Unter Hypnose

Leerlauf Guardian-Autor Adrian Searle spaziert überdrüssig durch die Kunstmesse Frieze in London – eigentlich auf der Suche nach Kunst, die auf die Finanzkrise reagiert

Was ist bloß mit dem Warschauer Palast der Kultur und Wissenschaft geschehen, dem einstigen Geschenk Sowjetrusslands an das polnische Volk und immer noch größtem Gebäude der polnischen Hauptstadt? Das wunderbar kitschige stalinistische Bauwerk – besser gesagt, eine verkleinerte Version desselben hätte eigentlich in den Eingangsbereich der Frieze Art Fair in London krachen sollen – initiiert von der Künstlerin Monika Sosnowska. Ist es aber nicht.

Sosnowska hat ihre Arbeit zurückgezogen. Statt ihrer findet sich an der vorgesehenen Stelle nur ein Stück Plane. Die Künstlerin kam zu einem späten Zeitpunkt zu dem Schluss, dass die Skulptur nicht funktioniere. Solch stringente Qualitätskontrolle mag man sich auch an anderer Stelle wünschen, doch die Frieze Art Fair ist wie immer auch diesmal ein Ort, an dem man am besten mit dem Strom schwimmt, die Dinge nimmt, wie sie kommen und versucht, sich zu amüsieren, so gut es eben geht. Abwesenheit, merkte James Joyce einmal an, sei die höchste Form der Anwesenheit. Doch wie dem auch sei. Sosnowskas Skulptur ist zwar nicht da, die Sammler hingegen sehr wohl. Um sie willkommen zu heißen, haben viele der Galerien und Künstler metaphorisch auf die derzeitige Wirtschaftskrise reagiert, als wollten sie sagen: Wir sehen eure missliche Situation, aber wir brauchen euer Geld. Über einem Stand hängt ein rot-weißes Banner mit den Worten LONG LIVE AND THRIVE CAPITALISM (Lang lebe und gedeihe der Kapitalismus).

Dieser Wunsch scheint hier so groß zu sein, dass man sich fragt, was bloß mit den revolutionären Idealen passiert ist, die den radikalen Künstlern einst so am Herzen lagen. Aber vielleicht ist es auch besser, gar nicht erst zu fragen.

Bei Gavin Browns Enterprise, der normalerweise recht zuverlässig zu den unterhaltsamsten Ständen zählt, hat Rirkrit Tiravanija die Worte „The Days of Society is numbered“ („Die Tage der Gesellschaft ist gezählt“) über Zeitungsseiten gemalt. Suchen sie nicht nach einer versteckten Bedeutung in diesem grammatikalischen Fehler – auch wenn es ja eigentlich irgendetwas heißen muss. Alles hat eine Bedeutung bei der Frieze, sogar die Stapel alten Bauholzes bei einem anderen Stand und die nackten Stecktafel-Wände, die am Stand der napolitanischen Galerie T293 installiert sind. „Diese Arbeit will die spezifischen Bedingungen der Ausstellung und Betrachtung von Kunst im Kontext einer Kunstmesse widerspiegeln,“ ist darüber zu erfahren. Weniger klar ist, ob The Great White Hope ein Kunstwerk ist, das für sich selbst steht oder nicht, oder ob es nur ein Kommentar zum Markt ist. Oder ob die Galerie damit nur auf sich aufmerksam machen will. Vielleicht ja auch alles.

"Finde das Toupet"

Das dänische Kollektiv Superflex hat vier dreiminütige Filme über die Wirtschaftskrise gemacht, die von einem Hypnotiseur präsentiert werden. Der erzählt dem Zuschauer, wie man mit der Krise fertig werden könne und über die inneren Phantome, die uns runterziehen – die unsichtbare Hand des Marktes, die Investoren-Legende George Soros, der schnöde Mammon selbst. Ich spürte, wie ich wegnickte, bis der Hypnotiseur mit den Fingern schnippte und mich auf den Weg schickte. „Kaufen, kaufen, kaufen“, murmele ich, während ich mich im traumwandlerisch zu einer Aussichtsplattform aufmache, die hoch oben über dieser überdachten Messe-Stadt errichtet wurde. Die Plattform ist Teil des Projektes Players des Duos Kim Coleman und Jenny Hogarth. Im Rahmen von Players sind auch Videoüberwachungsaufnahmen zu sehen, die überall auf der Messe gemacht wurden. Der kleine, zeltähnliche Raum, in dem sie gezeigt werden, erinnert an eine Hellseherkabine auf einer Kirmes. Bei einigen der Menschen, die auf den Bildschirmen zu sehen sind, handelt es sich um Schauspieler. Man halte nach dem dem Fensterputzer und dem hypnotisierten, zombihaft durch die Gänge taumelnden Kunstkritiker Ausschau! Das muss ich sein. Die Aussichtsplattform macht Spaß und man kann von dort aus auf Hix’s Austernbar und Restaurant hinunter schauen, „Finde das Toupet“ spielen und Sachen auf die Teller unten werfen.

