Tania Branigan
24.08.2011 | 16:45 3

... und wir hören unsere Leber schreien

Komasaufen in China In China trinken viele Angestellte nach der Arbeit Schnaps – nicht um zu entspannen, sondern um Karriere zu machen. Pause wird höchstens mal gemacht, um sich zu übergeben

Peter Chi weiß, dass er seinen Alkoholkonsum reduzieren muss. Im besten Fall macht das Trinken ihm nur nicht so viel Spaß. Im schlimmsten Fall landet er auch schon mal im Krankenhaus, wenn er verunreinigten Alkohol erwischt. Unzählige Male hat er am Tisch einer Bar einfach das Bewusstsein verloren. "Niemand mag dieses Komasaufen, aber es fehlt die Kontrolle", klagt er. "Natürlich mag ich es auch nicht, aber ich kann nichts dagegen unternehmen."

Chi, der aus der nordöstlichen Provinz Liaoning stammt, ist weder Alkoholiker noch ein großer Party-Gänger, obwohl er an vier Abenden in der Woche exzessiv dem Alkohol zuspricht. Als gesellschaftlich angesehener Schuldirektor in den Vierzigern glaubt er, er habe beim Trinken keine große Wahl, wenn er seine Karriere nicht gefährden wolle.

Im Westen assoziiert man den Begriff "Komasaufen" mit jungen Männern und Frauen, die spät nachts aus den Kneipen und Clubs torkeln. In China hingegen sind die Trinker in vielen Fällen älter und trinken nicht zum Spaß, sondern aus Gründen des beruflichen Fortkommens.

Soft-Skill Trinkfestigkeit

"Wenn ich trinke, heißt das nicht notwendigerweise, dass ich befördert werde. Trinke ich aber nicht, sinkt die Wahrscheinlichkeit. Also muss ich trinken, auch wenn ich es überhaupt nicht als angenehm empfinde", sagt Chi. "Die Leute wollen zeigen, dass sie offen sind und versuchen, mit anderen gut auszukommen. Es ist nichts Besonderes, dass der Chef einen anweist zu trinken."

Tatsächlich wird in manchen Stellenausschreibungen ausdrücklich nach Bewerbern verlangt, die mit Alkohol umgehen können. "Trinkfeste Kandidaten werden bevorzugt", heißt es in einer Anzeige der Hunan Zhike Public Security Engineering Company, einem Unternehmen, das Überwachungs- und Sicherheitstechnologie herstellt. Die Firma sucht einen leitenden Angestellten. "Der Job besteht darin, das Geschäft durch den Ausbau unserer Kundenkontakte weiterzuentwickeln. Trinken stellt einen wichtigen Teil dieser Arbeit dar", erklärt der Personalvermittler und fügt hinzu, dass der erfolgreiche Bewerber eine Menge von 0,25 bis 0,5 Liter Baijiu vertragen können muss.

Dieser klare Schnaps, der gewöhnlich aus Hirse gewonnen wird, weist eine Preisspanne von fünf Yuan (weniger als 50 Cent) bis hin zu tausenden von Yuan für Vintage-Flaschen der besten Marken auf. Er wird zu feierlichen Anlässen und Festessen getrunken, oft in Verbindung mit Bier. Da er zwischen 40 und 68 Prozent Alkohol enthält und oft in großen Mengen konsumiert wird, führt sein Genuss regelmäßig zu Trunkenheits-Exzessen.

Eine Pause, um zu kotzen

Alkohol schmiert sicherlich auch im westlichen Kulturraum die Geschäfte, aber dort kann man für gewöhnlich nach ein oder zwei Gläsern aufhören. In China trifft das Gegenteil zu: Es ist viel einfacher, den ersten Drink abzulehnen als aufzuhören, wenn man erst einmal angefangen hat. Auch Ausländer sind diesem Druck gegenüber nicht immun. Ein Freund von mir erinnert sich daran, einmal Baijiu aus 0,3 Liter-Gläsern hintergestürzt zu haben, die ihm von einem allzu gastfreundlichen Funktionär eingegossen wurden. Dieser habe einmal kurz innegehalten, um sich zu übergeben, bevor er sich abermals das Glas füllte.

Beziehungen durch das Trinken auf- und auszubauen, hat in China eine lange Tradition. "Wenn einer mit einem Freund trinkt, reichen tausend Tassen nicht aus", lautet ein altes Sprichwort. Das heißt nicht, dass Alkohol-Exzesse die Norm waren: In den 1980ern ergab eine Untersuchung der klassischen chinesischen Poesie, dass starkes Trinken im Laufe der Zeit immer wieder Hoch- und Tiefphasen durchlebte. Experten zufolge hat das chinesische Brauchtum, Alkohol zum Essen zu trinken, Trinkspiele zu spielen und Toasts in einer äußerst ritualisierten Form auszusprechen, dazu beigetragen, den Alkoholkonsum zu regulieren und allzu schlimme Exzesse zu vermeiden.

