Verliebt, verlobt, verprügelt

Tabu Über häusliche Gewalt in schwulen Beziehungen wird oft geschwiegen. Russ Vickery will das ändern

Er sei zwar kein zweiter Frank Sinatra, sagt Russ Vickery. Aber den Ton halten, das könne er schon – außerdem mache es ihm einen riesigen Spaß zu singen. Wenn er bei einem Anruf in der Warteschleife hängt oder im Lift Musik läuft, kann es vorkommen, dass der Australier einfach mal mitsingt. Doch während der Zeit, in der er damals mit Greg (Name geändert) zusammen war, hörte man den eigentlich so ausgelassenen Vickery nicht mehr singen. Er sang nur noch, wenn er allein war – um sich zu trösten.

Er lernte Greg nach seiner Scheidung kennen. Er war zuvor 17 Jahre mit seiner Frau verheiratet gewesen und hatte drei Kinder mit ihr. Obwohl er seit seiner Teenager-Zeit wusste, dass er wahrscheinlich nicht heterosexuell war, hatte Vickery das Gefühl, dass die Beziehung mit seiner Frau funktionieren könnte. Als sie sich trennten, war er bereits 42 Jahre alt.

Am Anfang sei es mit Greg ganz wunderbar gewesen, erzählt er: „So etwas fängt nicht am ersten Tag an, denn dann würde man ja erst gar keine Beziehung eingehen.“ Auch wenn es sechs Monate dauerte, bevor die körperliche Gewalt in der Beziehung begann, hatte es Anzeichen dafür schon vorher gegeben.

Greg begann, ihn zu kontrollieren. Er fand viele Wege, mit kleinen Dingen im Alltag Macht über Vickery auszuüben. Langsam sorgte er dafür, dass Vickery sich von seinen Freunden immer weiter entfernte und schickte ihm Blumen – nicht um ihm eine Freude zu machen, sondern „nur um mich wissen zu lassen, dass er genau wusste, wo ich war“.

Ist das bei Männern normal?

Vickery fühlte sich zerrissen und verwirrt, unsicher, ob das nicht vielleicht einfach das war, was man in einer Beziehung zwischen Männern erwarten musste. „Man hat mir immer wieder gesagt, dass der Streit irgendwann körperlich wird, wenn zwei Typen zusammen sind. Ich hatte kein Barometer dafür und dachte mir, das sei normal.“ Tief in seinem Inneren wusste er, dass es nicht richtig war, aber er wollte, dass die Beziehung funktioniert. Er wollte das unbedingt.

„In meiner Situation war das so. Ich hatte gerade eine Ehe hinter mir, und ich hatte drei Kinder. Ich habe dann allen gesagt: ‚Seht her, das ist es, was ich eigentlich bin‘, und plötzlich ist diese Beziehung dann ganz furchtbar. Aber das Letzte, was man will, ist einfach zu gehen: ‚Oops, wartet mal kurz, Leute. Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht.‘ Man denkt, alle würden dann sagen, sie hätten es ja schon immer gewusst. Beziehungen zwischen Schwulen seien halt immer so.“

Vickery war nicht klar, dass Gewalt auch in LGBTQ-Beziehungen ein Problem darstellt und statistisch genauso häufig vorkommt wie in heterosexuellen. Als er sich schließlich um Hilfe kümmerte – zwei Jahre, nachdem er angefangen hatte, sich mit Greg zu treffen –, stellte er fest, dass das Bewusstsein für das Problem bei den Leuten, die eigentlich am besten in der Lage gewesen wären, ihm zu helfen, nur schwach bis überhaupt nicht ausgeprägt war.

Eines Nachts kam Greg betrunken nach Hause und schlug Vickery mit einem Telefon so hart auf den Kopf, dass dieser eine Schädelfraktur erlitt. „Ich schleppte mich ins Krankenhaus. Als ich wieder nach Hause kam, war er verschwunden“, erzählt Vickery. „Wir hatten damals ein schwules Billigmagazin auf dem Couchtisch liegen. Ich blätterte es durch, fand eine Hilfshotline und rief an – doch der Mensch, der den Anruf entgegennahm, hatte keinen blassen Schimmer und gab mir auch recht deutlich zu verstehen, dass sie nicht wirklich dafür ausgestattet und ausgebildet waren, mit Leuten in solchen Beziehungen umzugehen. Man machte mir dann nur den Vorschlag, Greg dazu zu bewegen, selbst bei ihnen anzurufen.“

Es war eine harte Zeit. Heute sagt Vickery: „Wenn ich damals jemanden gehabt hätte, der sich der Sache richtig angenommen hätte, hätte mir das Jahre des Leids erspart.“

Als er schließlich in der Lage ist, die Beziehung zu beenden, hilft ihm die Musik, sein fragiles Selbstbewusstsein wieder zurückzugewinnen. Er baut sich eine Karriere als Sänger auf und entwickelt ein Kabarett-Programm, das von seinen Erfahrungen erzählt. 2014 hat es unter dem Titel My Other Closet in Sydney Premiere, gegenwärtig ist es in Melbourne zu sehen.

