprechen. Warum nur? Sie ist eine wichtige Erfahrung im Leben einer Frau. Sie ist weder schmutzig, noch böse, noch schändlich. Viele Frauen haben im Laufe ihres Lebens eine Fehlgeburt. Das gehört zum Frausein dazu. Und die meisten Männer im Büro haben bestimmt schon einmal erlebt, dass eine Partnerin eine Fehlgeburt hatte. So etwas passiert nicht mal eben an einem Tag, das zieht sich über Wochen hin. Und es passiert am Arbeitsplatz. Wir sprechen bei der Arbeit über den Tod. Wir sprechen über Gewalt. Wir sprechen über alle möglichen Probleme, über Trennungen, kleine Missgeschicke und richtige Tragödien. Warum also können wir nicht über Fehlgeburten sprechen? Wem schadet es, wenn wir das Tabu aufheben?

Andere sagen, ich hätte meine Erfahrung nicht bei Twitter mitteilen sollen. Doch Twitter ist kein öffentliches Forum. Wer meine Tweets lesen will, muss sich für meine Updates registrieren. Und ich kann in jedem Fall einzeln zustimmen oder ablehnen. Unter den Leuten, die meinen Tweet abonniert haben, ist der Anteil derer, die sich durch meinen Fehlgeburts-Tweet beleidigt fühlten, sehr klein. Ich weiß das, weil man meinen Tweet kündigen kann, und das haben nur 70 Personen getan.

Wir haben ein Wort für Fehlgeburt. Wir sollten es benutzen

Ich glaube, dass die Geschichte der Frau in gewisser Weise viel mit Sprache zu tun hat. Je mehr Frauen über ihre Erfahrungen sprechen, umso mehr haben sie die Macht, diese zu beherrschen. Wörter wie Vergewaltigung und postnatale Depression geben uns Macht, sie geben uns die Möglichkeit, über Dinge zu sprechen, die verborgen blieben, als wir noch keine Worte hatten, um sie mitzuteilen. Wir haben ein Wort für Fehlgeburt. Wir sollten es benutzen, um die ganze komplizierte Angelegenheit, die das Wort umgibt, besser zu erforschen.

Wer darauf besteht, dass dieses Wort privat sein sollte, der zwingt die Frauen mit ihren Erfahrungen ins Dunkle zurück. Wer Frauen vorschreiben will, welches Medium für welches Gefühl angemessen ist, der untergräbt die Fortschritte, die wir gemacht haben.

Ich habe mir über all diese Dinge keine Gedanken gemacht, als ich meinen Tweet schrieb. Doch die Aufmerksamkeit der Medien hat mich dazu gezwungen, mir mehr Gedanken zu machen, und ich bin froh, dass ich das getan habe. Ich bin dadurch weiser geworden.

Übersetzung: Christine Käppeler/Holger Hutt

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09:00 07.11.2009
Geschrieben von

Penelope Trunk, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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