Verfrühte Totenglocken

Musik-Blogs Seit die sozialen Netzwerke boomen, verschwinden immer mehr Musikblogs. Ganz abschreiben sollte man sie aber nicht

Es klang wie das Läuten eines Totenglöckchens für die Blogosphäre: Vergangene Woche veröffentlichte das amerikanische Forschungsinstitut Pew Internet die Ergebnisse einer umfassenden Umfrage, denen zufolge der Anteil der selbsterklärten Blogger unter den Teenagern seit 2006 von 28 auf 14 Prozent gesunken ist. Der IT-Kritiker Nicholas Carr schrieb in seinem Blog roughtype.com trocken, die Studie „setze ein fettes Ausrufezeichen hinter das, was einige von uns in jüngster Zeit beobachten konnten: Nichts ist im Netz neuerdings so uncool wie das Bloggen.“

Was bedeutet das für die Musikblogs? Gewiss hat sich die Begeisterung über das Bloggen von mp3s seit Mitte der Neunziger merklich abgekühlt. Neue Musikblogs kommen seltener auf, viele der alten sind inaktiv. Im Januar 2008 veröffentlichte ich unter der Überschrift „Johnny without the cash“ einen Artikel über die besten Downloadseiten, darunter auch dreizehn Musikblogs. Fünf dieser dreizehn Seiten gibt es nicht mehr, ihre Autoren scheinen die Inspiration, das Interesse oder die Zeit dafür verloren zu haben.

Die Abkehr von den Musikblogs geht durchaus auf das Konto der sozialen Netzwerke. Früher fischten die User im Web nach den besten Kommentaren zu einem Album oder zu einer Band, heute sitzen sie vor Facebook oder Twitter und warten darauf, dass die schlagkräftigen Meinungen reinkommen. Und wer Online Musik hören will, findet das meiste inzwischen auf Seiten, die Streams anbieten. Zur Veranschaulichung: Am vergangenen Wochenende starb John Dankworth, einer der Pioniere des Modern Jazz.

Stundenlang Musik hören

Vor ein paar Jahren hätte man über eine Seite wie Hype Machine, die andere Blogs bündelt, garantiert einige Musikblogs gefunden, die Dankworth ausgiebig Tribut gezollt und Songs von ihm eingestellt hätten. Heute stößt man dort auf kein einziges Ergebnis. Auf Twitter hingegen findet man reihenweise kurze Huldigungen und über Spotify, eine kostenlose Musik-Streaming-Software (die in Deutschland nicht verfügbar ist; Anm. d. Übers.), kann man sich stundenlang Dankworths Aufnahmen anhören.

Nichtsdestotrotz florieren acht der dreizehn Musikblogs aus meinem Artikel noch immer. Da wären zum Beispiel die fantastische Seite Discobelle.net, die sich auf Clubtracks spezialisiert hat, oder der Hip-Hop-Blog CocaineBlunts.com, der über das Ein-Mann-Bloggt-Aus-Seinem-Schlafzimmer-Stadium längst hinausgewachsen ist. Und mit vereinten Kräften können Musikblogs noch immer einer Band über Nacht zum Überraschungserfolg verhelfen. Am 1. Februar postete der Blog boingboing.net zwei Videos eines unbekannten südafrikanischen Rave-Rap-Trios namens Die Antwoord. Viele mp3-Blogs zogen nach. Innerhalb weniger Tage wurde die Seite der Band 3 Millionen Mal besucht und sie bekamen von einem Majorlabel einen Vertrag angeboten.

Letzten Endes gilt auch im Internet die Regel, dass der Stärkere überlebt (oder kann sich noch einer an die Namen der frühen Ebay-Konkurrenten erinnern?). Auch im Fall der Musikblogs scheint sich das zu bewahrheiten. Anstelle von hunderten von mp3-Blogs, die jeweils ein winziges Publikum über dieselbe Nische auf dem Laufenden halten, haben sich ein paar Dutzend Blogs durchgesetzt. Die Musik-Blogosphäre verändert sich gewiss. Aber die Nachricht von ihrem Tod kommt, bislang zumindest, zu früh.


Übersetzung: Christine Käppeler

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07:00 15.02.2010
Geschrieben von

Chris Salmon | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 38/2020

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