Verlorene Linke

Begegnung In der Bühnenfassung von Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ zeigt Nina Hoss ihre politische Seite und fragt: Warum wählen Kommunisten die extreme Rechte?

Als Nina Hoss 2014 beim Glastonbury-Festival gemeinsam mit der walisischen Band Manic Street Preachers den Song Europa Geht Durch Mich performte, da ahnte sie nicht, dass dieses Stück bald schon wie ein Requiem klingen würde. „Damals fühlte es sich so optimistisch an“, erinnert sie sich. „Und alle haben noch mitgegröhlt.“

Drei Jahre später, während Unterhändler von London nach Brüssel reisen, mit dem Ziel, die Personenfreizügigkeit zwischen Großbritannien und Europa einzuschränken, ist Hoss in entgegengesetzter Richtung unterwegs. Mit einem Projekt, das zeigen soll, was europäische Kreuzbestäubung bewirken kann, bevor diese Tür zuschlägt.

Für das Manchester International Festival hat die 41-jährige Schauspielerin gemeinsam mit dem Regisseur Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne und dem irischen Schauspieler, Autor und Regisseur Bush Moukarzel eine englischsprachige Inszenierung der Memoiren des französischen Soziologen Didier Eribon entwickelt. Der Theaterabend ist eine Art Gruppentherapie für linke Europäer, die von den Ereignissen der zurückliegenden zwölf Monate in tiefe Verwirrung gestürzt wurden.

Der Trump-Effekt

Die Idee zu dem Projekt entstand nach dem Wahlsieg Donald Trumps vergangenen November. Den erlebte Nina Hoss aus nächster Nähe mit, als sie in New York eine neue Staffel der Serie Homeland drehte (sie spielt darin die BND-Mitarbeiterin Astrid). Eigentlich sollte sie zurück nach Berlin, um in einem Stück mitzuspielen, das auf Jean Cocteaus Die menschliche Stimme basierte. Doch sie rief Ostermeier an und sagte ihm, sie könne sich nicht vorstellen, für ein Stück über eine Frau zurückzukommen, die wegen eines verlorenen Liebhabers verzweifelt. „Das interessiert mich im Augenblick überhaupt nicht“, sagte sie dem Regisseur. „Ich weiß auch gar nicht, wer sich das im Moment angucken möchte.“

Ostermeier erzählte ihr daraufhin, er lese gerade das Buch Rückkehr nach Reims des französischen Soziologen und Foucault-Biografen Didier Eribon. Besorg dir so schnell wie möglich eine Ausgabe, sagte er. „Dieses Buch hat ganz viel in mir losgelöst“, erinnert Hoss sich, als wir uns an einem schattigen Platz vor der Schaubühne treffen. „Es versucht, alle Fragen anzusprechen, mit denen wir gerade ringen. Was ist los mit unserer Generation? Haben wir überhaupt noch Glauben an die Demokratie? Und wenn ja, wacht dieser Glaube dann gerade wieder auf oder stirbt er? Wissen wir noch, wie wir uns organisieren können, um politisch Einfluss ausüben zu können? Sind wir wirklich interessiert und geduldig genug, um uns zu engagieren – oder haben wir das in den 1990ern verlernt, weil wir dachten, dass unsere Eltern uns den Weg in den Wohlstand geebnet hätten?“

Rückkehr nach Reims erschein 2009 in Frankreich, in Deutschland wurde es im vergangenen Jahr zum Bestseller. Nicht zuletzt, weil es Erklärungsansätze für das Brexit-Votum und die Trump-Erschütterungen lieferte, aber auch wegen des damals drohenden Albtraums einer rechtsextremen französischen Präsidentin. Das Buch erzählt die Geschichte des Autors, der nach dem Tod seines Vaters zum ersten Mal nach Jahrzehnten in seine Heimatstadt zurückkehrt und dort entdeckt, dass seine einst stramm kommunistische Familie inzwischen mehr oder weniger offen den Front National unterstützt.

Eribon – der mit 20 Jahren nach Paris gezogen und dort zu einem Intellektuellen mit Schwerpunkt Queer Studies geworden war – hatte sich schon lange von seiner für die Arbeiterklasse typischen Erziehung distanziert: „Tatsächlich wäre die Behauptung nicht übertrieben, in meiner Entwicklung sei das Coming-out aus dem sexuellen ,Schrank‘ – das Verlangen, meine Homosexualität anzunehmen und zu bejahen – mit dem Eintritt in etwas zusammengefallen, das man den ,sozialen Schrank‘ nennen könnte.“

Seine Entfremdung von der Arbeiterklasse, argumentiert Eribon, spiegele die der gesamten französischen Linken. Unter dem sozialistischen Präsidenten François Mitterrand sei die Solidarität in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einem „Gesellschaftsvertrag“ und einer Abwehrhaltung gegenüber Reformen gewichen: „Die linken Parteien mit ihren Partei- und Staatsintellektuellen dachten und sprachen fortan nicht mehr die Sprache der Regierten, sondern jene der Regierenden.“

