Verlorener Verbündeter

Irak Die US-Truppen hinterlassen bei ihrem Abzug aus Irak ein zerschlissenes Land. Der Krieg ist nicht vorbei, die Zukunft der Region weit offen

Wer wissen will, wie der Abzug der Amerikaner aus Afghanistan aussehen wird, der sollte sich die sorgfältig choreografierten Veranstaltungen anschauen, die Anfang dieser Woche in Washington und gestern in Fort Bragg, North Carolina, über die Bühne gingen. Der Krieg sei vorbei, erklärte US-Präsident Barack Obama mehrfach. Die letzten amerikanischen Soldaten ließen einen „stabilen, repräsentativen“ Irak zurück. Die größte Streitmacht der Welt verlasse den Irak erhobenen Hauptes.

Welche Worte von einem Mann, der diesen Krieg einst als dumm bezeichnet hatte. Ein neunjähriger Krieg, der sich neben der Pearl Harbour, der deutschen Invasion in der Sowjetunion und Vietnam nahtlos in die Reihe der größten militärischen Fehler aller Zeiten einfügt, ist nach Meinung dieses Präsidenten zu einem erfolgreichen und ehrenhaften Abschluss gebracht worden.

Selbst vor dem Hintergrund des Wahlkampfs, der in den USA in vollem Gange ist, war die Kluft zwischen den in Fort Bragg vor heimgekehrten Soldaten gesprochenen Worten und der irakischen Realität unüberbrückbar. Der 14. Dezember, ein Mittwoch, war relativ ruhig: Zwei Autobomben in Tal Afar, durch die drei Menschen getötet und 35 verletzt wurden; Bomben und Schusswechsel in Kirkuk, Mosul und Bagdad. Der Krieg – vorüber? Hinzu kommt die Entscheidung des Provinzrats von Diyala, der am Montag seine Unabhängigkeit von der Zentralregierung erklärte. Oder die Antwort, die Premierminister Nouri al-Maliki vergangene Woche auf die Frage gab, als was er sich selbst betrachte. Erstens sei er Schiit, zweitens Iraker, drittens Araber und viertens Mitglied der Dawa-Partei, sagte er. Welche Aussichten hat ein Nationalstaat, für dessen Premierminister die eigene Religion über seiner Staatsangehörigkeit steht? Lässt irgendetwas davon auf Stabilität oder Repräsentativität schließen?

Die lange Heimreise

Obama bediente sich in seiner Ansprache an die Fallschirmjäger in Fort Bragg der Rhetorik der Republikaner. Die Nationale Sicherheit und die damit einhergehende, auf militärische Stärke setzende Außenpolitik, die eigentlich deren Sache ist, wurde ihnen von einem demokratischen Präsidenten entrissen, der den „Surge“ (die Truppenaufstockung in Afghanistan) angeordnet hat, der ein Team der Navy-Seals nach Pakistan geschickt hat, um Osama bin Laden zu töten, der das Gefangenenlager Guantanamo Bay nicht geschlossen hat und der jetzt das Wahlkampfversprechen wahr macht, alle Soldaten aus dem Irak nach Hause zu holen.

Der oberste Kriegsherr der mächtigsten Armee der Welt ist natürlich immer auch ein weltweit führender Politiker. Ein US-Präsident muss auch zum Nahen Osten sprechen. Für die Zuhörer dort, besonders unter den US-Verbündeten in der Region, wird der Tag, an dem der letzte US-Soldat Ende dieses Jahres die Wüste durchquert, in der Tat eine „außerordentlicher Meilenstein“ sein. Allerdings nicht in dem Sinne, in dem ein vor der Wiederwahl stehender Präsident ihn gerne sehen würde. Dieser Tag wird tatsächlich wie der Beginn einer langen Heimreise aussehen; wie der Tag, an dem Amerika aufhörte im Nahen Osten Politik zu gestalten und stattdessen zum Politikempfänger wurde.

Wird der Irak, den Obama zurücklässt, ein strategischer Verbündeter der USA sein? Wohl kaum. Denn der Iran verfügt über erheblichen Einfluss über die schiitische politische Elite, die praktisch das Machtmonopol im Irak hat. Dazu hat von all den im Iran miteinander konkurrierenden Machtzentren das finsterste beim Nachbarn das größte Gewicht. Die Mitglieder des irakischen Kabinetts haben sich einen inzwischen ausgetretenen Pfad zur Tür Qassem Suleimanis geschlagen. Der ist Kommandeur der Quds-Einheit, dem mit extraterritorialen Operationen bedachten Flügel der iranischen Revolutionsgarden. In der britischen Botschaft in Teheran kennt man Suleimani gut. Er hat den Sturm auf die Botschaft in Teheran angeordnet. Die künftigen Partner eines unabhängigen Irak sind der Iran und die Türkei. Die USA liegen abgeschlagen auf dem dritten Platz.

Auch die dschihadistischen Zirkel, die das Zentrum des Aufstandes bildeten, sind nicht verstummt. Dort werden Rufe laut, Kämpfer nach Syrien zu schicken, um den sunnitischen Muslimen zu helfen, die sich gegen das Regime Bashar al-Assads auflehnen. Die Salafisten haben wieder volle Fahrt aufgenommen. Die Söhne des Irak, die maßgeblich dazu beigetragen haben, das Blatt im Kampf gegen al Quaida zu wenden, verlassen den Irak. Sie wurden von einem Premierminister verraten, er hat sie regelrecht verdrängt. Die Narben dieser großen Torheit werden noch Generationen zeichnen. Der Kampf um das Schicksal des Landes der Araber wird gewonnen. Aber nicht von Amerika.

Übersetzung: Zilla Hofman
15:25 15.12.2011
Geschrieben von

Editorial | The Guardian

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