Und sie lieben ihn doch

Obama on tour Wenn der US-Präsident in den kommenden Tagen Europa bereist, empfängt ihn ein Kontinent, der ihm mehr Unterstützung und Vertrauen schenkt als das eigene Land

In seinem Buch Hoffnung wagen beschreibt sich Barack Obama als einen Rorschach-Test. Er meint das berühmte psychologische Experiment, bei dem Patienten Tintenkleckse vorgelegt bekommen und sagen sollen, was sie darin erkennen. Eine richtige Antwort gibt es dabei nicht, vielmehr soll jede Deutung die Obsessionen und Ängste des Betrachters offenbaren.

Genauso ist es mit Obama. Der ist in der vergangenen Woche vom republikanischen Präsidentschaftsbewerber Newt Gingrich als „erfolgreichster Essensmarken-Präsident der Geschichte“ und vom prominenten schwarzen Intellektuellen Cornel West als rückgratloses „schwarzes Maskottchen“ der Wall Street verunglimpft worden. „Ich diene als schwarze Leinwand, auf die Menschen verschiedenster politischer Ausrichtung ihre Ansichten projizieren“, hat Obama selbst einmal gesagt. „Somit kann ich einige von ihnen, wenn nicht sogar alle, nur enttäuschen.“

Am meisten verwundert an Obamas größten Unterstützern nicht deren Enttäuschung – die war angesichts der großen Hoffnungen zu erwarten –, sondern die Tatsache, dass sie ihm weiterhin ergeben sind. Es ist, als würde jede zerstörte Illusion diskret als einzelne Ernüchterung aufgefasst. Insgesamt liest sich das dann nicht wie die Erzählung, Obama habe es nicht geschafft, seine Versprechen zu erfüllen, sondern wie eine Litanei nicht zusammenhängender Kapitel, von denen jedes seine eigenen Widersprüche, Ausnahmen und Erklärungen birgt.

Auf die schwarzen Wähler in den USA – die es irgendwie schaffen, die Zukunft ihres Landes optimistischer denn je zu sehen, obwohl es ihnen darin schlecht wie nie geht – trifft das schon geraume Zeit zu. Arbeitslosigkeit, Armut und Ausgrenzung sind höher, als sie es unter George W. Bush jemals waren, die Kluft zwischen den Möglichkeiten der Schwarzen und der Weißen weitet sich stetig. Nichtsdestotrotz stellen die schwarzen Amerikaner nach wie vor Obamas treueste Basis. Auch wenn unter ihnen eine Arbeitslosigkeit von 16 Prozent herrscht, liegen die Zustimmungsraten für ihren Präsidenten bei 80 Prozent.

Mehr Reden als Taten

Diese Widersprüche ziehen sich auch durch die europäischen Haltungen zu Obama. Die haben sich seit seinem in Erscheinung-treten als glaubhafter Präsidentschaftskandidat kaum verändert. Eine im Juli 2008 – also vor den US-Wahlen – veröffentlichte Pew-Studie zeigte, dass Obama sich in Europa größerer Beliebtheit erfreute als auf irgendeinem anderen Kontinent, inklusive Nordamerika. In Deutschland, Frankreich, Spanien und Großbritannien gaben über 70 Prozent der Befragten an, sie trauten Obama zu, „in globalen Angelegenheiten das Richtige zu tun“, über die Hälfte glaubte, er würde als neuer US-Präsident die Außenpolitik seines Landes zum Besseren wenden. Und während – laut einer 2008 vom German Marshall Fund durchgeführten Umfrage – nur 19 Prozent der Europäer George W. Bushs Außenpolitik befürworteten, hießen ein Jahr später 77 Prozent die von Obama gut. Im September 2009 vermutete Marshall Fund-Präsident Craig Kennedy: „Die „Obama-Euphorie“ der Europäer werde abnehmen, wenn tatsächliche politische Entscheidungen getroffen werden müssten. „Sie werden ihn dann mehr als einen Amerikaner und weniger als jemanden betrachten, der ist wie sie.“ Dies hat sich nicht bewahrheitet. Drei Jahre später bricht der US-Präsident nun aus seiner Heimat auf – wo seine Zustimmungsraten selbst nach der Tötung Osama bin Ladens bei 50 Prozent trudeln – und landet auf einem Kontinent, in dem 70 Prozent der Bewohner meinen, er leiste gute Arbeit.

