Vergessene Freunde

Irak Mit überwältigender Mehrheit haben die Kurden für ihre Unabhängigkeit gestimmt. Ob der Westen sie unterstützt, bleibt fraglich
Vergessene Freunde
Immerhin auf das deutsche Auto ist Verlass, als in Kirkuk gefeiert wird

Foto: Chris McGrath/Getty Images

Für uns alle hier ist ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagt der 51-jährige Hasiba Abdullah in einem der Innenstadtviertel von Kirkuk, als das offizielle Ergebnis des umstrittenen Plebiszits vom 25. September verbreitet wird. 92,3 Prozent der Wähler haben für einen Abschied vom Irak und die Unabhängigkeit gestimmt, befindet die Wahlkommission in der Kurden-Kapitale Erbil. „Wir wollen die kurdische Flagge über all unseren Städten und Dörfern wehen sehen“, meint Abdullah. „Wir sind jetzt dazu berechtigt, sie auch bei den Vereinten Nationen zu hissen.“

Die Region Kirkuk mit ihren heißbegehrten Ölvorkommen gehörte bisher nicht zum kurdischen Autonomiegebiet im Nordirak, das Präsident Masud Barzani mit seiner Administration in Erbil anführt. Das werde sich ändern, ist Abdullah überzeugt. „Es gibt hier keine irakischen Territorien mehr, nur noch kurdische.“ Dem pflichtet der 62-jährige Schmied Abdul Kareem Kakarash bei. „Für mich war der 25. September der beste Tag meines Lebens. Besser als ein islamischer Feiertag.“ Die 40-jährige Lehrerin Mala Rasul Mamish sieht das ähnlich: „Ich hoffe, dass überall in der Welt verstanden wird, dass wir hier nicht dem Ziel einer Partei gehorchen. Was geschieht, ist mehr als das. So viel von unserem Blut wurde vergossen, weil wir Kurden sind. Irakische Regierungen haben uns Dinge angetan, die nicht einmal Ungläubige tun würden.“ Möglicherweise will aber die Führung in Bagdad genau damit fortfahren, bleibt doch auf ihr Betreiben hin der internationale Luftverkehr von und nach Irakisch-Kurdistan länger suspendiert. Dies hätte fatale Folgen für dessen ökonomisches Wohlergehen, ein Exodus ausländischer Investoren und Berater wäre absehbar. Da deren Visa nur für die Region, nicht aber für den Rest des Irak gelten, muss Kurdistan verlassen, wer nicht festsitzen will. Es drohen eine Wirtschaftsblockade, bewaffnete Zusammenstöße, die totale Isolation.

Derzeit wirken die Regierungen in Bagdad und Ankara äußerst entschlossen, die irakischen Kurden für das Unabhängigkeitsvotum vom 25. September abzustrafen. Sollte sich das erhärten, wären bisherige Schutzmächte der Kurden wie die USA, Großbritannien und Deutschland gefordert, klar Position zu beziehen. Sie sollten nicht die unselige Tradition des Verrats an Verbündeten im Nahen Osten fortführen, die höheren Interessen geopfert werden. Gerade die Kurden – stets ein loyaler Partner des Westens im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) wie zuvor gegen den Diktator Saddam Hussein – haben dergleichen nicht verdient. Es ist jetzt vielmehr an der Zeit, Schulden abzutragen, die ihnen gegenüber bestehen.

Und überhaupt, das von Masud Barzanis Regionalregierung angestoßene Referendum hat nun einmal eine überwältigende Mehrheit für die Unabhängigkeit gebracht. So nah sind die Kurden ihrem Traum von Selbstbestimmung und Selbstregierung, welcher Generationen beseelt, bisher nie gekommen. Was wir erleben, hat einen historischen Nährboden. Es ist noch immer und nun erst recht eine Reaktion auf die willkürliche Zerstückelung des Osmanischen Reiches durch Briten und Franzosen nach dem Ersten Weltkrieg. Seinerzeit blieben die Kurden versprengt, staaten- und heimatlos zurück, obwohl ihnen 1920 mit dem Vertrag von Sèvres die eigene Entität in Aussicht gestellt war.

Umso mehr bestürzt die frappierende Einigkeit, mit der die mächtigsten Regierungen der Welt den kurdischen Weg ablehnen. Wann waren sich zuletzt die USA, die EU, Russland und China, die Arabische Liga, Irak, Iran, Syrien und die Türkei derart einig? Der britische Außenminister Johnson wie sein US-Pendant Tillerson sind Teil dieses allzu eilfertigen Konsenses. Sie argumentieren – wie alle anderen –, die kurdischen Ambitionen würden der Instabilität einer ganzen Region Vorschub leisten.

