Vereint im Machtmissbrauch

Weltwirtschaftsforum Während in den USA über eine mögliche Amtsenthebung von Donald Trump debattiert wird, spricht der Präsident in Davos vor Wirtschaftsführern, die ihm in nichts nachstehen
Vereint im Machtmissbrauch
Devise in Davos: Skrupellosigkeit ist Trumpf

Foto: Fabrice Coffrini/AFP via Getty Images

Während der US-Senat über Donald Trumps Zukunft debattiert, werden Geschäftsführer*innen, Finanzexpert*innen und Politiker*innen nach Davos in die Schweizer Alpen kommen, um wie in jedem Jahr selbstgefällig den globalen Kapitalismus zu verteidigen.

Zwischen den beiden Ereignissen besteht ein Zusammenhang: Ebenso wie Trump wird der Elite des internationalen Kapitalismus Machtmissbrauch vorgeworfen: Sie verschärft die Ungleichheit, fördert die Korruption und unternimmt nichts gegen den Klimawandel.

Vorstandsvorsitzende der weltgrößten Unternehmen scheffeln mehr Geld als jemals zuvor in der Geschichte – ohne dass die Löhne der einfachen Arbeiter*innen auch nur annähernd im selben Maße gestiegen wären. Die international führenden Geldgeber*innen stecken sich sogar noch mehr in die Tasche. Die 26 reichsten Personen der Welt besitzen heute so viel wie die 3,8 Milliarden, die die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen.

Konzentrierter Reichtum dieses Ausmaßes lädt zu Korruption ein. Überall auf der Welt kauft sich das große Geld Politiker*innen, um sich Gefälligkeiten zu verschaffen, die den Wohlstand derjenigen an der Spitze noch weiter vergrößern sollen, während allen anderen Ressourcen entzogen werden.

Korruption macht es unmöglich, stagnierende Löhne, den Klimawandel oder andere Probleme zu bekämpfen, denen sich die große Mehrheit der Weltbevölkerung gegenübersieht und die von den Reichen Opfer erfordern würden.

Gegen die Eliten

Die Wut der Bevölkerung auf die Eliten kocht über, die als hoffnungslos gierig, korrupt und gleichgülitig gegenüber den Sorgen der meisten Menschen angesehen werden, die nur mit Not über die Runden kommen. Diese Wut hat in Chile, Spanien, Ecuador, im Libanon, in Ägypten und Bolivien zu Aufständen geführt, in Großbritannien, Deutschland, Österreich, Frankreich und Neuseeland Umweltproteste befördert und in den USA, Großbritannien, Brasilien und Ungarn eine ausländerfeindliche Politik angeheizt.

Trumps Unterstützer*innen kommen weitgehend aus der amerikanischen Arbeiterklasse, deren Löhne seit Jahrzehnten nicht mehr gestiegen sind, deren Jobs unsicherer sind als jemals zuvor und deren politische Stimme vom großen Geld übertönt wird.

Obwohl Trump den Unternehmen und der Wall Street alles gegeben hat, was sie wollten, und nichts zu seinen Unterstützer*innen durchgesickert ist, ist es ihm gelungen, diesen Leute weiszumachen, er sei auf ihrer Seite, indem er ihre Wut auf Ausländer*innen, Einwanderer*innen, Minderheiten und die Bürokrat*innen des „tiefen Staates“ umgelenkt hat.

Es scheint daher auf merkwürdige Weise angemessen, dass das Thema der diesjährigen Zusammenkunft in Davos „Stakeholder-Kapitalismus” lautet – die Idee, dass Unternehmen gegenüber ihren Angestellten, den Kommunen und der Umwelt ebenso Verantwortung tragen wie gegenüber ihren Aktionär*innen.

Erwarten Sie endlose Reden über die „langfristigen“ Vorteile des Stakeholder-Kapitalismus für die Unternehmensdaten: Glückliche Arbeiter*innen sind produktiver. Eine wachsende Mittelschicht kann mehr Waren und Dienstleistungen kaufen. Der Klimawandel verursacht so langsam eine ganze Reihe von Kosten in Form von Umweltkatastrophen und fälligen Versicherungen und muss deshalb aufgehalten werden.

