Verdammtes A...!

Konfrontation SMS, E-Mail, Facebook: Wenn es um unangenehme Nachrichten geht, kommunizieren wir lieber indirekt miteinander. Dabei ist es so befreiend, die Sache persönlich auszutragen

Erinnern Sie sich noch, wie Phil Collins vor 15 Jahren per Fax mit seiner Frau Schluss gemacht hat? Wie haben wir ihn damals gehasst. Ich kann mich nicht an ein Ereignis erinnern, das die Briten so sehr in Zorn vereint hat. Dabei kam Collins doch damals in seinem Film Buster - Ein Gauner mit Herz so nett rüber.

Sich von seinem Partner zu trennen ist eine Sache, in den Augen der britischen Öffentlichkeit gibt es aber nichts Schlimmeres, als nicht die Courage zu besitzen, es persönlich zu tun. Die Franzosen haben "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit", die Amerikaner vertrauen auf Gott – das nationale Motto der Briten, wenn sie denn eines hätten, hieße: "Wenn du mir was zu sagen hast, sag’s mir ins Gesicht."

Feuern per Rund-Mail

Bloß hält sich da keiner mehr dran. Damals als Collins jenes Schriftstück versandte, pflegten die meisten von uns noch die Angewohnheit, jemanden von Angesicht zu Angesicht fertigzumachen. Heute sind wir dafür alle viel zu vorsichtig. Sogar die Armee – die, so sollte man doch hoffen, Derartigem eigentlich ziemlich unverkrampft gegenüberstehen müsste – hat einen Weg gefunden, Situationen zu vermeiden, die ein wenig unbehaglich werden könnten. Vergangene Woche musste das britische Verteidigungsministerium sich dafür entschuldigen, dass es "versehentlich" 38 erfahrene Stabsfeldwebel mit einer unpersönlichen Rund-Mail gefeuert hatte.

Wir entlassen Leute per E-Mail, wir schießen sie per SMS ab und wir informieren unsere Nachbarn, die gerade im Urlaub sind, mit einer flapsigen Facebook-Nachricht darüber, dass ihre Katze von einem Fuchs gerissen wurde. Wir haben inzwischen soviel Angst vor Konfrontationen, dass wir die Fähigkeit verloren haben, selbst geringfügige verbale Auseinandersetzungen zu führen, ohne in Tränen auszubrechen, unserem Gegenüber einen Kinnhaken zu versetzen oder aus dem Fenster zu springen. Wir sind herzlos und feige. Und die Technik ist schuld.

Collins hat sich immerhin noch die Mühe gemacht, einen Text zu tippen, die Nummer zu wählen und darauf zu warten, dass das Faxgerät seine komischen Geräusche ertönen lässt. Und er harrte neben der Maschine aus, um zuzusehen, wie diese das Dokument einzog. Das wirkt im Gegensatz zu der Beiläufigkeit, mit der wir im Jahr 2011 schlechte Nachrichten übermitteln doch noch vergleichsweise hingebungsvoll und mitfühlend.

K

onfrontation ist gut für uns

Schlechte Nachrichten bleiben natürlich schlechte Nachrichten, egal wie sie vorgebracht werden. Aber darum geht es an dieser Stelle nicht. Eigentlich geht es darum, dass Konfrontationen gut für uns sind. Sie können sogar Spaß machen. Einer der bisher besten Momente der vergangegen Fernsehmonate war zweifellos, als der hitzige AC-Mailand-Spieler Gennaro Gattusso nach einem Champions League-Spiel am vergangenen Dienstag ausrastete und versuchte, dem Tottenham Hotspurs-Co-Trainer Joe Jordan eine Kopfstoß zu versetzen. Jordans unerschrockene Reaktion auf den Angriff sorgte für einen Ausbruch öffentlicher Bewunderung. Noch vor einer Woche war er nur einer von vielen Funktionären an der Seitenlinie, deren Bild ab und zu kurz in einer Fußballsendung auftauchte. Nun ist der furchtlose harte Kerl, der die Herzen und Köpfe der Nation gewann. In diesem wortkargen schottischen Fußballtrainer haben wir vielleicht endlich unsere neue Lady Di gefunden.

Und warum? Weil er sich weigerte, vor einer Konfrontation davonzulaufen. Darum. Eine Eigenschaft, die heute so rar ist, dass sie als beinahe übermenschlich betrachtet wird.

Denken Sie nur mal dran, wie die Vermeidung eines Konfliktes jeden folgenden Tag ein wenig unangenehmer werden lässt. Sie erhalten eine schnippische E-Mail von einem Kollegen, in der feige versteckte Kritik mitschwingt. Sie sitzen an ihrem Schreibtisch, starren die auf dem Bildschirm flimmernden Worte an und kochen innerlich vor sich hin. Sie entwerfen eine Antwort, schreiben sie um, diesmal abgeschwächt, aber mit einer sarkastischen Abschlussformulierung, mit der sie, so hoffen sie, es dem anderen so richtig heimzahlen werden.

Lassen Sie es einfach mal raus!

Sie wollen sie gerade abschicken, leiten sie dann – um ruhigen Gewissens zu sein – aber doch noch mal an einen Bekannten weiter und fragen: "Wie klingt das – bin ich zu weit gegangen?" Herrgott, Sie schreiben kein verdammtes Drehbuch! Sie machen aus einer nichtigen Auseinandersetzung auf Tage einen Quell des sinnlosen Missbehagens. Stehen sie einfach auf, gehen sie durch den Raum und tragen sie die Sache persönlich aus. Beugen sie Stunden, Tage, möglicherweise Jahre schwelenden Grolls, unbeantworteter Fragen und destruktiver, innerlich gärender Frustration mit einem schnellen, lauten, vielleicht auch mal wütenden Wortwechsel vor.

Dabei sind dann vielleicht andere zugegen und kriegen alles mit. Gut so, sie werden Sie hinterher bewundern oder es sich das nächste Mal zumindest zweimal überlegen, bevor sie Sie per Mail angehen, weil ihr Mikrowellencurry aus der Büroküche herüberstinkt. Ziehen Sie los und werden sie die Sachen persönlich los, Himmel, Arsch und Zwirn. Immerhin können Sie hinterher immer noch leugnen, dass Sie etwas gesagt haben, wenn Sie es gar nicht erst aufgeschrieben haben.

Übersetzung: Zilla Hofman

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14:35 23.02.2011
Geschrieben von

Sam Delaney | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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