Vereinigtes Boyleland

Talentshow Quasi über Nacht lernten 20 Millionen Zuschauer Susan Boyle kennen. Eine grausame Tortur. Trotzdem wird die Sendung "Britain's Got Talent" im nächsten Jahr fortgesetzt

Diejenigen, die argumentiert haben, Reality-TV sei eine voyeuristische Übung, um herauszufinden, was man mit labilen Persönlichkeiten alles machen kann, werden sich bestätigt fühlen, nun da Susan Boyles sich angeblich freiwillig in eine Klinik begeben hat, um sich von Stress und Erschöpfung behandeln zu lassen.

Die Anschuldigungen, der TV-Talentwettbewerb Britain‘s Got Talent sei eine grausame Freakshow, sind aber dennoch nicht so stringent wie es scheinen mag. Dieselben Blätter, die über Boyles Zusammenbruch berichteten, enthielten an anderer Stelle alarmierende Behauptungen über den geistigen und körperlichen Zustand von Amy Winehouse, einer Sängerin, die den eher traditionellen Weg beschritten hat und zuerst ein Album veröffentlichte und dann ins Fernsehen ging.

Die Probleme von Winehouse und anderen Talente wie Lily Allen und Britney Spears, die auf konventionelle Weise entdeckt wurden, legen nahe, dass es viel mehr das schnelle Berühmtwerden ist, was sensiblen Menschen Schwierigkeiten bereitet, als die Art und Weise, ihres Prominentwerdens.

Über Nacht eine Berühmtheit

Dadurch, dass sie über Nacht einem Publikum von 20 Millionen Zuschauern bekannt wurde – einem Publikum, das durch YouTube und ähnliche Seiten noch massiv vergrößert wurde, erlitt Boyle lediglich wesentlich schneller, was jede musikalische Karriere auszeichnet: In nur sieben Wochen wurde aus der Unbekannten eine Berühmtheit – bei den meisten dauert dies zumindest ein paar Monate. Plattenfirmen führen bei Möchtegern-Künstlern keine psychologischen Überprüfungen durch, wie die Stapel gruseliger Rocker-Biographien eindrücklich verdeutlichen. Warum also sollten Fernsehsender nach so etwas fragen?

Der Weg über die Talentshow im Fernsehen ist härter, grausamer und findet stärker in der Öffentlichkeit statt als die gewöhnliche Karriere eines Musikers. Eine Reihe öffentlicher Abstimmungen ausgesetzt zu sein, ist nervenaufreibender als ein Gespräch im Hauptgeschäftssitz der Firma, bei dem einem mitgeteilt wird, dass das aktuelle Album sich nicht besonders gut verkauft hat.

Da sie sich über dieses grausame Element sehr wohl im Klaren sind, achten die Produzenten auch sehr genau darauf, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen strengen und mitfühlenden Juroren zu gewährleisten – Simon Cowell und Piers Morgan bringen die Kandidaten zum Weinen, Anthony McPartlin und Declan Donnelly nehmen sie dann in den Arm und trösten sie. Die Sendung kann sich glücklich schätzen, zwei der sehr wenigen Fernseh-Persönlichkeiten zu haben, die ein Schulkind in die Arme nehmen können, ohne dass die Zuschauer hoffen müssen, dass das Jugendamt ein Auge auf die Sache hat.

Es war Donnelly, der Boyle am Samstag beinahe in Manier eines Rubgy-Spielers vor dem Publikum wegzerrte, als er bemerkte, dass sie ihre Unterwäsche zeigen wollte. Das und der Umstand, dass ihre Glückwünsche an den Gewinner langsam und auswendig gelernt wirkten, ließen darauf schließen, dass sie sich ernsthaft am Rande des Zusammenbruchs befand.

Dummheit oder Boshaftigkeit

Nichtsdestotrotz ist es wichtig anzuerkennen, dass sich am Wochenende die besten und die schlechtesten Seiten von Britain‘s Got Talent offenbarten. Die beste Werbung für das Format war vier Stunden vor dem Beginn des Finales zu sehen. Bei der Übertragung des britischen Fussball-Pokalfinales sang die gerade mal 13-jährige Faryl Smith, die 2008 Zweite bei Britain’s Got Talent wurde, die Nationalhymne Solo im Wembley-Stadion.

Obwohl die nachträgliche Berichterstattung über die Sendung von der Verfassung der Zweitplatzierten dominiert wurde, steht außer Frage, dass die diesjährige Britain’s Got Talent-Sendung ihrem Titel durch die Wahl des Gewinners gerecht wurde. Die Tanzgruppe Diversity, die letztendlich gewann, ist technisch äußerst versiert und wirklich originell. Eine Seltenheit bei einem Wettbewerb, bei dem der Großteil der Teilnehmer nicht mehr als Karaoke draufhat. Wohingegen Boyle, so schön ihre Stimme auch immer sein mag, wohl kaum ein Engagement bei der Royal Opera erhalten wird, täten professionelle Tanz-Kompanien gut daran, einmal ein Auge auf den Diversity-Choreographen Ashley Banjo zu werfen.

Auch trotz katastrophischer medizinischer Berichte über Susan Boyle wird Britain’s Got Talent zweifelsohne im nächsten Jahr fortgesetzt werden. Denn, brutal wie es ist, werden 20 Millionen Zuschauer immer ein paar gluckende Kolumnisten ausstechen. Der Sender ITV wird wohl größere psychologische Betreuung, Tests und vielleicht auch die Einführung eines Mindest-Teilnahmealters von 13 Jahren versprechen. Dies wäre die richtige Reaktion, denn es gibt keinen normalen Weg zum Ruhm und keinen, der garantiert, dass derjenige, der ihn geht, mit dem Ruhm klarkommen wird. Würde man den Weg verbieten, auf dem Susan Boyle sich ein neues Leben zu ersingen suchte, müsste man auch den von Amy Winehouse für illegal erklären.

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Übersetzung: Holger Hutt / Zilla Hofman
Geschrieben von

Mark Lawson, The Guardian | The Guardian

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