Verführt von Clowns und Nullen

Irisches Tagebuch Eine Gesellschaft durchlebt den Augenblick eines grausamen Erwachens. Die Iren merken: Wir haben uns durch Lügen von offizieller Seite katastrophal verführen lassen.

Mitte vergangener Woche wurden in Irland vier Kinder von ihren Vätern getötet. Wir kennen die Gründe nicht, aber die Geschehnisse erfüllen uns mit Angst. Sie scheinen Teil des außerordentlichen und grausamen Traumas zu sein, das wir gerade durchleben – eine Identitätskrise, so virulent und allumfassend, dass wir nicht länger wissen, wer wir sind. Das, womit wir konfrontiert werden, ist weit entfernt von allen düsteren Schlagzeilen und vernichtenden Statistiken. Wir bringen am Abend unsere Kinder mit dem Gedanken zu Bett, dass wir nicht wissen, ob sie in unserem Land noch eine Zukunft haben. Jeder irische Haushalt kennt das Gefühl von Sorgen und Panik. Unsere Regierung ist weder die moralische Autorität noch Anstalt, um weiter für die Macht legitimiert zu sein. Die Menschen fühlen sich verängstigt, allein und ohne Führung.

Der Erzähler aus Sebastian Barrys brillantem Roman The Secret Scripture (dt. Ein verborgenes Leben) meint, die Pubertät fühle sich an, als stünde man auf einer brennenden Landzunge und wüsste nicht, wie man dorthin kam. Diese Definition könnte heute auf viele Iren zutreffen. Wir kennen das nächste Kapitel unserer Geschichte nicht. Ich kaufe inzwischen keine Zeitungen mehr, weil ich es nicht ertrage, wenn meine Kinder sie sehen. Ich fürchte mich vor den Nachrichten im Radio.

Abgrund der Gefühle

Nachdem wir angesichts unseres wirtschaftlichen Erfolgs ein Jahrzehnt in einem Nebel berauschender Selbstgefälligkeit gelebt haben, müssen wir nun erkennen, wie die Illusionen verfliegen. Unfähige Politiker, gierige Banker und Immobilienspekulanten haben Sicherheiten zerstört, auf denen unser Selbstbild gründete. Psychiater sagen uns, es gebe vier unterschiedliche Phasen der Trauer: Verleugnung, Zorn, Verhandeln und Depression – erst dann werde vielleicht Akzeptanz erreicht. Ein Jahr lang ist Irland durch dieses trostlose Quartett der Gefühle gewankt. Wir haben uns vorgemacht, der Aufschwung würde endlos anhalten. Dann haben wir uns eingeredet, dass die Konsequenzen eines Abschwungs nicht so hart ausfallen dürften, wie viele prognostizierten – selbst als die Schlangen vor den Arbeitsämtern länger wurden, Firmen pleite gingen und jeder von uns einen Verwandten oder Kollegen kannte, der seinen Job verloren hatte oder nicht mehr in der Lage war, seine Hypotheken zu bezahlen. Es folgte eine absurde Periode der Passivität und der stümperhaften Handlungsversuche, an die Historiker einst als Verhängnis für das Selbstbild Irlands erinnern werden.

Als wir auf eine vernünftige Regierung angewiesen waren, hörten wir nichts als Ausflüchte und Plattitüden. Das Wohlwollen des Volkes für Premier Brian Cowen – nachweislich ein anständiger Mann – wurde verspielt. Sein Kabinett stieß in der Bevölkerung zusehends auf Misstrauen und – auch wenn ich es hasse, dieses Wort zu gebrauchen – Abscheu. Uns wurde gesagt, wir säßen alle im gleichen Boot, auch als die millionenschweren Spekulanten Finanzspritzen von den Steuerzahlern bekamen und ihre üppigen Boni garantiert wurden. Etwa 300 Menschen führen in Irland weiterhin das Leben eines Rockstars, während die anderen vier Millionen die Rechnung begleichen. Sozialismus für die Banker – die Grausamkeiten des Marktes für alle anderen. Wir werden betrogen und angelogen. Jede Familie muss jetzt zahlen, am meisten bezahlen die Armen.

Ich war in den achtziger Jahren ein junger Mann und weiß aus jener Zeit, was eine Rezession ist, doch kann ich mich nicht an eine derart kochende Wut erinnern, wie sie Irland heute erfasst, weil es dieses Gefühl des Verrats und der Ungerechtigkeit gibt. Ein Lehrer sagte unlängst zu mir, ihm fiele kein Grund mehr ein, weshalb es sich noch lohnen könnte, in Irland zu bleiben. In den Radiosendungen mit Hörerbeteiligung hört man Geschichten, die zum Steinerweichen sind. Die Menschen flehen vor Gericht darum, dass ihre Häuser nicht beschlagnahmt werden, aber ihre Firmen schließen. Und Tausende verlassen das Land.

Tausend Meilen lang

Es gibt einen Kontext der Wut, auch wenn er manchmal nicht eingestanden wird: Wir wissen, dass die Verantwortung bei vielen liegt. Schuld sind nicht nur die Bauunternehmen und ihre käuflichen Freunde von den Banken – Schuld trägt unsere Gesellschaft an sich und jedes einzelne Glied der Regierung. Das ist es, was Irland so zutiefst verunsichert: Wir haben uns durch Lügen von offizieller Seite katastrophal verführen lassen.

Wir haben an den Nullen und Clowns festgehalten, die uns in diesen Morast führten, und unser irregeleitetes Gewissen davon überzeugt, dass Glück an einen Aktienindex gebunden sei. Jetzt stehen uns harte, brutale Jahre bevor, in denen die einzige Hoffnung darin besteht, dass Irland ein ehrlicherer und gerechterer Ort sein wird, wenn wir auf der anderen Seite des Morastes ankommen und sich dort kein Elendsviertel mit angeschlossenem Casino findet. Wir besitzen noch immer einige Dinge, die uns auch dann erhalten bleiben: Eine Generation zäher Unternehmer, die Arbeit unserer Künstler und Autoren, eine wunderschöne Landschaft, der Beistand vieler Iren, die im Ausland leben – und die schmerzlich erworbene Einsicht, was geschieht, wenn eine gesamte Gesellschaft sich von ihrem eigenen Wunschdenken hypnotisieren lässt. Und wir besitzen noch immer die unermesslich wertvollen Freiheiten, die mutige Menschen mit ihrem Leben für uns errungen haben.

Es ist die Hoffnung, dass Irland eines Tages wirklich das Erwachsenenalter erreicht, doch an manchen Tagen fällt es schwer, sie aufrechtzuerhalten. Es ist keine Phrasendrescherei, wenn ich sage, dass Irland noch immer ein wunderbares und besonderes Land sein kann, eine Republik, deren Erfolge ebenso einzigartig sind wie die Schmach und Verantwortungen, die sie ignoriert hat. Wir erleben ein grausames und qualvolles Erwachen – und der steinige Weg, der vor uns liegt, ist tausend Meilen lang.

Joseph OConnor ist irischer Schriftsteller, seit 1991 schreibt er Romane. Seine Sammlung The Secret World of the Irish Male ist ein Bestseller.

Übersetzung: Christine Käppeler

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14:50 29.11.2010
Geschrieben von

Joseph O’Connor | The Guardian

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The Guardian

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