Und alle haben ein Loch im Kopf

Pakistan In der Provinz Belutschistan ist eine Nation auf dem Horrortrip der Selbstverleugnung und Selbstzerstörung. Wer im Geruch des Separatismus steht, lebt gefährlich

Die Leichen scheinen aus dem Nichts aufzutauchen wie Korken, die es an die Wasseroberfläche treibt. Sie werden an entlegenen Berghängen oder auf menschenleeren Straßen gefunden. Fast immer tragen die Körper Spuren hemmungsloser Brutalität: Arme und Beine sind gebrochen, die Gesichter geschwollen oder mit Messern zerschnitten, die Genitalien zeigen Spuren von Elektroschocks. In manchen Fällen sind die Toten nicht mehr identifizierbar, mit ungelöschtem Kalk verätzt oder von wilden Tieren zerfressen. Und alle haben sie ein Loch im Kopf. Diese grauenvolle Leichenschau erschüttert Pakistans größte Provinz Belutschistan seit fast einem Jahr. Menschenrechtsorganisationen geben an, es seien über hundert Menschen derart verstümmelt aufgefunden worden – Anwälte, Studenten, Taxifahrer, Landarbeiter.

Wer noch nichts von dieser Mordwelle gehört hat, den braucht das nicht zu wundern: Auch die meisten Pakistani erfahren darüber wenig. Berichte über Belutschistan werden stillschweigend auf den Innenseiten der Zeitungen vergraben, mit Euphemismen verhüllt oder schlicht vermieden. Auch Polizei und Staatsanwaltschaft scheinen dem Schicksal der entstellt Geborgenen auffallend gleichgültig gegenüber zu stehen. Nicht ein einziger Tatverdächtiger ist bislang verhaftet, geschweige denn strafrechtlich verfolgt worden. Die Behörden geben offen zu, dass gar nicht erst nach den Verantwortlichen gefahndet wird. Dieses erstaunliche Desinteresse an einer Serie mysteriöser Todesfälle wird allerdings verständlicher, wenn man weiß, dass die Hauptverdächtigen keine sadistischen Serienkiller sind – vielmehr kommen Kommandeure der Armee und der niemandem rechenschaftspflichtige Militärgeheimdienst ISI in Betracht.

Sie führen Pakistans schmutzigen kleinen Krieg. Während sich die Aufmerksamkeit des Auslandes auf die Taliban konzentriert, sind die Konflikte in der durch Mineralien reichen Provinz an den Grenzen zu Afghanistan und Iran nicht mehr zu bändigen. Auf der einen Seite steht eine heterogene Koalition von Guerilleros, die für ein unabhängiges Belutschistans den Aufstand wagt – auf der anderen sind es entschlossene Streitkräfte, die jedes Aufbegehren mit gnadenloser Vergeltung beantworten. Seit Anfang des Jahres ist der Konflikt dramatisch eskaliert.

Am Flughafen der Provinzhauptstadt Quetta kommt ein schroffer Mann in einem billigen Anzug auf mein Taxi zumarschiert. Er hat jede Menge Fragen: „Wer ist das? Was macht er hier? Wo wird er wohnen?“, fragt er den Fahrer, während er auf mich zeigt. Er kritzelt die Antworten auf einen Block und winkt uns durch. „Geheimdienst“, raunt der Chauffeur. Die Atmosphäre in der von zerklüfteten Berghängen umgebenen Metropole ist angespannt, die Stadt buchstäblich überschwemmt mit Kontrollpunkten des Frontier Corps (Grenztruppen), einer paramilitärischen Einheit.

Nur noch zwei Zähne

Der Innenminister für die Provinz, Akbar Hussain Durrani, ein gut angezogener und eloquenter Mann, sitzt in einem kühlen Büro. Stifte, Tacker, Briefbeschwerer und Telefone sind ordentlich auf dem Tisch vor ihm sortiert, aber auf seinem Computermonitor ist nichts zu sehen. Die Rebellen hätten einen Hauptstrom-Verteiler in die Luft gejagt, erklärt er, daher gebe es keinen Strom. Dennoch, es sei alles in Ordnung. „Es handelt sich lediglich um einige politische Probleme.“ Während wir uns unterhalten, kommt ein lächelnder junger Mann herein, um mich wie selbstverständlich zu fotografieren. Später erfahre ich, dass auch er für den Inter-Services Intelligence (ISI) arbeitet.

Wir durchqueren die Stadt auf Nebenstraßen, mein Führer blickt immer wieder nervös durch die Heckscheibe. Der Wagen hält vor einem großen Tor, im Haus dahinter wartet eine 55 Jahre alte Frau, die sich als Lal Bibi vorstellt und in soviel Tuch und Schleier gehüllt ist, dass nur ihre Augen zu sehen sind. Zitternd hält sie uns ein Foto ihres toten Sohnes Najibullah entgegen. Der 20-Jährige hatte einen Laden für Motorradteile. Im April 2010 wurde er an einem Checkpoint der FC verhaftet und blieb verschwunden. Drei Monate später fand man seinen schwer misshandelten Körper in einem öffentlichen Park an der Peripherie von Quetta.

