Vergifteter Diskurs

Treibhauseffekt Michael E. Mann hat als Klimawarner viel Prügel eingesteckt. Jetzt schlägt der Urheber des sogenannten Hockeyschläger-Diagramms zurück

Er erhielt Morddrohungen. Er wurde beschuldigt, Forschungsgelder veruntreut zu haben. Man beschimpfte ihn, versuchte ihn einzuschüchtern. Und man stahl seine Emails. Kein Klimawissenschaftler hat die Attacken von Klimawandel-Leugnern in den vergangenen Jahren mit ähnlicher Wucht zu spüren bekommen wie Michael E. Mann. Doch der Urheber des sogenannten Hockeyschläger-Diagramms, auf dem zu sehen ist, wie schnell die globale Temperatur in den vergangenen Jahrzehnten angestiegen ist, wird nun ein Werk veröffentlichen, in dem er die „hinterhältigen und zynischen“ Methoden seiner Gegner detailliert offenlegt. The Hockey Stick and the Climate Wars (Columbia University Press, ab April auf Englisch) ist ein erschreckendes Dokument darüber, wie ein Wissenschaftler verfolgt wird, nur weil er versucht, die Wahrheit zu sagen.

Zu den Taktiken, die Mann-Gegner sich zu eigen machten, gehörten auch der Diebstahl und die Veröffentlichung von E-Mails, die er sich mit dem Klimatologen Phil Jones von der Universität von East Anglia geschrieben hatte. Aus dem Zusammenhang gerissene und verzerrte Fassungen dieser Mails wurden dann im Internet veröffentlicht, um die UN-Klimagespräche zu untergraben, die wenige Wochen später in Kopenhagen stattfinden sollten – und die schließlich scheiterten. Der Missbrauch der E-Mails um die Kopenhagener Klimaverhandlungen im Keim zu ersticken, „war ein Verbrechen gegen die Menschheit, ein Verbrechen gegen den Planeten“, sagt Mann, der seit 2005 an der Pennsylvania State University forscht.

In seinem Buch schreibt Mann nun, „der öffentliche Diskurs“ sei „auf Jahre hinaus durch die Desinformationen vergiftet, deren Verbreitung von Unternehmen bezahlt wird. Das betrifft nicht nur den Klimawandel, sondern auch gesundheitliche, umweltpolitische und gesellschaftliche Gefahren.“ Die Auswirkungen für den Planeten seien düster.

Korallen, Eis und Bäume

Mann wurde zum Hassobjekt von Klimawandel-Leugnern, weil seine Untersuchungen offenbarten, dass die Temperaturen rund um den Globus seit Beginn des 20. Jahrhunderts um fast ein Grad Celsius angestiegen sind. Dieser Temperaturanstieg, wie es ihn „mindestens während der vergangenen 1.000 Jahre“ nicht gegeben habe, wird von Experten seither übereinstimmend mit gestiegenen CO2-Emissionen von Kraftfahrzeugen, Fabriken und Kraftwerken in Zusammenhang gebracht. Manns Erkenntnisse wurden durch viele weitere Studien gestützt. Die Leugner des Klimawandels weisen Manns Schlüsse allerdings nach wie vor zurück. Besonderen Zorn zogen Manns Untersuchungen auf sich, nachdem sie vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen 2001 in dessen drittem Sachstandsbericht zitiert wurden (siehe Kasten). So wurde er zum Ziel rechter Skpetiker.

Dabei stieß der 46-Jährige rein zufällig auf sein heutiges Forschungsgebiet. „Ich interessierte mich eigentlich für die Schwankungen der Meerestemperaturen der vergangenen tausend Jahre. Da es über diese Veränderungen keine Berichte gibt, musste ich mich an bestimmten Dingen orientieren: am Wachstum von Korallen, an Eisbohrkernen und Baumringen.“

Bald wurde dem Forscher klar, dass er anhand derartiger Untersuchungen die Temperaturschwankungen der ganzen Erde über 1.000 Jahre weit zurückverfolgen konnte.

Weißes Pulver mit der Post

Das Ergebnis war jenes Schaubild, auf dem zu sehen ist, wie die Temperatur während dieses Zeitraums immer ein wenig schwankte, bis sie vor etwa 150 Jahren sprunghaft anstieg – ein deutlicher Hinweis darauf, dass menschliches Handeln mit großer Wahrscheinlichkeit eine Rolle spielte. Ein Kollege meinte, das Schaubild sehe aus wie ein Hockeyschläger – der Name blieb hängen. Die Ergebnisse der Untersuchung wurden 1998 im prestigeträchtigen Wissenschaftsmagazin Nature veröffentlicht. Manns Leben sollte sich nun für immer verändern.

„Das Problem ist, dass das Hockeyschläger-Diagramm zum Symbol wurde. Und diejenigen, die den Klimawandel leugnen, dachten, wenn es ihnen gelänge, dieses Symbol zu zerstören, würde die ganze Vorstellung des Klimawandels in sich zusammenbrechen. ,Wenn wir Mike Mann zu Fall bringen, dann können wir damit auch das IPCC zu Fall bringen‘, dachten sie sich. Es handelte sich um eine für die Leugner-Bewegungen nachgerade klassische Strategie, wie mir scheint. Und ich meine damit nicht nur diejenigen, die die Vorstellung von der Erderwärmung zurückweisen, sondern auch die, die darauf beharren, Rauchen verursache keinen Krebs oder die industrielle Verschmutzung habe nichts mit dem sauren Regen zu tun.“

Ein „potemkinsches Dorf“ aus politischen Stiftungen eröffnete das Trommelfeuer an Einschüchterungen auf ihn, wie Mann es formuliert. Diese Gruppen wurden wiederum durch Unternehmen wie etwa Koch Industries oder die vier Scaife Foundations ins Leben gerufen. Sie tragen Namen wie Cato Institute, Americans for Prosperity oder Heartland Institute. Diese Gruppen bombardierten Mann mit Anfragen zur Informationsfreiheit und der republikanische Kongress-Abgeordnete Joe Barton lud ihn schriftlich vor, um Zugang zu seiner Korrespondenz zu erhalten. Angeblich ging es darum, die Dinge zu klären. Das eigentliche Ziel aber bestand darin, Mann einzuschüchtern.