Alles für den Profit

Das stimmt zwar alles, aber die versammelten CEOs wissen auch, dass sie ihren Reichtum weitaus schneller vermehren, wenn sie kurzfristig die Aktienwerte in die Höhe treiben, indem sie ihre Anteile zurückkaufen, Löhne drücken, die Gewerkschaften bekämpfen, sich Umweltschultzbestimmungen widersetzen und sich Politiker*innen kaufen, um Steuersenkungen und Subventionen zu erwirken.

Sie verfolgen diese Strategie nun schon seit drei Jahrzehnten und es wird noch schlimmer werden. Drei Wissenschaftler – Daniel Greenwald von der Sloan School des MIT, Martin Lettau von der Universität in Berkeley und Sydney Ludvigson von der New York University – haben herausgefunden, dass zwischen 1952 und 1988 das Wirtschaftswachstum für 92 Prozent des Anstiegs der Aktienwerte an der Wall Street verantwortlich war. Seit 1989 allerdings gilt: „Der amerikanische Aktienmarkt wird immer weniger durch das Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten beeinflusst, sondern immer stärker durch den rückläufigen Anteil der Arbeitseinkommen an der Wirtschaftsleistung“, vor allem also durch die Schwäche der Gewerkschaften und auf Kosten der Arbeiter*innen.

Das bedeutet: Wenn der Aktienmarkt auch in den kommenden Jahren weiter so prosperieren soll, muss sich entweder das Wirtschaftswachstum deutlich beschleunigen (höchst unwahrscheinlich) oder Unternehmensführer*innen werden noch mehr von den Wachstumsgewinnen der abhängig Beschäftigten und anderer Beteiligter an die Aktionär*innen abführen müssen.

Dafür dürften wahrscheinlich noch mehr Druck auf die Löhne, mehr Zahlungen an Politiker*innen für Steuersenkungen und Subventionen sowie weitere Rückschritte bei den Umweltauflagen notwendig sein, was wiederum die herrschende Unzufriedenheit weiter verschlechtern wird.

Nichts wird in Davos erreicht werden

In Davos wird nichts davon zur Sprache kommen – auch nicht von der wachsenden politischen und wirtschaftlichen Macht dieser Eliten und der immer geringer werdenden Macht der „normalen“ abhängig Beschäftigten und Bürger*innen rund um die Welt.

Nichts wird in den Schweizer Alpen erreicht werden, denn die wachsende weltweite Unzufriedenheit muss sich erst auf die Bilanzen der Unternehmen und Finanzinstitute auswirken, deren Chefs in Davos zusammenkommen, um sich zu ihrem Reichtum, Einfluss und ihrem Wohlwollen zu gratulieren.

Trump wird unterdessen wohl von den Republikaner*innen im Senat freigesprochen werden, die so feige und prinzipienlos sind, dass sie über sein eklatant verfassungswidriges Verhalten hinwegsehen werden.

Trump plant übrigens, in Davos eine Rede zu halten: Ein Präsident, gegen den ein Amtsenthebungsverfahren läuft, spricht vor dem Weltwirtschaftsforum, während der Senat über sein Schicksal berät. Wahrscheinlich wird er wie üblich mit den Börsenkursen angeben, drohen und lügen.

Was er nicht sagen wird, ist, dass der Missbrauch der politischen Macht, wie er und viele seiner Zuhörer*innen ihn betreiben, droht, den Kapitalismus, die Demokratie und den Planeten zu zerstören.

Robert Reich ist ehemaliger US-Arbeitsminister und Professor für Public Policy an der University of California in Berkeley sowie Autor der Bücher Saving Capitalism: For the Many, Not the Few und The Common Good. Sein nächstes Buch The System: Who Rigged It, How We Fix It, erscheint im März auf Englisch.

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 21.01.2020
Geschrieben von

Robert Reich | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 10352
The Guardian

Ausgabe 13/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 22