„Er hatte nur noch zwei Zähne im Mund.“ Lal Bibis Stimme bricht vor Schmerz. Ihre Familie sei wahrscheinlich wegen ihrer nationalistischen Kontakte ins Visier von wem auch immer geraten – Najibullahs mittlerweile ebenfalls getöteter Bruder habe sich vor Jahren den „Männern in den Bergen“ angeschlossen. Inzwischen vermisse sie ihren 28 Jahre alten Neffen Maqbool. „Ich bete für ihn und rufe in der Hoffnung auf ein Lebenszeichen Tag für Tag alle Hospitäler der Stadt an. Ebenso oft frage ich auch in den Leichenschauhäusern nach.“

Während einer Woche voller Interviews in Karatschi und Quetta treffe ich die Verwandten sieben toter und neun verschwundener Männer, von denen angenommen wird, dass sie von den Sicherheitskräften entführt wurden. Muster der Repression werden sichtbar. Bei den Opfern handelt es sich zumeist um Männer zwischen 20 und 40 – nationalistische Politiker, Studenten, Ladeninhaber, Ärzte, Arbeiter. Oft werden sie von Soldaten in Uniform oder Geheimdienstlern in Zivil am helllichten Tage gekidnappt – aus Bussen gezerrt, aus Geschäften abgeführt oder an Kontrollpunkten inhaftiert. Im Durchschnitt verschwinden auf diese Weise 15 Menschen im Monat. Menschenrechtsaktivisten hegen wenig Zweifel daran, dass Leute vom Frontier Corps, vom ISI und von dessen Schwesterbehörde M.I. hinter diesen Gräueltaten stecken. Die Armee streitet dies ab: „Militante ziehen sich Uniformen an, entführen Leute und beschmutzen damit unseren Namen“, sagt Generalmajor Obaid Ullah Khan, der die 46.000 in Belutschistan stationierten Soldaten kommandiert. „Unser Job ist es, das Gesetz zu schützen – nicht, es zu brechen.“

Die leeren Wüsten und ausgedehnten Grenzen Belutschistans faszinieren Kombattanten aller Couleur. Taliban-Kämpfer wechseln über die 1.200 Kilometer lange Demarkationslinie zu Afghanistan hin und her; iranische Dissidenten verbergen sich in der Grenzregion. Drogenschmuggler durchqueren mit ihren Heroin-Paketen die Provinz – unterwegs vom afghanischen Helmand in den Iran oder zu den einsamen Küsten am Arabischen Meer. Wohlhabende Scheichs fliegen hierher, um Jagd auf die Kragentrappe zu machen, von der sie sich gesteigerte sexuelle Leistungskraft versprechen. Von der Air Base Shamsi im Herzen Belutschistans lässt außerdem die CIA ihre Drohnen starten und Positionen der Islamisten im Stammesgürtel angreifen.

Niemand kann sie aufhalten

Die US-Geheimdienstler wissen die Einsamkeit zu schätzen. Belutschistan nimmt 44 Prozent der Fläche Pakistans ein, doch ist seine Bevölkerung nur halb so groß wie die von Karatschi. Der zweite große Vorzug der Gegend besteht in ihrem natürlichen Reichtum an Gold, Kupfer, Öl, Platin, Kohle und anderen Ressourcen.

Nördlich von Quetta können die aufständischen Taliban in Madrasas, den zahlreichen Religionsschulen, und Flüchtlingslagern untertauchen, um sich zwischen den Gefechten mit NATO-Soldaten in Helmand oder Kandahar auszuruhen. Hier ist die berüchtigte Quetta-Schura zuhause, der Kriegsrat der Taliban, der westlichen Eindrücken zufolge vom ISI unterstützt wird. Einige Einheimische bestätigen diese Vermutung. „Das ist ein offenes Geheimnis“, sagt mir ein alter Mann aus Kuchlak. „Der ISI hat den Ältesten aus dem Ort Motorräder gegeben, damit sie die an Kämpfer verteilen, die über die Grenze gehen. Niemand kann sie aufhalten.“

