Und noch eine Revolution!

Neutrino Ein winziges Teilchen könnte eine große Theorie zu Fall bringen – dass so etwas für möglich gehalten wird, sagt viel über die Phase des Umbruchs, in der wir uns befinden

Wie sieht Geschichte aus? Das Jahr 2011 hat viele Bilder beschworen, von Revolution und Unruhen, von der Erniedrigung und dem Tod von Diktatoren. Doch wird irgendeines dieser allgegenwärtigen Bilder oder die damit verbundenen Geschichten sich als ebenso folgenreich erweisen, wie das abstrakte, bunte und ätherische Bild von den Spuren jener winzigen Teilchen, die Neutrinos genannt werden?

Das Neutrino – ein Baustein der Natur, der nicht nur mikroskopisch klein ist, sondern auch nur so schwach mit der anderen Materie wechselwirkt, dass er sich geisterhaft durch Gestein oder Metall bewegen kann, könnte sich als der wirkliche Revolutionär, der echte Umstürzler unserer Zeit erweisen.

Vergessen Sie die V wie Vendetta-Masken und die spanischen Wahlen. Die oberflächliche Aufregung in der Politik hat nicht die geringste Bedeutung angesichts der historischen Dimension, von der hier die Rede ist. Vergangenen Woche wurde gemeldet, dass ein zweites Experiment die aufsehenerregende Nachricht vom September zu bestätigen scheint: Vom Schweizer Cern ausgesandte Neutrinos haben ihr Ziel, einen Empfänger im 734 Kilometer entfernten Gran-Sasso-Labor in Italien, ein kleines bisschen schneller als mit Lichtgeschwindigkeit erreicht.

Niemand versteht die Quantenmechanik

„Offenbar“, „es scheint“ - bevor die Physiker diese Beobachtungen auch nur annähernd als wirkliche Entdeckung behandeln können, werden noch jede Menge Tests und Prüfungen durchzuführen sein. Ein zweites Forscherteam aus dem selben Labor hat bereits Zweifel an den jüngsten und auch den vorhergehenden Ergebnissen angemeldet. Ein solcher Schlag gegen eine der fundamentalen Annahmen der modernen Wissenschaft – absolut nichts ist schneller als das Licht – würde das Bild des Universums, wie es seit Albert Einstein gezeichnet wurde, gelinde gesagt, konterkarieren.

Da ist es nur verständlich, dass über die Sache bislang nur zurückhaltend berichtet wurde. Führende Physiker äußern große Skepsis und überhaupt ist das Gebiet der Quantenmechanik, das sich mit winzigen Phänomenen wie den Neutrinos beschäftigt, so schwer zu durchdringen, dass selbst eine der größten Autoritäten des Fachs, Richard P. Feynman meint: „Ich glaube, sicher sagen zu können, dass niemand die Quantenmechanik versteht.“

Kein Wunder also, dass die öffentliche Diskussion dieser höchst unerwarteten wissenschaftlichen Entwicklung bisher verhalten und respektvoll begegnet und man darauf wartet, dass die Experten vom OPERA-Experiment in Gran Sasso – eigentlich wollten sie verschiedene Arten von Neutrinos isolieren und keineswegs Einstein hinterfragen - dahintergekommen sind, was das nun alles zu bedeuten hat. Wenn es etwas bedeutet.

Es ist jedoch an der Zeit, dass wir uns mit dem befassen, an das die Wissenschaftsjournalisten sich nicht heranwagen. Es tut unserer Kultur nicht gut, eine Frage von solcher Bedeutung als etwas zu behandeln, das lediglich in die Welt der Physik gehört.

Es geht nie nur um Wissenschaft

Wenn die Öffentlichkeit die gewaltige Bedeutung solcher Ergebnisse tatsächlich nicht erkennt, dann leben wir wirklich in jenen „zwei Kulturen“, von denen C. P. Snow sprach und in denen Experten über Themen von Interesse nur untereinander reden und die größten Fragen der Natur zu überprofessionalisiertem Seminarstoff reduziert werden.

In den großen Augenblicken der Wissenschaft geht es nie nur um Wissenschaft. Die Geschichte zeigt, dass wissenschaftliche Entwicklungen – selbst scheinbar begrenzte Entdeckungen, die nur innerhalb einer bestimmten Disziplin von Bedeutung zu sein scheinen – auf vielfältige und komplexe Weise mit der Welt um sie herum in Verbindung stehen. Ganz wie ein Shakespeare-Stück bis in die letzte Silbe hinein die Vorstellungen und Leidenschaften der britischen Renaissance spiegelt und formt, verhält es sich auch mit wissenschaftlichen Theorien.

Wem würde es einfallen, Kopernikus vom Lauf der Geschichte zu trennen? Seine Annahme, die Erde umkreise die Sonne, anstatt im Zentrum des Universums zu stehen, markierte das Ende des Mittelalters. Dass Galileo Kopernikus im barocken Italien empirisch verteidigte, machte ihn zu Recht zum Helden, nicht nur der Wissenschaft, sondern der Vernunft an sich. Die moralischen Dilemmata, denen er sich gegenüber sah, standen in Bertolt Brechts Drama Galileo Galilei Pate für die Zwickmühle des modernen Intellektuellen.