Handstreich in Kirkuk

Wie immer, wenn es um die Kurden geht, vernebeln die Motive externer Akteure den Blick auf das Schicksal der unmittelbar Betroffenen. Die Kurden werden mit ihren Peschmerga-Kämpfern nach wie vor für die Eindämmung des IS gebraucht, langfristig jedoch hegen besonders die USA und Russland andere Interessen, als sich für eine kurdische Souveränität zu erwärmen. Im geopolitischen Strategiebuch der Großmächte haben die Kurden ihren Part, doch das gilt mitnichten für die Idee von der eigenen, in einem Staat beheimateten Nation. Worauf sich der Irak, Iran und die Türkei verlassen können. Deren Verhalten ist die Ursache für die Zunahme der Spannungen seit dem 25. September, nicht der erfolgreiche, transparente und demokratische Akt eines Votums über die staatliche Selbstbestimmung.

Allein die Reaktion des türkischen Präsidenten Erdoğan spricht Bände. Im Juni 2015 hätte er im eigenen Land wegen des Erfolgs einer prokurdischen Partei wie der HDP fast die Macht verloren. Seither attackiert er die kurdische Bevölkerungsminderheit im Südostanatolien und in Nordsyrien, indem er Zehntausende von mutmaßlichen Separatisten verfolgt. Selbst der NATO zeigt sein neo-islamisches Regime die kalte Schulter. Im Augenblick droht der selbstgefällige Tyrann damit, die irakischen Kurden auszuhungern und ihre Ölexporte zu blockieren. „Sie stecken in der Klemme, sobald wir Sanktionen einleiten. Das Ganze ist vorbei, sobald wir die Ölhähne zudrehen. Dann haben sie keine Einnahmen mehr. Sie haben nichts mehr zu essen, wenn unsere Lastwagen nicht mehr in den Nordirak fahren.“

Der bilaterale Handel zwischen der Türkei und Irakisch-Kurdistan brachte es 2016 auf ein Finanzvolumen von fast neun Milliarden Euro. Dabei waren Ölpipelines die Lebensader einer regionalen Ökonomie, derer wichtigster Rohstoff über Trassen durch die Türkei und von einem Mittelmeerhafen aus an die Welt verkauft wurde. Die Türkei wiederum exportierte bisher Lebensmittel nach Erbil und Kirkuk, so dass ein Einfrieren des Transfers sie kaum ungeschoren ließe. Stattdessen räsoniert Erdoğan über einen „ethnischen und sektiererischen Krieg“, der durch türkisch-irakische Militärübungen an der Grenze der autonomen Region Kurdistan und die Blockade des Luftverkehrs ein Vorstadium erreicht zu haben scheint.

Offen ausbrechen könnte dieser Krieg, sollte es zum Schlagabtausch um die Metropole Kirkuk kommen, die seit Jahrhunderten von Kurden, Arabern und Turkmenen bewohnt wird. Schon in den nächsten Tagen kann hier die Lage außer Kontrolle geraten. Schiitische Milizen sind bereits in Marsch gesetzt und kontrollieren Teile der Peripherie. Offenbar soll dieses handstreichartige Vordringen alle jene zügeln, die möglichst schnell einen Übertritt Kirkuks in das kurdische Autonomiegebiet besiegeln wollen.

Für Iraks Premier Haider al-Abadi und Vizepräsident Nuri al-Maliki, politischer Kopf der Schia-Milizionäre, wäre mit einem Abdriften von Kirkuk eine rote Linie überschritten. Das gilt gleichermaßen, sollten die Peschmerga-Einheiten darauf beharren, das im Krieg gegen den IS gewonnene Terrain ausnahmslos der von ihnen erstrebten kurdischen Hoheit unterstellen zu wollen.

Sollten wirklich Kämpfe ausbrechen, wird das nicht die Schuld Kurdistans sein, sondern die seiner feindlichen und verunsicherten Nachbarn sowie selbstgefälliger, fantasieloser westlicher Führer, die darauf versessen sind, den Status quo im Irak zu erhalten. Zwar wird in Washington und London beteuert, es sei von entscheidender Bedeutung, Kurdistan als „Hafen der Toleranz und Stabilität“ nicht zuletzt wegen der Haltung zu Frauenrechten und humanitären Fragen als Verbündeten gegen extremistische Kräfte zu behalten. Nur was geschieht, um dies zu bewirken?

Nach dem ersten Golfkrieg Anfang 1991 versuchte Saddam Hussein, die irakischen Kurden zu demütigen und zu dezimieren. Die USA und Großbritannien reagierten mit einer Flugverbotszone über dem Nordirak. Nun ist es die gleiche Waffe, die von der irakischen Nationalarmee diesmal gegen die Kurden eingesetzt wird, um sie ökonomisch in die Knie zu zwingen. Und die Garantiemächte des Flugverbots, das von 1991 bis 2003 die Air Force Saddam Husseins am Boden hielt? – Sie sehen zu.

Simon Tisdall, Martin Chulov sind Korrespondenten des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

06:00 06.10.2017
Geschrieben von

Simon Tisdall, Martin Chulov | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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