Ein weiterer Konflikt beherrscht südlich von Quetta einen Landstrich, der sich von den Vororten der Provinzkapitale bis zum Arabischen Meer erstreckt. Er wird von ethnischen Belutschen und Brahui bevölkert, die noch nie zu Pakistan gehören wollten. Die erste belutschische Revolte brach denn auch schon 1948 aus, kaum sechs Monate nachdem Pakistan im August 1947 geboren war, und führte zu permanenter Instabilität. Auch wenn zwischenzeitlich die Rebellen in mehrere Fraktionen zersplittert sind. Von denen gilt die Armee zur Befreiung Belutschistans als größte Formation. Die Separatisten versichern sich klassischer Guerillataktiken, überfallen Militärkonvois aus dem Hinterhalt, sprengen Gasleitungen in die Luft und schießen zuweilen auch Raketen auf Quetta ab. Zwischen 2007 und 2010 starben nach offiziellen Angaben 152 FC-Soldaten durch derartige Attacken, verglichen mit 8.000 Rebellen, denen besonders die Flächenbrände der siebziger und achtziger Jahre zum Verhängnis wurden.

Dennoch scheint der Aufruhr gegenwärtig so tief in die belutschische Gesellschaft eingedrungen zu sein wie niemals zuvor. Anti-pakistanischer Eifer hat die Provinz erfasst. Belutschische Schulkinder weigern sich, Pakistans Nationalhymne zu singen, Universitäten sind zu Hochburgen des Nationalismus umgewidmet. „Dieses Mal sind nicht nur die üblichen Verdächtigen dabei“, glaubt Rashed Rahman, Redakteur der Daily Times in Karatschi, eines der wenigen Blätter, die regelmäßig über diesen Wundbrand pakistanischer Integrität berichten und sich nicht scheuen, die Aussage zu treffen: Die Wut der Belutschen wurzelt in unglaublicher Armut. Trotz der großen natürlichen Reichtümer dieser Provinz kann kaum ein Viertel der Bevölkerung lesen und schreiben (der Landesdurchschnitt liegt bei 47 Prozent), ist ein Drittel der erwerbsfähigen Männern arbeitslos, haben nur sieben Prozent der Bevölkerung Zugang zu Leitungswasser. Während Belutschistan über ein Drittel der nationalen Gasvorkommen verfügt, ist nur eine Handvoll Städte an das Gasnetz angeschlossen.

Um so mehr erstaunt oder irritiert es, wenn Maj Gen Niazi, Kommandeur der FC, nur wenig für die Forderungen der Aufständischen übrig hat. „Die Belutschen werden von ihren Anführern manipuliert“, ist er überzeugt und weist darauf hin, dass die Sprösslinge der wichtigsten nationalistischen Gruppen im Exil leben, etwa Hyrbyair Marri in London oder Brahamdagh Bugti in Genf. Maj Gen Niazi: „Sie genießen das Leben in Europa, während ihre Leute in den Bergen leiden.“ Noch schlimmer sei allerdings die Unterstützung aus Indien. Der General liefert zwar keinen Beweis für seine Behauptung, aber all den jüngsten Wikileaks-Veröffentlichungen zufolge dürfen amerikanische und britische Nachrichtendienste als Kronzeugen seiner Schuldzuweisung aufgerufen werden.

Wenn sich Indien um Belutschistan kümmert, dann aus Rache für die Einmischung Pakistans in Kaschmir. Das erklärt, warum pakistanische Generäle belutschische Nationalisten so sehr verachten. „Bezahlte Mörder“, sagt Niazi. Dass seine Untergebenen in Menschenrechtsverletzungen verstrickt seien, weist er vehement zurück. „Uns ist jeder Bürger Belutschistans gleich viel wert.“

Die Regierung in Islamabad scheint nicht fähig oder willens, Belutschistan vor dem Abdriften ins Chaos bewahren zu können. Vor zwei Jahren kündigte Präsident Zardari ein beeindruckendes Maßnahmenpaket und Tausende neuer Jobs an, um das Leid der Region zu lindern. Der Staatschef versprach hoch und heilig, es werde keine neuen Militärgarnisonen geben. Dennoch hat die Gewalt gegenüber der Politik die Oberhand gewonnen, und Zardaris Plan ist weitgehend Makulatur geblieben – dank einer dürftigen Berichterstattung über diesen selbstzerstörerischen Konflikt besteht wenig Handlungsdruck von außen. Pakistans Verbündete sind besessen von der Jagd auf Islamisten und ignorieren Belutschistans Siechtum sowie das explosive Potenzial eines Landes, das aus einem Patchwork verschiedener Ethnien und Kulturen besteht. „Belutschistan ist eine Warnung vor der wirklichen Schlacht, die Pakistan droht und bei der es um Macht, Ressourcen – einfach um alles geht“, meint der Politikwissenschaftler Haris Gazdar in Karatschi. „Wenn wir keine Lösung finden, steht uns die große Konfrontation bevor.“

Declan Walsh ist der Auslandskorrespondent des Guardian für Pakistan und Afghanistan

Übersetzung: Holger Hutt

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10:00 01.05.2011
Geschrieben von

Declan Walsh | The Guardian

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