Unglaubliche Unbelehrbarkeit

Syrien-Krise Es ist schwer zu glauben, dass die führenden westlichen Politiker eine Eskalation zulassen. Haben wir wirklich nichts aus dem Irak-Krieg gelernt?
Unglaubliche Unbelehrbarkeit
Der "Männlichkeitswahn" einiger narzisstischer und kampfbereiter Persönlichkeiten macht die Lage derzeit so gefährlich

Foto: Nicholas Kamm/AFP/Getty Images

Was um alles auf der Welt tun wir? Ich habe keinen einzigen Syrien-Experten erklären hören, wie der Beschuss mit Raketen den Frieden in diesem Land voranbringen oder Baschar al-Assad dazu bewegen kann, klein bei zu geben. Die Raketen werden nur Gebäude zerstören und wahrscheinlich Menschen töten. Es ist nichts weiter als Populismus, reflektiert in Trumps zunehmend skurrilen Tweets. Mögen wir davor bewahrt werden, dass die britische Politik sich jetzt – wie es scheint – an jedes dieser Worte hängt.

Wir können davon ausgehen, dass der Chemiewaffenangriff auf einen Vorort von Damaskus wahrscheinlich durch vom Krieg verhärtete Militärs der syrischen Luftwaffe verübt wurde, aber auch Rebellen nicht immer davor zurückschrecken, ihre eigenen Leute zu töten, um Sympathie zu gewinnen. Auch Großbritannien hat im Nahen Osten immer wieder Zivilisten getötet. Nein, wir vergiften nicht unsere eigenen Leute, aber wir behaupten irgendwie das Recht zu haben, die Zivilisten anderer Länder in Stücke sprengen zu dürfen.

Der richtige Zeitpunkt für die Bestrafung des syrischen Regimes kommt erst nach Ende dieses Krieges. Derzeit wird eine Intervention von außen an diesem Konflikt nichts ändern, außer sein Ende hinauszuzögern. Das ist doppelt grausam. Die Syrien-Krise zeigt bereits jetzt alle bekannten Voraussetzungen für einen Konflikt ohne Rücksicht auf Verluste.

Intervenieren wäre Irrsinn

Es gab keinen Grund für Großbritannien, 2003 gegen den Irak zu kämpfen, der über den Wettstreit im Säbelrasseln zwischen dem damaligen britischen Premierminister Tony Blair und dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush hinausgegangen wäre. Genauso gab es in der Geschichte keinen Grund für Deutschland und Frankreich, sich 1870 militärisch zu bekämpfen. Auch 1914 gab es keinen Grund für einen Krieg, der über den Mord an einem Erzherzog in Serbien hinausging. Der bekannte britische Historiker A.J.P. Taylor schätzte es 1914 so ein: „Es gab nirgendwo den bewussten Entschluss, einen Krieg zu provozieren. Die Staatsmänner haben falsch kalkuliert und wurden zu Gefangenen ihrer eigenen Waffen. Die großen Armeen, die aufgebaut worden waren, um Sicherheit zu bringen und den Frieden zu erhalten, zogen die Nationen durch ihr eigenes Gewicht in den Krieg.“ Was Taylor wohl zu Trumps Mach dich bereit, Russland!-Tweet gesagt hätte?

Heutzutage sind die meisten Kriege die Folge von oft zufälligen Bündnissen und Verpflichtungen. Sie werden auch deswegen nicht verhindert, weil es kein funktionierendes Vermittlungsforum – oder auch nur eine „Hotline“ zwischen politischen Führern – gibt, um Unstimmigkeiten und kleinere Dispute zu klären. Die Beratungen zur Nachkriegsordnung des Wiener Kongresses von 1815 bescherten Europa rund 50 Jahre lang Frieden. Danach brach er wie aus Erschöpfung zusammen. Jetzt schreckt die Aussicht, dass sich auch die nach 1945 etablierte Ordnung des Kalten Krieges, die von den Vereinten Nationen mühsam überwacht wird, überlebt hat.

Umso stärker muss die Welt sich vor Stellvertreterkriegen hüten. Großbritannien hat mit dem syrischen Krieg nichts zu tun. Er resultiert aus dem von Leid getränkten Wiederaufleben einer der ältesten und bittersten Clan-Fehden des Nahen Ostens. Assad ist es gelungen, Iran und Russland dazu zu bringen, ihn zu unterstützen, was sie mit grauenvoller Effektivität getan haben. Die Rebellen dagegen wurden ermutigt durchzuhalten – befeuert durch den moralischen Beistand des Westens und die materielle Unterstützung der anti-iranischen Saudis. Syrien hat einen schrecklichen Preis bezahlt. Eine weitere Intervention wäre Irrsinn.

Viel Männlichkeitswahn

2003 suchte Blair für den Einmarsch im Irak die Zustimmung des Parlaments, wenn auch auf der Basis einer Lüge. Beschämenderweise erhielt er sie. 2013 wollte der damalige Regierungschef David Cameron die Zustimmung des Unterhauses, um gegen Syrien zu kämpfen, erhielt sie aber zum Glück nicht. Theresa May kann eine Abstimmung umgehen. Aber angesichts von Berichten, dass nur 22 Prozent der britischen Bevölkerung für eine Bombardierung Syriens und 43 Prozent dagegen sind, ist der Gewinn für ihren „Männlichkeitswahn“ eher fraglich.

Die eigentliche Gefahr ergibt sich aus dem, was danach passiert. Das Risiko, bei einem Angriff russische oder iranische Truppen zu treffen, ist hoch, und die Gefahr, militärische Vergeltung zu provozieren, noch höher. Falls sich der russische Präsident Putin derzeit in einer paranoiden Verfassung befindet, könnte er von ähnlichem Männlichkeitswahn durchdrungen werden wie Trump und May. Es sind genau solche Momente, in denen politische Führer in das Gewand von Kommandeuren schlüpfen und sich selbst die Lizenz geben, politische Entscheidungen allein zu treffen. Das macht die Arbeit ihrer Kollegen, sie im Zaum zu halten, noch schwerer. Kriegstreiber aus den eigenen Reihen haben die besten Argumente.

Das zeigt die schwache Untermauerung des internationalen Friedens, wenn das Gleichgewicht der Kräfte gestört ist. Nichts am derzeitigen Zustand der Welt ist Grund genug für eine Konfrontation der Superkräfte – wären da nicht die narzisstischen und kampfbereiten Persönlichkeiten gewisser führender Weltpolitiker. Kriegssieger haben die Verpflichtung, Geduld mit und Zurückhaltung gegenüber den Besiegten zu haben. Russland wurde 1989 besiegt, aber der Westen hat sich seitdem hämisch darüber gefreut. Russland hat sich in Syrien schuldig gemacht. Aber das ist nicht der Punkt. In dieser ersten schweren Krise in den Ost-West-Beziehungen seit dem Kalten Krieg scheint es so, als müssten wir uns jetzt auf Russland verlassen, Geduld und Zurückhaltung zu zeigen, nicht auf die USA. Das ist eine unheilvolle Aussicht.

Simon Jenkins ist Kolumnist des Guardian

Übersetzung Carola Torti
16:11 13.04.2018
Geschrieben von

Simon Jenkins | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 7209
The Guardian

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 36

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt