Tanya Gold
09.06.2011 | 13:20 9

Unter Schlampen

Protestbewegung Sollen Frauen sich das Wort Schlampe affirmativ aneignen - und ist Ausziehen die richtige Protestform gegen Vergewaltigungsklischees? Unsere Autorin lief beim SlutWalk mit

Am vergangenen Sonnabend hat das sogenannte SlutWalking mit Demonstrationen in Cardiff, Newcastle und Edingburgh das Vereinigte Königreich erreicht. Ich habe mich unter Grey’s Monument in Newcastle gestellt und beobachtete, wie die Teilnehmerinnen eintrafen. Während ich dies schreibe, überlege ich zunächst, ob ich die SlutWalker Schlampen nennen kann, ohne die ironisierenden Anführungszeichen zu verwenden. Ich denke, ich sollte das tun. Geht es nicht gerade darum? Dem Begriff durch inflationären Gebrauch die negative Konnotation zu nehmen? Wenn ich es abstoßend finde, dieses Wort zu schreiben – und Sie es vielleicht abstoßend finden es zu lesen – wer weiß: Womöglich müssen auch wir am Ende erkennen, dass die „Aneignung“ von Schimpfwörtern angesichts des ins Stocken geratenen Kampfes für die Gleichberechtigung und einer alles vereinnahmenden Porno-Industrie durchaus hilfreich ist.

Grey’s Monument besteht aus einer phallischen Säule, die an die Rolle des weißen Mannes Charles Grey bei der Verabschiedung des Reform Act von 1832 erinnert. Als Symbol weiblicher Emanzipation taugt es also schon mal nicht. Eine Feministin der ersten Generation würde vielleicht sagen, dass wir uns unter dem mit Tauben bedeckten Penis eines Patriarchen verabredet haben. Einige Schlampen tragen wie ich Jeans oder lange Röcke - so bieder wie Tories auf der Suche nach einem Labrador für die Familie. Einige haben spinnenartige Unterwäsche und festes Schuhwerk an – wie Stangentängerinnen, die Angst haben, in Scherben zu treten. Andere wiederum tragen rosa Kleidchen, Perücken und Teddybären. Ein paar eher normal gekleidete Männer und eine Abordnung der Socialist Workers Party sind auch zugegen, wollen aus irgendeinem Grund aber nicht mit ihren Namen rausrücken. Viele tragen Pappschilder oder Transparente, auf denen zu lesen steht: „Die Leute fordern Feminismus“; „Hört auf, mir zu sagen: Lass dich nicht vergewaltigen. Sagt den Männern: Vergewaltigt nicht!“ oder „Meine Kleidung bedeutet nicht mein Einverständnis“.

Der SlutWalk ist das jüngste Kapitel in der Geschichte des mordernen Feminismus, eingepfercht zwischen dem Aufstieg der wohlriechenden guten Ehefrau – Samantha Cameron, Catherine Wales – und der Wiederkehr der großohrigen Bunnies im neuen Londoner Playboy-Club.Der SlutWalk  hat nichts Gemäßigtes oder Zurückhaltendes an sich, sondern ist vielmehr ein Aufschrei dreckiger, unfemininier Wut, der die konventionellen Gender-Sterotypen zerreißt, die heute fester und lästiger scheinen als jemals zuvor.

Wider das Ideal der Leibeigenschaft

Es begann am 24. Januar dieses Jahres, als der Polizist Michael Sanguinetti in die Osgoode Hall Law School in Toronto marschierte, um den dort anwesenden Frauen zu erklären, wie sie sich gegen sexuelle Gewalt schützen können. „Mir wurde gesagt, dies nicht zu sagen. Aber wie dem auch sei: Frauen sollten es vermeiden, sich wie Schlampen anzuziehen, damit sie nicht zu Opfern werden.“

Sonya Barnett und Heather Jarvis entschlossen sich dazu, mit diesem Beispiel der gedanklichen Praxis, Frauen die Schuld dafür zu geben, wenn sie vergewaltigt werden, an die Öffentlichkeit zu gehen. Nicht zuletzt weil sie hier von einem Gesetzesvertreter geäußert wurde. Also organiserten sie für den dritten April den ersten SlutWalk. Tausende von Frauen marschierten durch Toronto, einge von ihnen hatten das Wort „Schlampe“ auf ihren nahezu nackten Körper gemalt.

In ihrem Manifest hieß es: „Wir haben es satt, dass man uns unterdrückt, indem man uns als Schlampen beschimpft, uns wegen unserem Sexualverhalten abgeurteilt zu werden. Wir haben es satt, deswegen Angst haben zu müssen. Dass wir unsere Sexualität selbstbestimmt ausleben, darf nicht dahingehend missverstanden werden, dass wir Gewalt in Kauf nehmen, ganz egal, ob wir zum Spaß Sex haben oder damit Geld verdienen. Niemand sollte gleichsetzen, dass, wer Spaß an Sex hat, sexuelle Gewalt provoziert.“

Ein SlutWalk in Teheran?

Sanguinetti entschuldigte sich pflichtgemäß. Aber, durch Facebook, Twitter und den inflationären Gebrauch des Wortes „Schlampe“ angespornt, den die Medien aus offensichtlichen Gründen über alles lieben, kam es zu SlutWalks in Boston und Los Angeles und es wird SlutWalks in Buenos Aires und Delhi geben. Eine Facebook-Seite behauptet, es sei auch einer in Teheran geplant, aber ich halte das für einen Witz.

Der Name der Bewegung hat unter Feministinnen für viel Kopfschütteln gesorgt. Was ist eine Schlampe? In ihrem bekannten Essay Sluts aus dem Jahr 1963 beschrieb Katharine Whitehorn Schlampen als Frauen, die ihre Kleider „wieder aus dem Korb für schmutzige Wäsche herausholen, weil diese vergleichsweise saubererer sind und ihr Geld „zu Beginn des Monats ausgeben wie betrunkene Matrosen“. Damals waren Schlampen also in der Hauptsache schlecht organisierte Frauen, die nicht dem auf Hochglanz polierten Ideal der Leibeigenschaft der 50er Jahre entsprachen: an den Händen Handschuhe, der Ehemann im Büro, im Mund eine Valium.

Heute aber ist der Begriff Schlampe sexuell aufgeladen und bezeichnet eine Frau, die häufig den Partner wechselt. Indem sie diesen Begriff verwenden, haben die Slutwalker nach Meinung einiger Feministinnen ihre Schmähung internalisiert. Gail Dines schrieb im Guardian: „Der Begriff Schlampe ist so tief in der patriarchalen Madonna/Hure-Perspektive auf die weibliche Sexualität verwurzelt, dass es für ihn keine Rettung gibt.“ Germaine Greer widersprach: „Dass Frauen die ihnen vorgeschriebene Reinigung von Geist, Körper und Seele zurückweisen, ist eine notwenige Voraussetzung ihrer Befreiung …"

Schlampen, soweit das Auge reicht

Ich zähle die Schlampen. Bislang sind es nur 30. Es werden doch sicher mehr Leute gegen Vergewaltigungen auf die Straße gehen als für das Recht, Füchse zu töten?! Während ich darüber siniere, ob die britische SlutWalk-Bewegung den Kindstod sterben wird, sehe ich, wie eine Schlampe ihr erstes Opfer gefunden hat. Es ist ein christlicher Prediger in einem Trainigsanzug - St. John Rivers aus Charlotte Brontës Jane Eyre und Puff Daddy in einer Person.

Er steht auf einem Stuhl und spricht zu einer kleinen Gruppe von Leuten. „Jesus liebt euch“, sagt er mit breitem Geordie-Akzent und rudert dabei mit den Armen. Zu seiner Rechten macht ein Mann Werbung für ein indisches Restaurant. Zu seiner Linken informiert ein Stand die Öffentlichkeit über den Islam. Es ist Samstagmittag und die Hauptstraße ist eine Gemengelage konkurierender Weltanschauungen.

„Liebet den Herrn“, schreit er in seinem breiten Geordie. „Macht Ernst mit Gott.“ Da greift die Schlampe an. Sie ist sehr schlank, trägt Jeans und BH, ihr Kopf ist kahlrasiert. „Gott kümmert sich einen Scheiß“, schreit sie und wendet sich an die durch das Versprechen von Gewalt größer und interessierter werdende Menge. Sie sehen zu wie bei einer Fernsehsendung, machen Bilder und das sollten sie auch, denn es handelt sich um eine äußerst photogene Bewegung. Büstenhalter und Schlampen, so weit das Auge reicht. „Alles, was sie predigen, ist eine Schande“, schreit sie. „Dieser Mann“ - sie zeigt mit dem Finger auf ihn - „ist ein Lügner!“ er saugt seine Wangen ein, bläst die Luft wieder aus und blickt verwirrt aus der Wäsche. Wahrscheinlich denkt er, sie sei einem Gemälde von Hieronymus Bosch entwachsen. Seine Augen fragen: Warum spricht sie wie die Bibel? Zu mir?

Eine bärtige Schlampe springt ihr bei. „Religion ist ein Kontrollsystem“, schreit sie, „eine Maschine!“ Die Menge applaudiert, obwohl sie doch ihre Einkaufstüten tragen müssen und eigentlich in Gedanken schon beim Mittagessen sind. „Du verlogener Scheißer!“, schreit die Schlampe. „Mäßigen Sie ihre Sprache“; erwidert der Prediger, „Es sind Frauen anwesend.“ „Wir wollen in Sünde leben“, schreit die bärtige Schlampe. Ich glaube nicht, dass das stimmt. Wahrscheinlich wollen sie, dass eine Sünde nicht mehr als Sünde gilt. Zwei weitere Schlampen kommen näher und küssen sich voller Zärtlichkeit, gleich neben dem Priester. Sein Gesicht schwillt an. Er steigt von seinem Stuhl und reibt sich den Kopf.

Das Publikum? Nippt ungerührt Bier

Die Organisatorin (Chef-Schlampe?) heißt Lizi Gray. Sie ist 16 und geht noch zur Schule. Sie ist klein, hat dunkles Haar, in dem eine rote Rose steckt. Sie hält eine kurze, nervöse Rede vor der versammelten Menge, die nun an die 100 Leute zählt. „Frauen haben das Recht, sich anzuziehen, wie sie wollen, ohne angegriffen zu werden“, sagt sie. „Die Polizei hat die Sache richtiggestellt, aber wir müssen trotzdem weiter auf die Straße.“ Und alle zusammen: „Was immer wie tragen, wohin auch immer wir gehen, ja heißt ja und nein heißt nein!“

Die Leute kommen aus den Geschäften und gucken ziemlich ungerührt zu. Sie klatschen oder jubeln nicht, sie werfen auch nicht ihre Einkaufstüten weg, um sich uns anzuschließen. Sie blicken noch nicht einmal erstaunt. Selbst die Männer, die vor der Kneipen stehen, gucken nur unbeteiligt zu und nippen an ihren Pints.

Ich versuche, die Frau zu erwischen, die sich mit dem Prediger gestritten hat. Ihr Name ist Cleo Rose-Nash. Sie arbeitet als Prostituierte. „Vor einer Woche hat mich ein Freier vergewaltigt“, sagt sie. „Die Leute verstehen nicht, was Einverständnis bedeutet und wie sehr Vergewaltigung Teil unserer Kultur ist. Wir vermeiden es, darüber zu reden.“ So  wird meine Berichterstattung über den SlutWalk, die mit lustigen Kostümen und einem Prediger im Jogginganzug, der so lange angeschrien wurde, bis er aussah, als fange er gleich an zu heulen, begann, zu einer Interviewserie mit Vergewaltigungsopfern.

Was so lustig begann, wird plötzlich ernst

Katie Cullinane ist 26. „Ich wurde vergewaltigt, als ich 18 war. Ich hatte Angst, zur Polizei zu gehen. Ich wusste, was die sagen würden.“ Und was haben sie gesagt? „Man sagte mir, ich solle es als Erfahrung verbuchen.“ "Die meisten Frauen würden von Männern vergewaltigt, die sie kennen und die meisten würden Jeans tragen, wenn es passiert. Der Fremde, der sich an einer leicht bekleideten, betrunkenen Frau vergreift, sei eine Lüge, ein Symptom unserer kollektiven Verdrängung, erklärt sie weiter. Gebt nicht den Männern die Schuld, Schuld sind die Kleider und die Frauen, die sie tragen.

H., 30, will ihren Namen nicht nennen.“Ich wurde mit neun sexuell missbraucht“, sagt sie. „Von Kindern in der Schule. Aber man gab mir die Schuld. Sie sagten mir, wenn ich nicht allein in einer Ecke des Spielplatzes gesessen hätte, wäre es nicht passiert. Warum sollte ich immer im Rudel unterwegs sein?“ Sie trägt Jeans, eine dicke blaue Strickjacke und leuchtend violette Ohrringe. Sie kommt aus dem County Durham und hat noch nie zuvor für oder gegen etwas demonstriert. „Frauen sollten hingehen können, wo sie wollen, allein und in den Kleidern, die ihnen gefallen. Männer können das. Frauen sollten dieses Recht auch genießen. Männer betrinken sich ohne Angst, vergewaltigt zu werden.“ Sie bat ihre Mutter und ihren Freund mitzukommen, aber die wollten nicht.

Die Demonstration ist überraschend kurz. Nur 40 Minuten, und dabei machen wir im Zentrum sogar noch eine Pause. Gray bedankt sich bie den SlutWalkern und der Polizei. Aber eine Gruppe entschließt sich, zum Green Festival weiterzuziehen, das im Park gleich nebenan stattfindet.

Nachts checke ich die Facebook-Seite des Newcastle SlutWalk und werde Zeugin einer Krise: Vicky Vampvick Lyth hat geschrieben: „Mir wurde gesagt, eine kleine Gruppe von Mädchen vom SlutWalk habe sich zum Green Festival aufgemacht … ein Polizist habe sie angehalten und ihnen gesagt, sie könnten dort nicht hingehen, denn sie sähen aus wie Schlampen. Das ärgerte mich, denn es ist ein weiterer Beleg dafür, dass den Opfern die Schuld gegeben wird ….“

Ich gehe der Sache online nach: Was genau wurde gesagt? Aber ich komme mir blöd dabei vor, eine Frau, die an einem SlutWalker teilgenommen hat und sich den Begriff zu eigen machen möchte, zu fragen, wie sie sich fühlt, wenn sie tatsächlich Schlampe genannt wird. Ich mag das Wort zwar immer noch nicht. Aber es ist immer noch besser als Bunny.

Übersetzung: Holger Hutt

Kommentare (9)

goedzak 09.06.2011 | 16:01

Wenn eine Schlampe sein heißt, sexuell promiskuitiv zu sein, den eigenen Körper, ich will mal sagen, reizvoll zu inszenieren, und außerdem noch hauswirtschaftlich schlecht organisiert zu sein, dann sind weit mehr als die Hälfte aller Schlampen Männer. Das würde heißen, das die Idee der Aneignung dieses Begriffes entweder als Akt der Eroberung weiterer Männer-Domänen gesehen werden kann - oder doch noch mal überdacht werden sollte.

PS: Gibt es nicht-phallische Säulen?

eulen nach athen 11.06.2011 | 23:56

Kleider machen Leute. Dagegen kann sein und polemisieren – wird aber wenig nützen. Wer sich wie eine "Schlampe" kleidet wird – möglicherweise – auch so behandelt. Da kann man sagen, pfui, das tut man nicht. Aber was eigentlich? Sich "schlampig" kleiden oder eine "Schlampe" entsprechend behandeln? Trifft sie nicht mit ihrer Kleidung eine Aussage über sich selbst? Wie wir alle das tun? Ist das nicht ein wesentlicher Teil der nonverbalen Kommunikation? Wie geht es zusammen, dass Frauen die Sexualisierung ihrers Geschlechtes beklagen, die sexualisierte Werbung usw. anprangern und sich dann selbst als sexualisierte Objekte präsentieren? Um NICHT als sexualisierte Objekte wahrgenommen zu werden? Soll das die Butler'sche Ironie sein? *haha*

Frau kann eines aktiv beeinflussen: Ihre Kleidung. Das Verhalten von anderen ist schon schwerer zugänglich. Und sicher, wir wissen alle, was verboten ist und was sich nicht gehört. Aber einige halten sich nicht daran. Wir alle wissen, das stehlen verboren ist. Dennoch lassen wir unser Geld nicht unbeaufsichtigt rumliegen. Warum wohl?

Urmel auf dem Eis 13.06.2011 | 04:49

"Frau kann eines aktiv beeinflussen: Ihre Kleidung."

Ja, aber nicht ihren Körper. Und der ist vorhanden, mit und ohne Kleidung. Du Töffel. Und er reizt Dich,auch unter einem Kartoffelsack verborgen, mit einem AUGENAUFSCHLAG zur körperlichen Vereinigung.

Das (religiös) Verbotene reizt Dich zum "Wahnsinn".
So ist es angelegt, dieses Verbot.

Den einen reizt die "Freizügigkeit",die anderen die Naivität und Unschuld.

THX1138 17.06.2011 | 12:14

Ein ausgesprochen bemerkenswerter Artikel, sehr vieschichtig, sehr differenziert, fast kaleidoskopartig.

Eine kleine Analogie zum Begriff Schlampe, der, je nach Standpunkt (und Geschlecht?) entweder negativ oder positiv konnotiert ist: Schwarze bezeichnen sich untereinander gerne als Nigger, wie nur schon die ganze Hip-Hop-Semantik beweist, in die auch der Begriff slut eingebettet ist, der für mich in diesem ganz speziellen Kontext aus jeder Warte ausgesprochen negativ besetzt ist.

Ich habe ausgesprochen Mühe mit dem Begriff Schlampe. Auch weil es kein entsprechendes Wort für Männer gibt. Mich selbst bezeichne ich hingegen gerne als white nigger- aus (m)einer sozialen Stellung heraus.

Wieviel Bewusstsein generiert die Sprache? Und wieviel lässt sich daran- am Bewusstsein nämlich- bewusst verändern, wenn man einen Begiff förmlich aus seinem ursprünglichen Kontext reisst und in einen neuen versetzt?

Schlagsahne 04.08.2011 | 17:55

Ich beeinflusse meine Kleidung aktiv. Ich ziehe mir wenn ich ausgehe, meistens Jeans und ein ganz normales Shirt ohne Ausschnitt an. Und bloss weil Brüste nun mal Erhebungen sind, die man zwar bedecken, aber nicht flacher machen kann, werde ich angegraben. Genervt. Teilweise ausgegriffen.
Das heißt, trotz beinahe schon männlicher Kleidung werde ich als "sexualisiertes Objekt" gesehen.
Also bewerte ich ihre Aussage hiermit als Müll.