Ungleichheit ist die Krankheit

Corona „Die Erde heilt, wir sind das Virus“ ist ein Spruch, den man sich überall dort leisten kann, wo Armut und Umweltzerstörung outgesourct werden
Ungleichheit ist die Krankheit
Ein Fuchs in Berlin

Foto: imago images / A. Friedrichs

Kormorane jagen in dem jetzt klaren Wasser von Venedig nach Fischen. Wildschweine streifen durch die Straßen von Barcelona und im walisischen Llandudno nutzen Wildziegen die Lockdown-bedingte Abwesenheit von Menschen für einen kleinen Stadtbummel. Der Himmel über Los Angeles ist blau und im smogfreien Delhi kann man wieder den Himalaya sehen. „Die Erde heilt, wir sind das Virus“, lautet das Meme, das sich schnell im Internet verbreitet hat. Eine Meinung, die auch von vielen Politiker*innen, Kommentator*innen und Prominenten geteilt wird.

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„Die Natur sendet uns eine Botschaft“, erklärte etwa Inger Andersen von den Vereinten Nationen und der Journalist Fintan O’Toole befand, „aus Sicht von Mutter Natur“ mache „das Coronavirus die Dinge besser”. Sarah Ferguson, die Herzogin von York, ist da ganz bei ihm: „Mutter Natur hat uns auf unsere Zimmer geschickt … wie die verzogenen Kinder, die wir eben sind“, schrieb sie auf Twitter. „Sie hat versucht, uns zu warnen, doch letzten Endes hat sie wieder die Kontrolle übernommen.“

Vielleicht sollte jemand Ferguson daran erinnern, dass diese erneute Kontrollübernahme der Natur bedeutet, dass Hundertausende dem Tode überantwortet werden, Hunderttausende weitere ihre Existenzgrundlage verlieren und, mit den Worten von David Beasley vom Welternährungsprogramm, von „Hungersnöten biblischen Ausmaßes“ bedroht werden.

Wir sollten auch uns in Erinnerung rufen, dass das, was heute als unnatürlich und frevelhaft gilt, vor noch gar nicht allzu langer Zeit als natürlich und authentisch gefeiert wurde. Seit dem Ausbruch der Pandemie im chinesischen Wuhan gelten die dortigen Nassmärkte plötzlich als verachtenswert. Als er in China lebte, hat Alan Levinovitz sie noch in den höchsten Tönen gelobt: „Durch die Reihen der offenen Stände zu streifen fühlte sich befreiend und authentisch an, eine willkommene Abwechslung zu den sterilen Supermärkten, in denen das Hühnerfleisch hinter Glas liegt, in Plastik eingeschweißt von gesichtslosen Konzernen“. Hier hingegen gab es „Fleisch in seinem natürlichen Zustand: weder tiefgefroren, noch verarbeitet oder gekocht, manchmal noch nicht einmal geschlachtet“.

Gott und die Natur haben gemeinsam, dass sie immer auf unserer Seite stehen

Auch wenn Levinovitz, außerordentlicher Professor für Religion an der James Madison University, sein neuestes Buch, Natural, bereits fertiggeschrieben hatte, als die Pandemie ausbrach, handelt es sich dabei nicht zuletzt für all diejenigen um eine unverzichtbare Lektüre, die der These anhängen, wir Menschen seien das Virus.

Levinovitz zeigt, dass Vorstellungen von „Natur“ und dem „Natürlichen“ zu Synonymen für „Gott“ und das „Heilige“ geworden sind. Wir Menschen sind nicht deshalb schuldig, weil wir uns Gott widersetzt haben, sondern weil wir die Natur zerstört haben, unsere Lehrerin, in deren Weisheit wir die moralischen Gesetze entdecken müssen, nach denen wir leben sollten.

Ein derart moralisch aufgeladener Rückgriff auf die Natur stellt schon seit langem ein Mittel dar, um bestimmte von Menschen gemachte Gesetze und Strukturen zu rechtfertigen. Von Liebesbeziehungen zwischen Menschen verschiedener ethnischer Herkunft bis hin zu Homosexualität wird von bestimmten menschlichen Verhaltensweisen und Lebensäußerungen behauptet, sie würden natürliche Grenzen überschreiten und müssten deswegen verboten werden. Ein Verbot zwischen Menschen mit unterschiedlichem ethnischen Hintergrund sei notwendig, um die „Rassen nicht zu verderben“, befand 1865 ein Richter in Pennsylvania.

Paradoxerweise berufen sich viele, die der Ansicht sind, dass jede/r heiraten kann, wen er oder sie möchte, ebenfalls auf die Natur. Menschen aus verschiedenen ethnischen Gruppen hätten sich schon die gesamte Geschichte hindurch vermischt, argumentierten antirassistische Aktivist*innen schon im 19. Jahrhundert. Und auch LBTQ-Aktivist*innen von heute berufen sich darauf, dass homosexuelle Anziehung auch in der Tierwelt existiere. „Natürliche Güte“ bezeichnet Levinovitz als eine „Söldnerethik, die jeder und jede für seine Zwecke einspannen kann“. Gott und die Natur haben gemeinsam, dass sie immer auf unserer Seite stehen.

