Ungeschickter als Clouseau

Spionage Die Inkompetenz, die Russlands Geheimdienst nun bewiesen hat, würde Hollywood-Satiren zur Ehre gereichen. Gefährdet sind die Beziehungen Russlands zum Westen aber nicht

Eben noch hatte Dimitri Medwedew mit Barack Obama einen Cheeseburger geteilt und von Steve Jobs das neue iPhone 4 bekommen (eine Stunde bevor das Modell in die US-Läden kam), doch schon drei Tage später kehrte Russlands selbsternannter Modernisierer zurück zur Tagesordnung. Auf die 55 Seiten umfassende Anklageschrift gegen elf russische Spione, die in den USA verdeckt gearbeitet haben sollen, reagierte er umgehend mit dem Vorwurf, die USA würden auf Taktiken aus dem Kalten Krieg zurückgreifen. Für diejenigen, die sich in Moskau als Geheimniskrämer der Nation brüsten, wird die Anklageschrift kaum eine angenehme Lektüre gewesen sein. Die fachliche Inkompetenz, die Russlands Auslandsgeheimdienst SVR dort nachgewiesen wird, würde selbst Inspektor Clouseau alle Ehre machen. Peter Sellers hätte die Sache kaum besser hinbekommen.

Mal funktionierte der Computer nicht, mit dem einer der Spione mit dem Van vor seinem Haus kommunizierte, dann wieder gab es lächerliche Anweisungen, wie etwa den wertvollen Ratschlag, die Beziehung zu einem New Yorker Finanzier, der einen erstklassigen Draht zu den höchten politischen Kreisen hat, einfach „Schritt für Schritt aufzubauen“. Die erworbenen Informationen, ihre Computerpassworte, E-Mails, verschlüsselten Codes, Handygespräche, ja selbst peinliche Vorhaltungen, was Hauskäufe und andere Ausgaben der Spione betraf – das alles war bald ein offenes Buch für das FBI. Den Angeklagten wird nicht etwa Spionage vorgeworfen, sondern Verschwörung auf Agententätigkeit für eine ausländische Regierung. Was könnte blamabler sein, als Spione, die auffliegen, bevor sie überhaupt mit dem Spionieren beginnen?

Der britische Geheimdienst sollte sich allerdings als letzter das Maul zerreißen, wurde er doch selbst 1994, 1996 und 2006 auf frischer Tat ertappt. 2006 zum Beispiel wurde einer seiner Agenten dabei gefilmt, wie er im Gebüsch abtauchte und einen Stein anfasste, in dem ein Funksender verborgen war. Die britischen Versuche, russische Agenten anzuwerben, haben in der Vergangenheit katastrophale Folgen für ihre Zielpersonen gehabt, etwa als der psychisch labile Sohn eines Diplomaten auf seinen Vater angesetzt wurde. Jedes Land hat sein Päckchen zu tragen. Die übergeordnete Frage ist jedoch, ob diese Versuche, politische und militärische Geheimnisse auszuspionieren, langfristig nicht einfach aussichtslos sind. Früher schmiedeten die Spione das Eisen, solange es heiß war. Die Sowjetunion schleuste einige ihrer hochkarätigsten Spione in den dreißiger Jahren ins britische Establishment ein, als es dort vor Sympathisanten für den Kommunismus nur so wimmelte. Großbritannien tat dasselbe in den Neunzigern in Russland, als alles, was dort nicht niet- und nagelfest war, gekauft und in den Westen abgeschleppt werden konnte.

Die Leichtigkeit, mit der die westlichen Geheimdienste in den Neunzigern in Russland vorgehen konnten, war einer der Gründe (wenn auch nicht der einzige) weshalb Wladimir Putin den FSB rekonstituierte, um die Vorgänge im Inland besser zu kontrollieren und die Spionageumtriebe im Ausland zu verstärken. Es ist tragisch, dass weder der Liberalismus noch der anschließende Zusammenbruch des korrupten Jelzin'schen Systems, noch sein diametraler Gegensatz, Putins „geführte Demokratie“, die Frage beantworten konnten, vor der die russische Nation steht: Wie ist eine Modernisierung möglich, ohne die Kontrolle zu verlieren? Ist Russland aufgrund des Schicksals, der Geschichte und des Wetters dazu verurteilt, autoritär zu sein? Kann es zugelassen werden, dass eine Insitution unabhängig von der immergleichen Clique im Kremel arbeitet? Für einen Modernisierer wie Medwedew, der viel über Korruption und Gesetzlosigkeit redet, aber bislang versagt, wenn es darum geht auch nur eines von beidem anzugehen, ist die Spionageaffäre besonders beunruhigend.

Nicht etwa, weil sie die bilateralen Beziehungen mit Washington beschädigen könnte. Das wird sie nicht: Beide Seiten haben nachweislich davon profitiert, dass die Resettaste gedrückt wurde. Das Raketenabwehrsystem, der neue START-Vertrag und eine härtere Haltung gegenüber dem Iran seitens der Russen, waren nur der Anfang. Die verbesserten Beziehungen tragen alle möglichen Früchte: Die USA unterstützen Russlands Antrag auf Aufnahme in die WTO und US-amerikanische Firmen wie Cisco sollen beim Aufbau des russischen Silicon Valley, das Medwedew vor den Toren Moskaus vorschwebt, federführend sein. Die Stimmung ist aufgetaut und es ist weder in Obamas noch in Medwedews Interesse, sie wieder auf ein Stadium des „kalten Friedens“ abzukühlen. Nein, die Spionageaffäre ermahnt alle Seiten einfach nur, dass es noch ein weiter Weg ist, bis die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen etwas Normales sind.




Übersetzung: Christine Käppeler

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13:24 30.06.2010
Geschrieben von

Editorial, The Guardian | The Guardian

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