Überwachung gefährdet die Gesundheit

Achtung Schon lange ist aus psychologischen Untersuchungen bekannt, dass Überwachung Misstrauen, Konformität und Mittelmaß fördert
Überwachung gefährdet die Gesundheit
Foto: Alan Crowhurst / AFP / Getty

Die jüngsten Enthüllungen über den Umfang staatlicher Überwachung sind atemberaubend. Wir wissen jetzt, dass das britische Tempora-Programm große Mengen privater Kommunikation aufzeichnet, einschließlich – standardmäßig – unserer E-Mails, unserer Aktivitäten in Sozialen Netzwerken, unsere Suchchroniken und Telefonanrufe. Ein Großteil dieser Daten wird dann auch der amerikanischen National Security Agency zur Verfügung gestellt, die ihre eigenen (ehemals) geheimen Überwachungsoperationen betreibt. Ähnliche Programme werden in Russland, China, Indien und mehreren europäischen Ländern vermutet. 

Während Experten leidenschaftlich über die Vor- und Nachteile solcher Programme diskutiert haben, war von Seiten der Wissenschaft relativ wenig zu hören. Obwohl sie die einzige ist, die eine ganze Reihe empirischer Erkenntnisse über die psychologischen Auswirkungen von Überwachung vorlegen kann. Das Studium dieser Belege führt zu eindeutigen alarmierenden Schlussfolgerungen: Die willkürliche Sammlung von Informationen stellt eine große Gefahr für unsere geistige Gesundheit dar, schränkt unsere Leistungsfähigkeit ein, untergräbt den Zusammenhalt unserer Gesellschaften und birgt katastrophale Auswirkungen für unsere Zukunft.

Überwachung schadet der seelischen Gesundheit und schränkt die Leistungsfähigkeit ein

Seit über 15 Jahren wissen wir, dass Überwachung zu erhöhten Stress-Niveaus, Müdigkeit und Angstzuständen führt. Am Arbeitsplatz mindert sie darüber hinaus auch Leitungsfähigkeit und das Gefühl persönlicher Kontrolle. Eine Regierung, die massenhaft ihre Bürger überwacht, kann nicht glaubwürdig behaupten, ihr liege etwas an deren Wohlergehen oder Leistungsfähigkeit.

Überwachung fördert das Misstrauen gegenüber dem Staat

Menschen vertrauen einer Autorität soweit, wie sie diese als Vertreter ihrer eigenen Interessen ansehen. Untersuchungen legen nahe, dass Menschen eine begrenzte Überwachung tolerieren, solange sie glauben, ihre Sicherheit werde mit der Freiheit eines anderen erkauft. Sobald ihnen klar wird, dass sie in Wahrheit mit ihrer eigenen Freiheit bezahlen, zerreißt der Gesellschaftsvertrag. Wird dieses Vertrauen missbraucht, verändert dies die Definition von „wir“ und „sie“ in einer Art und Weise, die für einen demokratisch verfassten Staat gefährlich werden kann: Plötzlich steht der Großteil der Bevölkerung in Opposition zur eigenen Regierung.

Überwachung führt zu Konformismus

Seit über 50 Jahren wissen wir, dass Überwachung die Anpassung an gesellschaftliche Normen fördert. In den 1950ern hat der Psychologe Solomon Asch in einer Reihe klassischer Experimente gezeigt, dass Konformitätsdruck so stark ist, dass Individuen selbst dann der Menge folgen, wenn diese offensichtlich das Falsche tut. Ein Staat, der massenhaft seine Bürger ausspioniert, kann nicht behaupten, er wisse Innovationen, kritisches Denken oder Originalität zu schätzen.