„Ähm ja, so kann man nachts etwas sehen“

Nicht nur angeblich abweichende Lebensweisen werden als unnatürlich verurteilt. Von der künstlichen Befruchtung bis hin zu genetisch veränderten Lebensmitteln, von Impfungen bis hin zum Klonen sehen Kritiker*innen in vielen wissenschaftlichen und technologischen Errungenschaften eine Herabwürdigung der Natur. Der Naturzustand wird zur Vorlage dessen, was der Mensch tun sollte. Dabei stellt so vieles, mit dem der Mensch sich in seinem täglichen Leben umgibt – von Aspirin bis zum Kühlschrank – eine Anerkennung des Umstandes dar, dass natürliche Prozesse uns häufig nicht zum Vorteil gereichen und es daher moralisch viel eher geboten wäre, sie in Schach zu halten.

Levinovitz glaubt, die Romantisierung des „Natürlichen“ gründe im Privileg: Nur diejenigen, die in den Genuss eines Lebensstils kommen, der sie in ausreichendem Maße vor den Angriffen der Natur schützt, könnten es sich erlauben, sie zu romantisieren. Wer in einem Land mit einem belastungsfähigen Gesundheitssystem lebt, hat die Möglichkeit, sich für eine natürliche Geburt oder alternative Medizin zu entscheiden oder Impfungen abzulehnen. In weiten Teilen der Welt, in denen die Frauen gar keine andere Wahl haben, als ihre Kinder „natürlich“ zur Welt zu bringen, liegen die Mütter- wie auch die Kindersterblichkeit ausgesprochen hoch. Es ist Armut, die so viele im globalen Süden dazu verurteilt, sich auf traditionelle Medizin verlassen zu müssen oder ohne Impfungen zu leben.

Nachdem er im New Yorker gelesen hatte, wie viel besser der natürliche Erziehungsstil des peruanischen Amazonas-Stammes der Matsigenka sei, reiste Levinovitz nach Peru, um sich selbst ein Bild zu machen. Er war enttäuscht, dass die Menschen dort nicht in einem „Naturzustand“ lebten, sondern Solarmodule und Mobiltelefone nutzten. Als er einen der Einheimischen fragte, ob er glücklich darüber sei, über Elektrizität zu verfügen, habe dieser ihm verdattert geantwortet, als würde er einem Kind etwas erklären: „Ähm ja, so kann man nachts etwas sehen.“

Natürlich sind diejenigen, die am verzweifeltsten an den übernatürlichen Wundern interessiert sind, die für die Menschen in den reichen Industrieländern selbstverständlich sind – Elektrizität, sauberes Wasser, Transport, Kühlung, Medikamente –, auch am stärksten von den Verwüstungen bedroht, die die Industriegesellschaft mit sich bringt. In der vergangenen Woche wurden nach einer Explosion und einem Gasaustritt in einer Chemiefabrik in der indischen Stadt Visakhapatnam mindestens 11 Menschen getötet und Hunderte ins Krankenhaus eingeliefert.

Fortschritt – gerade grüner – darf kein Privileg für wenige sein

In Indien ist die Erinnerung an die schreckliche Katastrophe von Bhopal im Jahr 1984 noch immer wach, als bei einer Explosion in einer Pestizidfabrik tödliches Methylisocyanat freigesetzt wurde. Eine halbe Million Menschen waren dem Gift ausgesetzt und bis zu 16.000 könnten gestorben sein. Fast 40 Jahre später ist der Ort der Katastrophe immer noch nicht vollständig von Kontaminationen befreit.

Es sind die Armen, ob in den reichen Ländern oder im globalen Süden, die am meisten unter der industriellen Verschmutzung leiden und am stärksten vom Klimawandel und den Folgen des Coronavirus bedroht sind. Das liegt nicht daran, dass die Menschen die Natur zerstören, sondern daran, dass die Gesellschaften so strukturiert sind, dass Innovationen und Entwicklungen das Privileg einiger weniger bleiben, während Verwüstung und Krankheit das Los der vielen sind.

Um sowohl die mangelnde Entwicklung als auch die Umweltzerstörung zu bekämpfen, braucht es keine unsinnigen Behauptungen a la „der Mensch ist das Virus“, sondern die Auseinandersetzung mit einer Politik, die Innovationen behindert, Ungleichheit zementiert und Profite höher bewertet als Menschen. Es ist das „Schlechte“ des Sozialen, nicht das „Gute“ des Natürlichen, mit dem wir uns auseinandersetzen müssen.

Kenan Malik ist ein britischer Publizist, Universitätsdozent und Rundfunkjournalist indischer Herkunft

Übersetzung: Holger Hutt
14:45 12.05.2020
Geschrieben von

Kenan Malik | The Guardian

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Ausgabe 22/2020

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