Die Luft schwirrt vor Deals und unsichtbaren Radiowellen, die politische Protestsongs transportieren. Hören kann man sie auf kleinen Radioanlagen, die die schottische Künstlerin Ruth Ewan ausgibt. Ihr Radiosender Station of People Trying to Change the World übertönt all das Gerede übers Geld und die schlechten Gedanken. Eigentlich ist es einfach nur ein bisschen nervig. Es ist ohnehin schon schwer genug, sich hier drinnen auf die eigenen Gedanken zu konzentrieren und dabei muss man auch noch acht geben, den Mann nicht zu verpassen, der auf den "Lisboa 20"-Stand zuläuft und sich das Hemd vom Leib reißt – immer dicht gefolgt von Fotografen und Sicherheitspersonal. Dann und wann setzt eine Frau an, sich auszuziehen und türmt dann. Diese von Andre Guedes inszenierte Performance ist unangekündigt und zurückhaltend, die Darsteller sind anonym und flink. Obwohl ich schon zuvor davon gewusst hatte, raubte mir diese so schnelle und zugleich so lässige Strip-and-Run-Performance doch den Atem.

Verstörender sind die Selbstportraits darstellenden Skulpturen des mexikanischen Künstlers Gabriel Kuri bei am Stand der Londoner Galerie Sadie Coles. Eine halb mit Wasser gefüllte Plastiktüte – von der Sorte, in denen man einen Goldfisch von einer Kirmes nach Hause trägt – wird an einem Stückchen Seil hängend mit einer anderen Tüte in Balance gehalten, die wiederum mit etwas gefüllt ist, das wie Urin aussieht. Sehr leicht, aber auf eine unbehagliche Art auch sehr lustig.

Drüben bei der Londoner Galerie Ancient Modern ist die Sammlung von Mr Mrs LM Kane zu sehen. Das ist es doch schon eher: Wasserfarben, Porzellanstatuen, Fotographien. Sogar ein Souvenir der britischen Fluggesellschaft Virgin Airlines ein Fingerhut. Diese Artefakte – darunter auch eine Vase mit getrockneten Blumen und ein Foto eines Treffens mit Papst Johannes Paul II. – gehören den Eltern des Künstlers Alan Kane. Man könnte über die gefälligen orientalischen Figuren, die einfachen, eingerahmten Sinnsprüche, die billige Porzellan-Tierwelt lachen – doch mit einem bisschen Ironie ist es allem anderen hier ebenbürtig.

Künstler schauen dich an

Seltsamerweise machen einen selbst die hippsten und fetzigsten Kunstmessen irgendwann stumpf. Nach einer Weile werden meine Fähigkeiten als Kritiker zu Brei und irgendwann starre ich vertieft auf ein dünnes Drahtstück, welches gerade auf Augenhöhe langsam aus einer Wand hervorkommt. Der motorisierte Draht kommt, unter seinem eigenen Gewicht schlingernd, immer weiter heraus, während das andere Ende in einem zweiten Loch in einer nahegelegenen Wand verschwindet. Irgendwo dahinter muss ein Motor sein. Diese packende, absurde und absolut fesselnde Arbeit stammt von dem amerikanischen Künstler Charles Ray. Sonst ist hier, am Stand der Galerie Matthew Marks nichts zu sehen und ich fange schon an mich zu fragen, ob ich noch immer unter Hypnose stehe, als ein Fotograf sich mir nähert und beginnt, mich zu knipsen. Er gehört zu dem Projekt We are Constant des Künstlers Ryan Gander. Gander hat im Eingangsbereich der Messe kleines Studio aufgebaut, wo er eine Serie Schwarz-Weiß-Portraits druckt und so aufhängt, dass sie den Gang säumen. Bilder von Menschen, die an den Kameras vorbei auf die Kunst blicken, die sie interessiert. Während sie die Kunst anschauen, blickt Gander auf sie. Eine Kopie des Fotos erhalten die Abgelichteten selbst, eine behält der Künstler. Es ist eine Art Austausch, ein Spiel mit gegenseitigen Blicken. Ich schaue verdrossen und benommen drein.

Auf irgendwas ist bei der Frieze jeder aus – auf die Kunst, den Klatsch, einen Blick auf die Promis und Superreichen. Die Arbeiten, die von absurd bis übertrieben reichen, spiegeln eine enorme Bandbreite nicht nur an Preisen, sondern auch an Empfindsamkeiten. Auch wenn an einem der Stände ein Stahlsarg zu verkaufen steht, ist die Atmosphäre heiter und lebendig. Einige der besten Sachen, wie Rays Draht, sind beinahe unsichtbar. Oder sind es ganz und gar, wie der Warschauer Kulturpalast, der nicht zugegen ist.


Übersetzung: Zilla Hofman

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16:40 16.10.2009
Geschrieben von

Adrian Searle, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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