Eribons Analyse blieb unter französischen Kritikern nicht unumstritten. Einige Studien legen nahe, dass Marine Le Pens Partei mehr Unterstützung aus der Mittelschicht bezieht als von einst kommunistisch wählenden Arbeitern. Dennoch bewundert Hoss, dass Eribon sich auch dann nicht zurückhält, wenn es um seine eigene politische Kaste geht: „Er geht eben sehr stark mit der Linken ins Gericht, und mit der kann ich eben auch stark ins Gericht gehen. Wir sind hier in einem absoluten Chaos. Wir haben unseren Weg verloren.“

Wenn Hoss in der ersten Person Plural über die Linke spricht, dann weil sie – ähnlich wie Eribon – mit linker Politik aufgewachsen ist. Ihr verstorbener Vater Willi Hoss trat mit 16 Jahren in die kommunistische Partei ein und studierte Hegel an der Uni, um dann als Schweißer bei Daimler in Stuttgart zu arbeiten, wo er eine unabhängige Gewerkschaft gründete. 1979 zählte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen, die er aus Protest gegen den Krieg in Afghanistan wieder verließ.

„Ich wuchs in einem anderen sozialen Umfeld auf, als Eribon es beschreibt. Aber ich habe vieles in dem Buch wiederentdeckt, das ich aus meiner Erinnerung an Gespräche am Küchentisch kenne. Bis ich ungefähr zwölf Jahre alt war, habe ich bei den Gewerkschaftstreffen meines Vaters dabeigesessen und Bilder gemalt.“

Ostermeiers Produktion hat die Form eines Videoessays über Eribons Reise. Hoss spricht darüber einen Live-Kommentar, der in eine Diskussion mit ihrem Regisseur übergeht, der von Bush Moukarzel gespielt wird. Für den Iren, der für die anarchischen Klassikerinszenierungen der Dubliner Theatergruppe Dead Centre bekannt ist, ist es der erste Vorstoß ins Diskurstheater.

„Die Tragödie, die Eribon beschreibt, besteht nicht nur darin, dass das Bildungsbürgertum die Arbeiterklasse vernachlässigt hat“, sagt Hoss. „Sondern es hat dafür gesorgt, dass sie sich ihrer Herkunft schämt. Das war mal anders. Dem Neoliberalismus ist es gelungen, den Menschen eine Schutzschicht wegzunehmen und sie davon zu überzeugen, dass es nun allein ihre Schuld ist, wenn sie scheitern. Wenn es eine Linke wieder geben soll, der man glauben kann, muss sie genau diesen Raum füllen und wieder Vertrauen herstellen. Dann müssen alle zusammenarbeiten, um zu erreichen, dass die Menschen wieder Wertschätzung und Verbundenheit spüren.“

Antworten des Theaters

Martin Schulz, der sich schwertut, hinsichtlich der Wahlen im September eine echte Konkurrenz für Angela Merkel darzustellen, hat die Wiederherstellung der Würde der Menschen zu einem seiner Themen gemacht. Danach gefragt, ob sie – wie viele andere im Zuge des Wahlsiegs von Donald Trump – erwogen habe, einer Partei beizutreten, schüttelt Hoss mit gespielter Entrüstung den Kopf: „Ich habe ein Misstrauen Parteien gegenüber. Weil es Apparate sind. Natürlich ist es wichtig, dass es Parteien gibt, denn ohne sie gäbe es keine Demokratie. Aber ich habe immer das Gefühl, alle versuchen den Mittelweg zu gehen und dann versteht man irgendwann nicht mehr, wofür man eigentlich steht. Man kann ja auch das ganze politische System in Frage stellen. Das geht ja auch. Man kann sich zum Beispiel fragen, sind Parteien heute noch die Antwort? So weit kann man ja gehen, wieso nicht?“

Hat das Theater bessere Antworten? Hoss lacht auf: „Natürlich nicht. Ich habe ja auch überhaupt keine Lösungen. Ich habe nur Fragen. Und doch bin ich eher immer zuversichtlich. Das Spielen ermöglicht uns die Realität zu erweitern. Wenn wir spielen, haben wir große Freiheit, um Ideen auszuloten, zu übertreiben und zuzuspitzen und so zu einer Art Erkenntnis zu gelangen. Denken und Handeln sind wichtig. Aber nur die Kunst erlaubt uns, in unserer Vorstellung Grenzen einzureißen.“

Info

Rückkehr nach Reims (Regie: Thomas Ostermeier) ist aktuell beim Manchester International Festival zu sehen und ab September an der Berliner Schaubühne

06:00 18.09.2017
Geschrieben von

Philip Oltermann | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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