Chris Chambers
27.08.2013 | 14:41 9

Überwachung gefährdet die Gesundheit

Achtung Schon lange ist aus psychologischen Untersuchungen bekannt, dass Überwachung Misstrauen, Konformität und Mittelmaß fördert

Überwachung gefährdet die Gesundheit

Foto: Alan Crowhurst / AFP / Getty

Die jüngsten Enthüllungen über den Umfang staatlicher Überwachung sind atemberaubend. Wir wissen jetzt, dass das britische Tempora-Programm große Mengen privater Kommunikation aufzeichnet, einschließlich – standardmäßig – unserer E-Mails, unserer Aktivitäten in Sozialen Netzwerken, unsere Suchchroniken und Telefonanrufe. Ein Großteil dieser Daten wird dann auch der amerikanischen National Security Agency zur Verfügung gestellt, die ihre eigenen (ehemals) geheimen Überwachungsoperationen betreibt. Ähnliche Programme werden in Russland, China, Indien und mehreren europäischen Ländern vermutet. 

Während Experten leidenschaftlich über die Vor- und Nachteile solcher Programme diskutiert haben, war von Seiten der Wissenschaft relativ wenig zu hören. Obwohl sie die einzige ist, die eine ganze Reihe empirischer Erkenntnisse über die psychologischen Auswirkungen von Überwachung vorlegen kann. Das Studium dieser Belege führt zu eindeutigen alarmierenden Schlussfolgerungen: Die willkürliche Sammlung von Informationen stellt eine große Gefahr für unsere geistige Gesundheit dar, schränkt unsere Leistungsfähigkeit ein, untergräbt den Zusammenhalt unserer Gesellschaften und birgt katastrophale Auswirkungen für unsere Zukunft.

Überwachung schadet der seelischen Gesundheit und schränkt die Leistungsfähigkeit ein

Seit über 15 Jahren wissen wir, dass Überwachung zu erhöhten Stress-Niveaus, Müdigkeit und Angstzuständen führt. Am Arbeitsplatz mindert sie darüber hinaus auch Leitungsfähigkeit und das Gefühl persönlicher Kontrolle. Eine Regierung, die massenhaft ihre Bürger überwacht, kann nicht glaubwürdig behaupten, ihr liege etwas an deren Wohlergehen oder Leistungsfähigkeit.

Überwachung fördert das Misstrauen gegenüber dem Staat

Menschen vertrauen einer Autorität soweit, wie sie diese als Vertreter ihrer eigenen Interessen ansehen. Untersuchungen legen nahe, dass Menschen eine begrenzte Überwachung tolerieren, solange sie glauben, ihre Sicherheit werde mit der Freiheit eines anderen erkauft. Sobald ihnen klar wird, dass sie in Wahrheit mit ihrer eigenen Freiheit bezahlen, zerreißt der Gesellschaftsvertrag. Wird dieses Vertrauen missbraucht, verändert dies die Definition von „wir“ und „sie“ in einer Art und Weise, die für einen demokratisch verfassten Staat gefährlich werden kann: Plötzlich steht der Großteil der Bevölkerung in Opposition zur eigenen Regierung.

Überwachung führt zu Konformismus

Seit über 50 Jahren wissen wir, dass Überwachung die Anpassung an gesellschaftliche Normen fördert. In den 1950ern hat der Psychologe Solomon Asch in einer Reihe klassischer Experimente gezeigt, dass Konformitätsdruck so stark ist, dass Individuen selbst dann der Menge folgen, wenn diese offensichtlich das Falsche tut. Ein Staat, der massenhaft seine Bürger ausspioniert, kann nicht behaupten, er wisse Innovationen, kritisches Denken oder Originalität zu schätzen.

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Kommentare (9)

balsamico 27.08.2013 | 15:26

Einfach ausgedrückt:

Ein beobachteter Mensch ist nicht frei (Julie Zeh).

Während Experten leidenschaftlich über die Vor- und Nachteile solcher Programme diskutiert haben, war von Seiten der Wissenschaft relativ wenig zu hören.

Auch Juristen (Verfassungsrechtler im Besonderen), Politikwissenschaftler, Soziologen und Theologen halten sich bedeckt (letztere wie immer). Man will wohl erst mal sehen, ob die Leute nach dem bisschen Protest gleich wieder schläfrig werden. Je nachdem positioniert man sich, entweder in Maßen kämpferisch oder staatstragend.

Nashira 28.08.2013 | 09:56

"Warum haben wir uns das angetan?" - Mir fallen mehrere Teil-Antworten ein, die ich gern fragend in den Raum stelle:

Könnte es nicht sein, dass

- die Menschen Angst vor der Freiheit haben. Also nicht jener Freiheit, die uns in homöopathischer Dosis per Gesellschaftsvertrag verordnet wird, sondern der echten, der radikalen, die auch vor dem Thema Tod nicht halt macht?