Anruf beim FBI

Gleichzeitig wurde er auch von dem republikanischen Generalstaatsanwalt von Virginia, Ken Cuccinelli, angegriffen, der eine Kampagne startete, um den Wissenschaftler um dessen akademische Reputation zu bringen. Mehrere Untersuchungsausschüsse haben Manns Arbeit untersucht und alle haben ihn entlastet und ihm bestätigt, dass er sich keines wissenschaftlichen Fehlverhaltens schuldig gemacht hat.

Mann wurden aber nicht nur E-Mails gestohlen, er hat auch Tausende mit zutiefst widerwärtigem Inhalt bekommen. „Sie und Ihre Kollegen sollte man zusammen mit Ihren ganzen, gottverdammten Familien erschießen, vierteilen und den Schweinen zum Fraß vorwerfen“, hieß es in einer. „Ich hatte gehofft, ich würde in den Nachrichten von Ihrem Selbstmord erfahren“, lautete eine andere.

Dabei hatte er lediglich eine Studie veröffentlicht, in der er in vorsichtigen Worten behauptete, dass die Erde in den vergangenen Jahrzehnten unerwarteter Weise angefangen habe, sich stärker zu erwärmen. „Einmal musste ich das FBI rufen, nachdem ich einen Brief erhalten hatte, der ein Pulver enthielt. Es stellte sich als Maismehl heraus. Auch hier ging es darum, mich einzuschüchtern. Am Ende waren alle meine Fenster und Türen mit dem Sicherheitsklebeband der Polizei zu gesichert. So sieht das Leben eines Klimawissenschaftlers in den USA heutzutage aus.“

Mann will dennoch nicht aufgeben. „Ich habe eine sechsjährige Tochter, die mich daran erinnert, wofür wir kämpfen.“ Er ist zuversichtlich, dass die Klimawandel-Leugner mit ihren Unterstützern in der Öl- und Kohleindustrie im Rücken den Bogen überspannt haben und die Wissenschaftler so sehr gereizt haben, dass diese sich jetzt zur Wehr setzen. Er verweist auf einen kürzlich in Science veröffentlichten Brief, in dem Forscher vor den Gefahren der gegenwärtigen Angriffe auf Klimawissenschaftler warnen. Sie fordern „ein Ende der an die McCarthy-Ära erinnernde Androhung von strafrechtlicher Verfolgung gegen Kollegen, die sich auf versteckte Anspielungen und Vorurteile stützen; der Gängelung von Wissenschaftlern durch Politiker, die davon ablenken wollen, dass sie nicht handeln wollen; und der schamlosen Lügen, die über Klimaforscher verbreitet werden.“ 250 Mitglieder der amerikanischen National Academy of Sciences haben die Forderung unterzeichnet. Darunter elf Nobelpreisträger. Und Mann ist dankbar. „Worte wie diese geben mir Hoffnung“, sagt er.

Robin McKie ist Wissenschafts- und Technikredakteur des britischen Observer.
Übersetzung: Holger Hutt

Michael E. Mann wurde 1965 in Massachusetts geboren, studierte angewandte Mathematik und Physik in Berkeley, machte mehrere Abschlüsse an der Yale University und promovierte Anfang der Neunziger mit Auszeichnung in Geophysik

Drei Jahre nachdem das Wissenschaftsmagazin Nature am 23. April 1998 die Früchte von Manns ersten längjährigen Forschungsarbeiten veröffentlichte hatte, erschien eine erweiterte (bis 1.000 statt 1.400 Jahre nach Christus zurückreichende) Version des Hockeyschlägerdiagramms im Bericht des IPCC, und zwar an prominenter Stelle, unter Wissenschaftliche Grundlagen.

In einem Interview, das Michael Mann jüngst dem Scientific American gegeben hat, bedauert er die exponierte Einbindung des symbolträchtigen Diagramms in den Report. Sie spielte den Gegner ein beliebtes Argument in die Hände: Dass sich die Wissenschaft bisweilen auf eine bestimmte Studie oder sogar einen bestimmten Autor einer bestimmten Studie stützt.

Erste Kritikpunkte waren deshalb nicht leicht zu widerlegen: So blieb zunächst unklar, ob die Abweichung am Ende des Hockeysticks sich innerhalb größerer Zeiträume nicht durchaus als natürlich erweisen würde. Zahlreiche Studien haben Manns These inzwischen jedoch bestätigt.

In der Email-Affäre Climategate stand Mann 2009 zwar nicht im Mittelpunkt (der Skandal drehte sich vor allem um britische Kollegen von der University of East Anglia), doch nimmt er den Hackerangriff bis heute persönlich. Wir haben drei Jahre im Kampf gegen den Klimawandel verloren, sagt Mann. Es sei ihm ein Rätsel, dass die Wissenschaft in einem Zeitalter mit Rejektionismus konfrontiert sei, in dem unser Leben so entscheidend von einer Infrastruktur abhängt, die wir nur dank der Wissenschaft überhaupt entwickelt haben. Zint

15:10 12.03.2012
Geschrieben von

Robin McKie | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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