Unter die Oberfläche

Gegenwart Unsere Autorin ist auch eine Transsexuelle. Was denkt sie über das neue Gesetz der Deutschen?
Unter die Oberfläche

Foto: Araldo de Luca/ Corbis

Es ist ein Anfang. Vielleicht sogar ein notwendiges Übel. Aber springe ich vor Freude über die Nachricht, dass Deutschland kurz davor steht, ein „drittes Geschlecht“ anzuerkennen oder zumindest einzuräumen, dass „Kinder, die in Deutschland geboren werden und keine eindeutigen geschlechtsspezifischen körperlichen Merkmale aufweisen, die Möglichkeit haben werden, eine Geburtsurkunde zu erhalten, auf der kein Geschlecht eingetragen ist“? Äh, nein.

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Intersexuelle haben es schwer. Während die Trans-Community in Großbritannien und anderswo auf der Welt im Laufe der vergangenen Jahre in vielerlei Hinsicht rechtliche Anerkennung erstreiten konnte, wird Intersexuellen oft auch heute noch Rechtsschutz und Zugang zu medizinischen Leistungen verwehrt. Ich selbst habe Menschen geholfen, die schikaniert und aus ihrer Wohnung geschmissen wurden, weil ihr Vermieter sich an ihrer Gender-Präsentation stieß. Und da sie auch juristisch nicht unter die Definition von Transsexuellen fallen, mussten sie auf die brutalste Weise erfahren, was es bedeutet, rechtlich ungeschützt zu sein.Regierung und Gesellschaft müssen erst einmal anerkennen, dass es Intersexuelle gibt, bevor sie Rechte erwerben können, insofern ist der Schritt des deutschen Gesetzgebers also erst mal durchaus positiv und begrüßenswert. Und auch politisch kann er sich als hilfreich erweisen.

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft mir die Verteidiger der natürlichen Geschlechterordnung in irgendwelchen Foren erklärt haben, es gebe nur zwei Geschlechter, weil ihr Gott ihnen das so gesagt habe oder Wissenschaftler es bewiesen hätten.

Als ehemalige Wissenschaftlerin frage ich mich, wie Außerirdische, die frei von unseren Konventionen und unserer sozialen Konditionierung sind, unsere Gattung betrachten werden?

Würden sie auch auf die Idee kommen, dass Menschen so etwas wie ein „Geschlecht“ haben? Ein Geschlecht, das es nur in zwei Ausführungen gibt, alles andere wäre nur ein „Fehler“ der Natur? Oder würden sie empirisch feststellen, dass diese Regel zwar auf 96 bis 98 Prozent der Bevölkerung zutrifft, während zwei bis vier Prozent sich binären Geschlechterkategorien entziehen?

Würden sie (wie viele heute schon) bemerken, dass es einen nicht weiterbringt, allein die körperlichen Eigenschaften zu betrachten – wie dies im Zuge des neuen Gesetzes gerade in Deutschland diskutiert wird?

Um nämlich das „wirkliche“ Geschlecht zu bestimmen, muss man tief unter der Oberfläche graben und sich Chromosomen, Keimdrüsen und Hormonspiegel ansehen. Bestimmt wären viele, die sich ihrer Männlich- oder Weiblichkeit rühmen, erschüttert, wenn sie wüssten, dass sie gar nicht so eindeutig das eine oder das andere sind.

Aus diesem Grund habe ich mit dem Vorschlag, der in Deutschland diskutiert wird, auch so meine Probleme.

Zum einen, weil die Entscheidung, zu welchem Geschlecht man gehört, sich nicht allein nach körperlichen Eigenschaften richten sollte. Wir wissen ja inzwischen, dass man das Geschlecht eines Menschen nicht allein danach beurteilen kann. Zweitens schließt die klare Entscheidung für ein Geschlecht, und sei es erst nach der Pubertät, eine ganze Welt des Nichtbinären aus: all diejenigen, die sich keinem der beiden (biologischen oder sozialen) Geschlechter zugehörig fühlen, ungeachtet der vermeintlich bestimmenden Physiognomie. Den Intersexuellen jedenfalls ist kaum wirklich damit geholfen, dass man die Entscheidung auf später verschiebt. Denn man lässt ja erneut eine große Gruppe von Leuten, die sich keinem der binären Geschlechter angehörig fühlen, außen vor.

Und drittens: Warum verfallen wir immer wieder auf die Vorstellung, dem Geschlecht komme in unserem Leben eine derart bestimmende Bedeutung zu? Als ich vor ein paar Jahren mit Staatsbeamten über Identität diskutierte, war ich amüsiert und erstaunt darüber, dass sie von sich aus zugaben, es ergebe heutzutage so gut wie keinen Sinn mehr, das Geschlecht eines Menschen zu erfassen.

Auch neue Barrieren

Es ist beispielsweise sicherheitspolitisch nur von geringem Nutzen. Die Gleichstellungsgerichtsbarkeit hat im Laufe der Zeit nämlich dazu geführt, dass es im Grunde keinen Unterschied mehr macht, ob man „juristisch“ (was immer das heißt) ein Mann oder eine Frau ist.

Das deutsche Gesetz erinnert stark an einen anderen Prozess: an den nämlich, in dem viele westliche Regierungen die aktive Sexualität schwuler Männer Schritt für Schritt entkriminalisiert haben. Zuerst haben sie diese widerwillig legalisiert. Gleichwohl wurde schwuler Sex aber noch mit einem anderen Mündigkeitsalter versehen als heterosexueller Verkehr. Dennoch wurden auf diese Weise Barrieren abgebaut. Dieser Prozess, der in den sechziger Jahren begann, dauert, da er schrittweise erfolgt, immer noch an – in der britischen Armee wurde Homosexualität beispielsweise erst im Jahr 2000 entkriminalisiert.

Der deutsche Schritt hin zur Akzeptanz einer geschlechtlichen Unbestimmbarkeit ist wichtig, denn er öffnet das nächste Kapitel in der sogenannten Gender-Debatte. Aber es lässt auch viele Themen bezüglich der Frage, was das Geschlecht eigentlich ausmacht und welche Folgen die Geschlechtszugehörigkeit für den Einzelnen hat, unberührt.

Jane Fae ist eine feministische Transgender-Aktivistin. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen über Biopolitik. 2010 wurde sie für ihr Buch Beyond the Circle mit dem Titel „Erotic Writer of the Year“ ausgezeichnet

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 12.09.2013
Geschrieben von

Jane Fae | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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