Mehr Geld = mehr Alkohol?

Aber in den vergangenen Jahrzehnten hat der Konsum aufgrund größerer persönlicher Freiheiten und steigender Einkommen angezogen. "Exzessives und häufiges Trinken (an fünf bis sieben Tagen die Woche) haben bei den Trinkern von heute epidemische Ausmaße angenommen", steht in einer Studie, die in der Sucht-Fachzeitschrift Addiction im vergangenen Monat veröffentlicht wurde. Die vom "National Centre for Chronic and Non-Communicable Disease Control" geführte Autorengruppe fand heraus, dass nur 56 der Männer und 15 Prozent aller Frauen trinken. Von diesen aber schlagen dabei 57 Prozent der Männer und 27 Prozent der Frauen über die Stränge.

Exzessives Trinken sei bei Männern zwischen 35 und 44 Jahren am weitesten verbreitet und das häufige Trinken nehme mit steigendem Alter deutlich zu. In den "angelsächsischen" Kulturen hingegen erreiche der Alkoholkonsum in der Regel bei Leuten mit Ende 20, Anfang 30 seinen Höhepunkt, so die Fachzeitschrift.

Die chinesische Regierung hat angekündigt, härter gegen Alkohol im Straßenverkehr vorzugehen, nachdem die Polizei im vergangenen Jahr eine halbe Million Betrunkene hinter dem Steuer erwischt hatte. Darüber hinaus scheint das Komasaufen in China aber nicht allzu viel asoziales Verhalten nach sich zu ziehen. Man sieht keine Leute, die auf die Straße pinkeln oder die Entsprechung zu Prolls, die die Hosen herunterlassen, um vorbeigehende Damen zu unterhalten. Das Hauptproblem ist daher der Schaden, den die Trinker sich selbst zufügen. Dabei ist China immer noch von den Zahlen an Leberzirrhose-Toten entfernt, die nach den Daten der Weltgesundheitsorganisation in Großbritannien und Japan erreicht werden.

Wasser in den Schnaps

Und in Chinas gebildeteren Kreisen wird eine zu starke Intoxikation oft als nicht standesgemäß betrachtet. Es gibt Anekdoten darüber, wie sich zunehmend immer mehr Menschen aus gesundheitlichen Gründen entschuldigen und heimlich ihren Baijiu mit Mineralwasser verwässern, das sie unterm Tisch versteckt halten.

Aber solche Veränderungen kommen für Chinas widerwillige Trinker nicht schnell genug. "Ich mache mir viele Gedanken um meine Gesundheit. Selbst wenn momentan alles in Ordnung zu sein scheint, werde ich mit 30 oder 40 definitiv Probleme kriegen, wenn ich so weiter trinke wie jetzt", sagt Bruce Wang, ein junger Geschäftsmann, zu dessen Job es gehört, regelmäßig mit Klienten bechern zu gehen. "Ich bin oft betrunken. Es ist unmöglich, ein gutes Gefühl dabei zu haben."

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (3)

davidjordan 28.08.2011 | 17:19

In Südkorea gibt es das gleiche Problem. Dort trinkt man aber nicht nur, um gute Geschäftsbeziehungen aufzubauen und/oder zu pflegen. Man trinkt auch nach der Arbeit mit den Kollegen, insbesondere dann, wenn der Chef dazu 'einlädt'. Das geschieht dann auch unter der Woche und mehrmals in der Woche. So kann es passieren, dass der Mann die ganze Woche über abends immer sehr spät nach Hause kommt. Da es aber Teil des Jobs ist, ist es in gewisser Weise 'normal'. Aber man sieht dann eben auch unter der Woche betrunkene Männer mittleren Alters durch die Straßen torkeln und manchmal auch einen Streit anfangen. Die Gründe für das Trinkverhalten der Koreaner ist denen der Chinesen nicht unähnlich. Man darf auch nicht übersehen, dass es als äußerst unhöflich gilt, abzulehnen, wenn der Chef einen einschenkt. Außerdem würde man sich dadurch außerhalb der Gemeinschaft stellen, wenn man nicht mit den anderen die Bartour mitmacht. Und es gibt kaum einen Koreaner, der außerhalb der Gemeinschaft stehen möchte.