Das Seltsame ist, dass vieles davon, was die Europäer an der Bush-Ära verabscheuten, weiterhin Bestand hat. Guantánamo ist noch immer nicht geschlossen, in Afghanistan sind mehr US-Soldaten stationiert, im Irak bleiben sie präsent. Man könnte all dies für eine Übertreibung halten. Immerhin hat Obamas Rede zum Nahen Osten am 20. Mai die US-Politik für diese Region näher an die europäische heranrücken lassen, als sie es seit über zehn Jahren war. Es wäre allerdings nicht das erste Mal, dass er eine beeindruckende Rede gehalten hat und diese dann nicht in die Tat umzusetzen vermochte.

Zudem ist Europa oftmals nicht ganz unbeteiligt daran, wenn es in der US-Außenpolitik keine Fortschritte gab. Guantánamo wurde unter anderem nicht geschlossen, weil die europäischen Regierungen sich weigerten, eine große Zahl der dort Gefangenen aufzunehmen. Und einige von ihnen zollen der Verschärfung des Krieges in Afghanistan Beifall, während sie unilateral planen, die eigene Truppen zu reduzieren.

Schon lange frustriert

„Das Problem ist, dass Obama um beinahe die selben Dinge bittet, um die seinerzeit schon Bush bat, und die auch ihm nicht gewährt wurden – und zwar nicht, weil er ein ungeschickter Diplomat oder ein Cowboy gewesen wäre“, sagte der Bush-Berater Peter Feaver vor zwei Jahren gegenüber der New York Times. „Wäre das so gewesen, hätte das Auftreten des kultivierten, urbanen Präsidenten Obama das Problem beseitigt. Den Bitten George Bushs wurde nicht nachgekommen, weil die betreffenden Länder gute Gründe dagegen hatten.“

Obamas Hauptverteidigungsargument – daheim wie im Ausland – lautet, die Umstände bei seinem Amtsantritt seien schlecht gewesen und wären schlechter, wenn er nicht Präsident wäre. Das stimmt zwar, bleibt aber weit hinter den, von der inspirierenden Rhetorik geweckten Erwartungen zurück, die seinen Aufstieg zur Macht begleitete. Man meint kaum mehr „Yes we can“ zu hören. Eher: „Es könnte schlechter sein“.

Die politischen Eliten Europas sind schon lange frustriert: „Es ist vielleicht übertrieben, aber ich sehe die Europareise als eine Gelegenheit für einen Neustart der europäischen Beziehungen“, wird Heather Conley, Leiterin des Europaprogramms am Zentrum für strategische und internationale Studien, in der Washington Post zitiert. „Die Erwartungen der europäischen Staatschefs an diesen Präsidenten waren enorm hoch. Nun fragen sie sich, ob es überhaupt einen Unterschied gibt.“

Warum lieben die Europäer Obama also so sehr? Viele der ursprünglichen Gründe bestehen weiter. Er ist eben immer noch nicht George Bush. Wie lange diese negative Qualifizierung allerdings trägt, ist fraglich. Hinzu kommt, dass Obama zu einer Zeit das Parkett betrat, in der es um das politische Führungspersonal Europas außerordentlich schlecht bestellt war. Die Europäer lieben Obama nicht nur mehr, als die Amerikaner es tun, sie lieben ihn auch mehr als die Politiker, die sie selbst gewählt haben. Weniger als ein Drittel der Italiener und Franzosen stehen noch hinter Silvio Berlusconi beziehungsweise Nicolas Sarkozy, nur die Hälfte der Deutschen findet Angela Merkel glaubwürdig. Der britische Premier David Cameron steht nicht viel besser da. Der smarte, charismatische, telegene und von Filz unbelastete Obama steht noch immer für die Möglichkeit einer vom Volk ausgehenden Wahlpolitik, bei der intelligente und vom Wohl der Öffentlichkeit beseelte Bürger die Zügel in der Hand halten und nicht Opportunisten und Egomanen. Es scheint, Obamas oftmals bewiesene Fähigkeit, Ursachen und Ausmaße eines Problems zu benennen, hat dazu geführt, dass einige Menschen darüber hinweg sehen können, dass er nicht mit einer Lösung aufwarten kann.

Übersetzung der gekürzten Fassung: Zilla Hofman

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16:55 23.05.2011
Geschrieben von

Gary Young | The Guardian

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