- wir ahnen, wie schwer echte Freiheit zu tragen ist? Wie viel mehr an Verantwortung für jeden Gedanken, jedes Gefühl und jede Tat viel mehr auf uns lasten würden, wenn wir nicht "dauernd beschützt" würden und deshalb auch viele Formen von Entmündigung mit in Kauf nehmen (müssen)?

- die Freiheit sowohl ein philosophisches wie auch psychologisches Problem viel größerer Ordnung für uns ist, als wir das auf den ersten Blick realisieren. Einem, dem wir noch nicht gewachsen sind, sondern erst entgegen wachsen müssen. Hängt damit nicht auch unsere ständige Sorge zusammen, weshalb es zu merkwürdigen Kompromissen und Zugeständnissen kommt?

Ich könnte die Liste fortsetzen. Aber alleine schon diese Fragen im Zusammenhang mit dem Hauptartikel zeigen, dass unser ambivalentes Verhältnis zur Überwachung und unserem ständigen Jein tief in unseren Ängsten urständet und weit, weit mehr als "nur" eine politische Dimension hat, die demokratisch legitimiert oder diktatorisch verordnet wird.

Nashira 28.08.2013 | 09:59

Und noch etwas zur geistigen Gesundheit. Kann man sich sicher sein, dass wir "geistig gesund" sind angesichts der Tatsachen, wie wir die Welt, das Leben, unsere eigene Spezies und den "Rest" der Natur managen? Vielleicht ist die Voraussetzung, dass es sich bei unserem globalen/kollektiven Denken und Handeln um Gesundheit handelt, eben schon falsch, was für eine vertiefte Fragestellung aber richtig wäre zu beachten! (Das Denken gereifter Individuen ist hier ausgenommen und bildet die Ausnahme von der Regel). Jede Antwort darauf kann logischerweise nur so gut sein, wie die Fragestellung in aller Tiefe sich zu seinem eigenen Höhepunkt katapultiert.

GEBE 28.08.2013 | 10:44

„Und noch etwas zur geistigen Gesundheit. Kann man sich sicher sein, dass wir "geistig gesund" …“

Das kann nur für jeden Einzelnen überhaupt gefragt und evtl. beantwortet werden. Das Stellen solch allgemeiner Fragen inbezug auf „wir“, ist stets und immer unzulässig. Oftmals zeugt dies von mangelndem eigenem Bewußtsein. Zudem kommt es überall vor, wo agitiert wird und das niedere Kollektivempfinden angesprochen werden soll. Selbst als bloße rhetorische Form ist es vollkommen untauglich.

Nashira 28.08.2013 | 11:19

Nungut, es ist Ihnen unbekommen meine vermeintliche Agitation, die nach Ihrer Lesart vermutlicher Weise aus meinem eigenen mangelnden Bewusstsein entspringt gern auf die Iche der Welt zu übertragen. Nein, besser wohl: die Egopersönlichkeiten, da das ICH sehr verschiedentlich besetzt wird. Mein "wir" war eine kolletive Aussage, Einschätzung, von der ich bewusste Individualitäten / Persönlichkeiten (siehe meine Antwort zuvor, ausdrücklich ja schon ausgenommen hatte). Demnach müsste redlicher Weise JEDES WIR doch vollständig aus dem menschlichen Sprachgebrauch gestrichen werden, das es letztlich nichts gibt ausser dem Individuellen! Und das gilt wohl bis jenseits der subatomaren Partikelchen. Ich hoffe, sie greifen nun JEDES "WIr" im Freitag fleißig auf und entlarven dabei sämtliche Bewusstseinsschläfer in ihrer Agitationsbemühung.

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Ehemaliger Nutzer 28.08.2013 | 12:45

Mittelmaß fördert Mittelmaß!! Das Mittelmaß wird an der Macht gehalten und mittels Lobbyismus und gezielter Karriere Förderung installiert und mit Privilegien gefüttert, siehe die unzähligen Handlanger in Politik, Medien, Religion und Wissenschaft, damit sich nichts ändert. Diejenigen die vom Mittelmaß profitieren nämlich die Großaktionäre sind selbst unterer Durchschnitt daher fällt ihnen auch nichts anderes ein als ihren Möchtegerngötterstatus in Form von Luxus und Gewalt durch Macht auszuüben was die Welt an den Rand des Abgrundes führen wird.

Der Machtstaatsmonopolkapitalismus hat das Paradies zerstört und ist durch ausnutzen und versklaven der hilfsbereiten Menschen entstanden.

Man könnte die Überwachung von heute auf morgen beenden indem ein volkskontrolliertes Netz benutzt wird. Router und der allgemeine Datenverkehr gehören genauso in Bürgerhand also in staatlicher Hand wie die Existenzbedürfnisse des Menschen siehe Wasserversorgung, Strom, Wohnen, Gesundheit, Lebensmittel auch der Verkehr wie die Bahn gehört dazu uvm.!!!!