Vergessen und verbrannt

USA Im Washingtoner Viertel Ward Eight können sich Republikaner und Demokraten überzeugen, wen ihre Sparbeschlüsse treffen, die sie mit der Schuldenaufstockung gefällt haben

Washington D.C. gibt es zweimal – als Weltstadt mit dem Weißen Haus und US-Kongress, wo die Schuldenkrise zu ideologischen Gefechten einlädt. Und als ein Gemeinwesen, zu dem Viertel gehören, die unter den ärmsten Amerikas rangieren. Die Politiker leben allesamt im Nordwesten, dem vornehmlich weißen Teil der Stadt mit teuren Häusern und hochpreisigen Restaurants, mit nationalen Denkmälern und Museen, die täglich Tausende von Touristen anziehen.

15 Autominuten davon entfernt, auf der anderen Seite des Anacostia-Flusses, liegt Ward Eight, ein zu 92 Prozent von Afroamerikanern bewohntes Quartier mit der höchsten Arbeitslosenquote des Landes. Die Schuldenkrise dürfte diese Einwohner von Washington D.C. nicht weiter interessieren. Tatsächlich aber wird ihr tagtägliches Leben in verheerender Weise von den Entschlüssen berührt, auf die sich der Kongress am 1. August geeinigt hat. Der Kompromiss – die Verschuldung vorantreiben, dafür aber das Budget des Bundes in zehn Jahren um Billionen Dollar beschneiden – wird Ward Eight wie viele andere Gegenden der USA hart treffen.

„Wenn der Kongress die Ausgaben kürzt, kann ich nichts dagegen tun. Ich bin eine Mutter von zwei Kindern, die kaum über die Runden kommt. Nachdem ich die Rechnungen bezahlt habe, bleibt nichts übrig“, sagt Mercedes Woodberry, 23-jährige alleinerziehende Mutter von vierjährigen Zwillingen. „Ich versuche, positiv zu bleiben.“ Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete Anfang 2011, Ward Eight habe mit 25,2 Prozent eine extreme Arbeitslosenquote. Die Einwohner sagen, in Wirklichkeit sei sie doppelt so hoch oder noch höher. Die Zahl der Jugendlichen, die auf Veranden und an Straßenecken herumhängen, spricht dafür, dass sie recht haben. In dieser Welt liegen einige der Häuser nachts immer im Dunkeln, weil ihre Bewohner die Stromrechnungen nicht bezahlen können. Mütter zermartern sich den Kopf, woher sie das Geld für Schuluniformen nehmen sollen. Drogendealer belagern das Viertel, die Mordrate ist hoch. Der Anteil jener, die hier unter der Armutsgrenze leben, liegt laut Washington Urban Institute bei 35 Prozent.

Mercedes Woodberry, die in der 28. Straße mitten in Ward Eight wohnt, hatte im Vorjahr zwei Monate lang Arbeit in einem Coffeeshop, darüber hinaus nichts. Sie möchte einen Job, der sich mit den Schulzeiten ihres ältesten Sohnes verträgt, konnte bislang aber nichts finden. Sie muss keine Miete bezahlen, weil sie kein Einkommen hat, wohl aber Rechnungen für Strom, Gas, Lebensversicherung und Mobiltelefon. Ihre Einnahmen liegen monatlich bei 486 Dollar in Lebensmittelmarken und 428 Dollar staatlicher Beihilfe. „Mein Sohn geht ab 22. August wieder zur Schule, also müsste ich ihm eine Schuluniform besorgen – ob ich das kann?“ Mercedes Woodberry geht es nicht anders als 43 Millionen ihrer Landsleute, die nach Zahlen des letzten Zensus auf dem Sprung aus der Armut ins Elend sind.

Der ehemalige republikanische Senator Alan Simpson, ein altmodischer Gemäßigter, der 2010 eine gescheiterte überparteiliche Kommission zum Ausgleich der Schulden leitete, warnte zum Zeitpunkt des Kongress-Votums über die Schuldengrenze bei CNN: Die Menschen ganz unten – die kleinen Leute –, die würden „verbrannt“ und „eingeäschert“.

Marken für 200 Dollar

Nicht weit entfernt von Mercedes Woodberry, in der Alabama Avenue, lebt Eric Fredericks, der erzählt, er gehe jeden Morgen los, um sich bei möglichen Arbeitgebern zu bewerben. Der verheiratete Bauarbeiter mit zwei Kindern hat seit November keinen Job mehr. Seine Frau Cheryl sitzt im Rollstuhl und erhält wegen ihrer Behinderung eine finanzielle Unterstützung. Doch Eric kann keine Arbeitslosenhilfe (200 bis 300 Dollar) beantragen, weil seine letzte Beschäftigung bei einer Stromfirma nicht die nötigen sechs Monate dauerte. „Ich muss Essen auf den Tisch bringen“, sagt er. „Die Firmen sagen einem: ‚Schreiben Sie Ihren Namen auf, wir rufen Sie an‘, aber nichts passiert. Abgesehen von Essensmarken für 200 Dollar im Monat habe ich kein Einkommen.“

Fredericks’ Ehe leidet unter seiner Arbeitslosigkeit. „Meine Frau beklagt sich jeden Tag. Wir streiten uns. Sie muss für die Kinder sorgen, und ich bringe nichts rein. Ich kann sie verstehen.“ In Virginia saß er wegen Raub und Drogenhandel elf Jahre im Gefängnis – doch das sei vorbei, seit er mit 31 Jahren entlassen wurde, habe er regelmäßig auf Baustellen gearbeitet. „Egal, was passiert, ich werde nicht auf die Straße stürzen, jemanden ausrauben oder Drogen verkaufen. Ich will einfach nur Arbeit.“

Umfragen zeigen, dass die große Mehrheit der Afroamerikaner noch hinter Obama steht. Fredericks ist da keine Ausnahme. Für seine Misere macht er nicht den Präsidenten verantwortlich: „Der bringt nur in Ordnung, was Bush angerichtet hat.“ Von Ward Eight hat man eine klare Sicht auf den Kongress jenseits des Flusses, von dort aber nicht auf Ward Eight, wie es scheint.

Ewan McAskill ist USA-Autor des Guardian

Übersetzung: Zilla Hofman
15:00 12.08.2011
Geschrieben von

Ewan McAskill | The Guardian

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