Überwachung kann den Einfluss von Autoritäten untergraben

Die Chefs von Geheim- und Sicherheitsdiensten glauben vielleicht, dass Überwachung ihnen größere Kontrolle über die Bevölkerung gibt. Aber stimmt das wirklich? Die Antwort ist kompliziert. Eine jüngst veröffentlichte Studie kam zu dem Ergebnis, dass wenn Mitglieder einer Gruppe sich ihrem Anführer zugehörig fühlen und sich mit ihm identifizieren, Überwachung seinen Einfluss verringert, indem sie Feindseligkeiten und Misstrauen sät. Wenn sie ihren Anführer hingegen einer anderen gesellschaftlichen Gruppe zuordneten, hat die Überwachung dessen Macht hingegen erhöht.

Das ist deshalb interessant, weil es die gegensätzliche Motivationslage von Politikern und Geheimdiensten zeigt. Politiker müssen in einer Demokratie von dem Rest der Bevölkerung als der gleichen Gruppe angehörig betrachtet werden. Am deutlichsten zeigt sich das während des Wahlkampfes. Da können Politiker ihre Verwurzelung mit der Basis gar nicht oft genug betonen. Wenn sie aber die massenhafte Überwachung unterstützen, untergraben Politiker diese Verbindung.

Die Sicherheitsdienste haben hingegen die entgegengesetzte Motivation. Da sie ohnehin nichts anderes als gegenseitiges Misstrauen erwarten, ist es besser, sie wahren eine gewisse soziale Distanz zur Öffentlichkeit. Auf diese Art können sie sicher sein, als Fremdgruppe wahrgenommen zu werden, was – wie die Studie nahelegt – den Einfluss, den sich durch Überwachung erlangen können, erhöht.

Es gibt zwei Möglichkeiten, diesen Konflikt zwischen den Motivationen gewählter Volksvertreter und Geheimdienstleuten aufzulösen. Die eine besteht in der Akzeptanz des Totalitarismus, dem Bruch jeglicher sozialer Identifikation zwischen Politikern und Wählern. Demokratie verwandelt sich in einen Polizeistaat, in dem die Bevölkerung alle Teile von Regierung, Verwaltung und Repressionsapparat geschlossen als Fremdgruppe betrachtet. Eine Alternative besteht darin, die massenhafte Überwachung zu beenden und die Nachrichtendienste dazu zu zwingen, sich den Teilen der Regierung anzupassen, die die Freiheit zu schätzen wissen.

Klar ist, dass die Regierung nicht gleichzeitig als Eigen- und Fremdgruppe gelten kann. Sie kann nicht behaupten, der Freiheit der Bürger zu dienen, während sie diese im selben Atemzug verletzt. Selbst wenn sie auch sonst nichts bewirken sollten, so lassen die Enthüllungen Edward Snowdens diesen Widerspruch doch deutlich zutage treten.

Überwachung bereitet den Weg in eine triste Zukunft

Dass man auf Regierungsebene nicht viel von Psychologie versteht, zeigt sich jeden Tag, an dem die Regierungen dieser Welt weiter auf eine total überwachte Welt zumarschieren. Selbst in dem überwachungskritischen Bericht des britischen Unterhauses aus dem Jahr 2009 („Überwachung: Bürger und Staat“) ist auf 130 Seiten keine einzige Stimme eines Psychologen und kein einziger Verweis auf Jahrzehnte psychologischer Forschung zu finden.

Diese Erkenntnisse werden einfach ignoriert. Die Psychologie warnt uns, dass es in einer vollständig überwachten Welt nichts mehr geben wird, was es wert wäre, ausspioniert zu werden – eine graue, autoritätshörige Landschaft, in der wir die Fähigkeit verlieren, uns zu entspannen, Neuerungen zu treffen oder Risiken einzugehen. Eine Welt, in der die Definition von „angemessenem“ Denken und Verhalten so eng wird, dass selbst die kleinsten Normverstöße mit Ausschluss oder Bestrafung geahndet werden. Eine Welt, in der wir schließlich vielleicht selbst unsere letzte Verteidigungslinie aufgeben – die Fähigkeit, zurückzublicken und uns zu fragen: Warum haben wir uns das angetan?    

14:41 27.08.2013
Geschrieben von

Chris Chambers | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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