Über Schrottpapiere gestolpert

USA Gegen die Investmentbank Goldman Sachs wird wegen unsauberer Geschäfte ermittelt. Sie sollen 2009 den Ausbruch der Finanzkrise in Europa beschleunigt haben

In den vergangenen Monaten haben wir einiges über Goldman Sachs gelernt. Im Februar erfuhren wir, dass die Investmentbank eine zentrale Rolle dabei spielte, dass Griechenland sein Staatsdefizit vor der EU und den Finanzmärkten geheim halten konnte. Goldman hatte Griechenland komplexe Kreditderivate verkauft, so genannte Swaps, die durch zukünftige Einnahmen aus Posten wie Flughafengebühren gegenfinanziert werden sollten. De facto handelte es sich dabei um ein Darlehen, doch der Swap ermöglichte es der griechischen Regierung, das geliehene Geld in ihren Büchern nicht als solches ausweisen zu müssen. Andernfalls hätte das Haushaltsdefizit den Grenzwert der Eurozone überstiegen. Heute gefährdet Griechenlands Finanz-Kollaps bekanntlich die Stabilität des Euro.

Eine gute Anlage

Dann wurde Goldman im März von einer ehemaligen Vizepräsidentin wegen Diskriminierung verklagt. Charlotte Hanna war 2005 nach ihrer Rückkehr aus dem Mutterschaftsurlaub innerhalb des Konzerns degradiert worden; als sie 2009 zum zweiten Mal in Mutterschutz war, wurde sie eine Woche vor ihrer Rückkehr entlassen. Der Fairness halber muss man sagen, dass Goldman mit dieser Praxis nicht allein dasteht.

Doch die heißeste Nachricht ist nun die Anklage gegen Goldman wegen der Collaterized Debt Obligation (CDO), die von der Bank aus hypothekarisch gesicherten Wertpapieren zusammengestellt wurde. Von diesem CDO waren Verluste zu erwarten, doch die Bank verkaufte es den Kunden als gute Anlage. Der Hauptvorwurf ist, dass der Hedge-Fonds-Manager John Paulson bereits 2007 erkannt haben soll, dass die Blase in sich zusammenfallen würde. Damit war klar, viele Hypotheken würden verfallen, besonders die Subprime-Hypotheken. Im Fall einer solchen Schuldverschreibung hatten Hausbesitzer nur wenige oder keine echten Sicherheiten. Ihnen drohte, auf höhere Zinssätze zurückgestuft zu werden. Paulson machte mit Goldman Sachs einen Deal, der vorsah, dass er die hypothekarisch gesicherten Wertpapiere auswählen würde, die in das CDO gepackt werden sollten. Er wettete dann gegen das CDO, indem er Kreditausfallversicherungen – so genannte Credit Default Swaps (CDS) – auf den CDO erwarb. Quasi eine Versicherungspolice, deren Emittent für den Verlust aufkommen muss, wenn ein Vermögenswert verfällt.
Goldmans Teil des Deals bestand darin, Trottel zu finden, die diese Krücke kaufen würden.

Die Börsenaufsicht SEC wirft Goldman nun vor, die Bank habe Paulsons Rolle bei der Zusammenstellung des CDO verschleiert. Goldman soll den Anlegern angeblich gesagt haben, das Papier sei von unabhängigen Personen zusammengestellt worden, anstatt darüber zu informieren, dass die Vermögenswerte von einem Hedge-Fonds-Manager ausgewählt worden waren, der auf eine Minusoption spekulierte.

Natürlich ging Paulsons Wette auf, das CDO, das er zusammengestellt hatte, erwies sich tatsächlich als Schrott. Er machte eine knappe Milliarde Dollar Gewinn, unter anderem auch dadurch, dass er von einer Versicherung, die durch eine große deutsche Bank gestützt wurde, Credit Default Swaps erwarb. Dieses Geschäft trug dazu bei, dass sich die Auswirkungen der Immobilienkrise auf Europa ausweiteten, was dort zu einer Finanzmarktkrise führte.

Großer Blutsauger

Ähnliche Geschäfte schloss Goldman mit dem Versicherungskonzern AIG ab. Der konnte seinen Teil der Wette natürlich nicht begleichen. Und so bekamen Paulson und andere Spekulanten, die auf eine Minusoption gesetzt hatten, ihr Geld freundlicherweise von den Steuerzahlern: Die Regierung sprang ein, um AIG zu retten. Auch Goldman soll Credit Default Swaps erworben haben, mit denen die Bank gegen die eigenen CDOs gewettet haben soll. Es ist allerdings nicht sicher, ob es dabei um das Paulson-CDO ging. So oder so hat Goldman von der ganzen Angelegenheit profitiert, denn Paulson zahlte 15 Millionen Dollar für die Dienste der Bank.
Aus Fairness gegenüber Goldman muss gesagt werden, dass sie wohl kaum unmoralischer gehandelt haben als jeder beliebige andere große Akteur der Wall Street – sie waren nur effektiver. Alles in allem sollte das unmissverständlich klar machen, wie dringend die großen Banken zerschlagen werden müssen und wie notwendig eine ernsthafte Finanzmarktreform ist.

Solange Finanzmarktregulierungen nichts anderes sind, als ein Gespräch unter Freunden, werden sie nicht ernsthaft funktionieren, selbst wenn wir bessere Aufsichtsstrukturen einführen. 2009 bezeichnete der Rolling Stone-Autor Matt Taibbi Goldman Sachs als „einen großen, blutsaugenden Kraken, der sich um das Gesicht der Menschheit geschlungen hat und sich mit seinen Tentakeln an allem festsaugt, was nach Geld riecht“. Es sollte sich herausstellen, dass Taibbis Urteil über die riesige Investmentbank viel zu milde war. Wir müssen den blutsaugenden Goldman-Kraken und alle anderen Exemplare dieser Spezies vernichten. Erst wenn wir diese Monster auf eine Größe geschrumpft haben, in der sie im Zaum zu halten sind, können wir zuversichtlich sein, sie erfolgreich zu regulieren.

Übersetzung: Christine Käppeler

Dean Baker ist Co-Direktor des Centre for Economic and Policy Research

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17:25 20.04.2010
Geschrieben von

Dean Baker | The Guardian

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