Er sei kein Schauspieler, und er habe auch nie eine Ausbildung in dieser Richtung gehabt, erzählt Vickery. „Wenn die Leute sehen, was ich mache, merken sie schnell, dass das kein Musical ist“, sagt er. „Der Mann, der da auf der Bühne steht, erzählt eine Geschichte. Es ist seine eigene Geschichte. Da ist nichts gespielt, überhaupt nichts davon.“

Produktionsleiter und Regisseur der Show ist Russ’ neuer Lebenspartner, Matthew Parsons. Die beiden führen heute eine glückliche Beziehung – und auch ihre Show ist trotz der Themen, die sie verhandelt, letzten Endes fröhlich und aufmunternd. Nachdem er so lange still gewesen sei, nutze er heute wieder jede Gelegenheit, zu singen, sagt Vickery. Er covert Pop-Klassiker wie Stand by Your Man und Suzanne Vegas Luka, das von Kindesmisshandlung und häuslicher Gewalt erzählt, und das in diesem Kontext zum Teil eine neue Bedeutung gewinnt. Vickery nimmt sein Publikum mit auf eine Reise voller widersprüchlicher Gefühle und versucht einerseits, sich der Brutalität seiner Beziehung zu stellen. Andererseits legt er sich mächtig ins Zeug, um sich davon zu überzeugen, dass doch alles gut ist – solange er nur weitersingt.

Sorgen der Community

Mit der Show will er in der Community und bei Hilfseinrichtungen das Bewusstsein für das Problem erhöhen. „Wir wollen, dass die Leute verstehen, dass Gewalt in der Familie etwas ist, das auch in unseren Beziehungen passiert. LGBTQ-Beziehungen sind so normal wie die von allen anderen Leuten auch. Manchmal können sie richtig schlimm enden, aber manchmal sind sie eben auch fantastisch.“

Vickery und Parsons hatten zunächst Schwierigkeiten mit der Show, als sie Premiere feierte. Einige Mitglieder der LGBTQ-Community machten sich Sorgen, welche Botschaft von ihr ausgehen würde. Russ kann diese Bedenken auch verstehen: „Im Kampf für die Ehe für alle wollten wir den Sittenwächtern keine Munition liefern und keine Gelegenheit bieten, zu sagen, sie hätten es ja schon immer gesagt, unsere Beziehungen seien halt so.“

Doch seit die Show in Sydney gespielt wird, haben sie bereits sechs Leute getroffen, die ihre Beziehungen beendet haben, nachdem sie die Show sahen – und es könnten noch viel mehr sein. „Wir mussten auch klarstellen, dass wir weder Ratgeber noch Anwälte sind“, sagt Parson.

Vickery und Parsons haben zwei Jahre gewartet, bevor sie mit My Other Closet nach Melbourne gegangen sind. Während der australische Bundesstaat New South Wales bei Projekten gegen Gewalt in LGBTQ-Beziehungen ganz weit vorn liegt, bot der Bundesstaat Victoria, in dem Melbourne liegt, dem Publikum, das Vickery und Parsons ansprechen wollen, bisher weniger strukturelle Unterstützung. Anfang des Jahres hat die Regierung von Victoria aber erklärt, sie werde 5,3 Millionen australische Dollar an Hilfsgeldern für Fälle von häuslicher Gewalt bei LGBTQ-Paaren zur Verfügung stellen – damit ist sie weltweit Vorreiterin.

Der Beauftragte für Gender und Sexualität von Victoria, Ro Allen, war bei der ersten Vorstellung in Melbourne anwesend. Er sagt, es sei wichtig, ein System von Dienstleistungen für die LGBTQ-Community aufzubauen: „Viele in unserer Community wenden sich nicht an den Staat, weil sie Angst vor Diskriminierung haben.“

Deshalb wurde eine offene Arbeitsgruppe für häusliche Gewalt ins Leben gerufen, die ein System entwickeln soll, das den Bedürfnissen von Opfern Rechnung trägt. Auf die Frage, ob er den bereits bestehenden Strukturen vertraue, antwortet Allen, so weit seien sie noch nicht. „Wir müssen das System erst noch aufbauen. Wir haben ein Gefühl von dem, was wir brauchen. Aber es braucht Zeit, um Leute auszubilden und vorzubereiten.“ Und auch die Mitglieder der Community müssen noch lernen, dass sie häusliche Gewalt nicht einfach hinnehmen dürfen. „Wir müssen in ihnen das Vertrauen in das System wecken, damit sie in der Lage sind, sich an dessen Einrichtungen zu wenden.“

Kate O’Halloran arbeitet für die Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen an der Universität Melbourne und schreibt für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 23.08.2017
Geschrieben von

Kate O’Halloran | The Guardian

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