Was sagt das über unsere Zeit?

Die Geschichte der Wissenschaft ist die Geschichte der intellektuellen Freiheit, der Technologie und unseres „Aufstiegs“, wie ihr großer Vertreter Jacob Bronowski gezeigt hat. "Das Leitmotiv von Galileios Schaffen sehe ich in dem leidenschaftlichen Kampf gegen jeglichen auf Autorität sich stützenden Glauben. Erfahrung und sorgfältige Überlegung allein lässt er als Kriterien der Wahrheit gelten“, schrieb Einstein. Heute ist Einstein selbst die Autorität, deren mächtige Gedanken nun möglicherweise von einem Experiment infrage gestellt werden. Was bedeutet das – nicht wissenschaftlich, sondern kulturell gesehen - und was sagt es über uns und unsere Zeit?

Vor 92 Jahren verkündete die britische Times den Sturz einer anderen Autorität. Am siebten November 1919, nachdem vor einer Versammlung der Royal Society und der Royal Astronomical Society berichtet worden war, dass die in Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie vorhergesagte gravitative Krümmung des Sternenlichts durch von Großbritannien durchgeführte Beobachtungen einer Sonnenfinsternis in Westafrika bestätigt worden sei, erkannte die Zeitung auf der Titelseite großzügig einen intellektuellen Sieg der Deutschen an: “Revolution in der Wissenschaft – Neue Theorie des Universums – Newtons Ideen über den Haufen geworfen.“

Starb der Newtonismus 1919, schieden damals auch viele weitere Annahmen und Institutionen dahin. Es ist nicht schwer zu erkennen, wie die Arbeit Einsteins – der sein erstes Papier über die spezielle Relativität 1905 einreichte – sich in den Strudel des Wandels zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts einfügt. Als Einstein das Licht ergründete, sah Picasso eine Maske im Gesicht der Gertrude Stein, stellte Gaudi sich Häuser als mit Juwelen geschmückte Höhlen vor und wartete Lenin auf den richtigen Augenblick für die Revolution. Als die Times die Revolution der Wissenschaft verkündete, lagen in vielen Ländern politische Revolutionen in der Luft. Newton stürzte, ebenso wie die Habsburger und Romanows.

Wissenschaft am Rande des Nervenzusammenbruchs

Erleben wir auch heute so tiefgreifende soziale Veränderungen, dass die Grundlagen der Natur sich aus Mitgefühl auf irgendeine Weise ebenfalls verändern? Jeder, der dies für eine absurde Behauptung hält – wobei ich natürlich meine, dass die Natur sich in unserer Vorstellung und unserem Verständnis ändert, nicht an sich – sollte einmal über die Relativität selbst nachdenken. Einsteins Theorie kann nicht als trockene, technische Lösung von Problemen betrachtet werden, die die Wissenschaft des späten neunzehnten Jahrhunderts aufwarf. Sie wurde in der revolutionären Zeit des frühen zwanzigsten Jahrhunderts geboren und war ebenso sehr ein kulturelles Erzeugnis jener Zeit wie die Musik Schönbergs.

Welche heutigen Veränderungen könnten der möglichen Bedrohung des Einstein'schen Universums gleichkommen? Ökonomische Beben bringen die westliche Welt ebenso gefährlich ins Zittern wie die Ergebnisse der Experimente in Gran Sasso, die, sollten sie bestätigt werden, das Gefüge der Wissenschaft wanken lassen. Die weltumspannenden demokratisierenden oder anarchischen Kräfte des Zeitalters der sozialen Medien stellen jegliche Autorität in Frage, so wie dieses Experiment die größte Autorität der modernen Wissenschaft angreift.

Andererseits nehmen neue Möglichkeiten Gestalt an: Das Ideal der Demokratie verbreitet sich, neue Generationen erheben die Stimme gegen die alten. Diese Welt ist so ankerlos, so voller Bedrohungen und Möglichkeiten, wie sie es auch vor hundert Jahren war. Dieser außergewöhnliche Augenblick in der Wissenschaft ist Ausdruck unserer außergewöhnlichen Zeiten. Selbst wenn die Ergebnisse sich als falsch erweisen und Einsteins Universum weiterhin überdauern sollte, wäre die Panik aufschlussreich, denn die Bereitschaft an sich, etwas dermaßen Extremes in Erwägung zu ziehen, könnte eine Reaktion auf die extreme Krise sein, in der die Welt sich befindet. Es scheint, als befinde sich selbst die Wissenschaft am Rande eines Nervenzusammenbruchs oder eines Aufstands.

Hier vollzieht sich auf fundamentaler Ebene ein echter Wandel. Deshalb ist das Bild vom Pfad des Neutrinos das beunruhigende und das wunderbare wahre, historische Bild des Jahres 2011.

Übersetzung: Zilla Hofman

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18:10 24.11.2011
Geschrieben von

Jonathan Jones | The Guardian

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