Unmoralisch, unentschuldbar

Preisschock Die Spekulationen mit Nahrungsmittelderivaten auf den Weltrohstoffmärkten treffen den westafrikanischen Staat Niger besonders hart

Die Hitzewelle, die Waldbrände und Dürren in Russland und Zentralasien scheinen beispiellos zu sein. An der Versorgungskrise, die darauf folgt, wird einiges vertraut sein, etwa dass sich der Welt-Weizenpreis hartnäckig auf 50 Prozent über dem Niveau von Anfang Juli 2010 hält. Die letzte Krise dieser Art ist nur zwei Jahre her. Ein Anstieg der Preise für Agrarwaren sorgte 2008 von Italien bis Haiti für Panik und lenkte die Aufmerksamkeit auf verborgene Manipulationen auf den internationalen Nahrungsmittelmärkten, die in den ärmsten Ländern zu Katastrophen vollkommen neuer Art führten.

Niger zum Beispiel, ein fragiler Subsahara-Staat, erfährt derzeit die schlimmste Hungerkrise seit Jahren, obwohl es dort eigentlich nicht an Agrarerzeugnissen mangelt. Auf den lokalen Märkten türmen sich Berge von Getreide – nur ist es schlicht und einfach zu teuer, als dass es sich irgendjemand leisten könnte. Plausible Erklärung für diesen Preisschub wäre eine Produktionskrise, tatsächlich kommt ein anderes Phänomen in Betracht – die Spekulation auf den Weltrohstoffmärkten. Derivate, in denen Produkte wie Weizen und Mais verpackt sind, haben Spekulanten gewaltige Profite eingebracht, die keinerlei Interesse an den Waren haben, die den Derivaten zugrunde liegen.

Die Anzahl der auf die Märkte geworfenen Rohstoff-Derivate ist zwischen 2002 und 2008 um 500 Prozent gestiegen – ein Prozess, der sich gegen Ende der Dekade mit der Konsequenz beschleunigt hat, dass auf den Zusammenbruch des globalen Hypothekenmarktes und der Rezession ein massiver Anstieg der Lebensmittelpreise folgte. Zwischen beiden Phänomenen besteht eindeutig ein kausaler Zusammenhang.

Pufferbestände aufbauen

Vorliegende Analysen besagen, dass die Nahrungsmittelproduktion bis 2040 um mehr als 70 Prozent wachsen muss, soll der Bedarf einer größeren, urbanisierten und wohlhabenderen Weltbevölkerung gedeckt werden. Unterdessen setzen Missernten, Klimawandel und die Produktion von biologischen Treibstoffen einem steigenden Angebot Grenzen. Und es gibt Anzeichen dafür, dass der Weltrohstoffmarkt durch Spekulationen zusätzlich an Stabilität einbüßt. Die britische NGO World Development Movement (WDM) hat in ihrem jüngsten Report das Beispiel der Investmentbank Goldman Sachs herausgegriffen, die 2009 mehr als fünf Milliarden Dollar Profit mit Commodity-Handel gemacht haben soll. WDM nennt dies „gefährlich, unmoralisch und unentschuldbar“.

Der beratende Ausschuss des UN-Menschenrechtsrats hat die Auswirkungen der rasanten Preiskurven für arme Länder erkannt und schlägt verschiedeneMaßnahmen vor, darunter die Einrichtung internationaler Pufferbestände, um Preise zu stabilisieren, eine größere Kontrolle über die Agrarzuschüsse für Entwicklungsländer und Obergrenzen für den Gebrauch von Bioenergie-Technologien, die auf Grundnahrungsmitteln basieren. Die in vielen Industriestaaten beschlossenen Bankenreformen laufen darauf hinaus, den Derivaten-Handel stärker zu regulieren – sie werden auch die Rohstoff-Spekulanten zu mehr Transparenz zwingen.

Verlierer – so oder so

Dass der britische Markt in dieser Hinsicht alles andere als durchsichtig ist, lässt sich kaum leugnen. Die internationale Londoner Finanzterminbörse Liffe hat versprochen, eine Auflistung der Investoren im Rohstoff-Markt zu veröffentlichen. Dies geschah nicht zuletzt unter dem Eindruck des Skandals um Anthony Ward und seine Firma Armajaro. Ward hatte sieben Prozent (!) der weltweiten Kakaoproduktion aufgekauft. Die Kakao-Preise reagierten darauf und haben nun den Höchststand seit 1977 erreicht.

In Ghana jedoch herrscht in den Gemeinden, die Kakao anbauen, nach wie vor die gleiche Armut. Die Ungerechtigkeit des Rohstoff-Marktes besteht darin, dass ein Preissturz eine Volkswirtschaft einbrechen lassen kann – wie es in einigen Ländern Westafrikas der Fall war und ist –, ein Preisanstieg nutzt jedoch nur denen, die an der Produktion nicht beteiligt sind: einer Armee von Spekulanten und Investoren aus London oder New York.

So oder so verlieren die Kleinbauern in den Entwicklungsländern. Und wenn zu den hohen Lebensmittelpreisen Ernteausfälle hinzukommen und die armen Bauern gezwungen sind, Grundnahrungsmittel für den Eigenbedarf zu Marktpreisen zu kaufen, dann wird die ganze Streitfrage auf eine nackte Realität heruntergebrochen – den Hunger.

Afua Hirsch ist studierte Juristin. Sie hat als Strafverteidigerin praktiziert und unterrichtet Verfassungsrecht und Menschenrechte. Für den Guardian schreibt sie außerdem in einem eigenen blog über Rechtsthemen

Übersetzung: Christine Käppeler

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12:02 18.08.2010
Geschrieben von

Afua Hirsch | The Guardian

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