Verräter verfallen dem Henker

Somalia Präsident Sharif ­Ahmed regiert in ­Mogadischu nur noch ­einen Hügel und ein paar Straßen ringsherum. Den Rest des Landes teilen sich die abtrünnigen Mudschaheddin

In einer Seitenstraße der Wadnaha Road von Mogadischu, an der die Front verläuft, erklärt ein junger Offizier ungeschriebene Regeln des somalischen Bürgerkrieges, während sich seine Leute einen Schusswechsel mit dem unsichtbaren Feind liefern. Man erwehre sich gerade der Hizb-al-Islam, die schon länger bekämpft werde als die al-Shabab, die andere große Islamisten-Formation, die den von der Regierung gehaltenen Bezirk in Mogadischu belagert. „Wir haben Freunde unter den Feinden, die uns Bescheid geben, bevor sie ihr Lager verlassen. Sie sagen uns, wann der Beschuss mit Mörsergranaten einsetzt, damit wir in Deckung gehen können.“

Etwas entfernt liegen lauter Flip-Flops in verschiedenen Größen: blaue, rote, violette, kleine aus Plastik mit Blumenmustern und große aus Leder, die von vergangenen Vorstößen und Rückzügen zeugen. Ein Dschungel aus Bäumen und Sträuchern hat die verlassene Straße erobert, so dass die Soldaten Zweigwerk mit Ellbogen und Gewehren zur Seite drücken, um sich einen Weg zu bahnen. Allenthalben verlassene Häuser und Geschäfte, leer und muffig, die Fassen von Einschusslöchern gesprenkelt.

In Somalia tobt ein oft unsichtbarer Konflikt, der Mogadischu in ein einziges Sperrgebiet verwandelt hat. Seit Äthiopien seine Truppen Anfang 2009 wieder abzog, steht die Regierung von Präsident Sharif Ahmed in einem zermürbenden Kampf mit al-Shabab, einem radikalen Ableger der Union Islamischer Gerichte (DMG), der Allianz von Scharia-Tribunalen einzelner Stämme.

Im August 2010 beherrschen al-Shabab und Hizb-al-Islam den Großteil Mogadischus sowie Süd- und Zentralsomalias, so dass sich die von den Vereinten Nationen unterstützte Regierung auf einen Rumpfstaat zurückgedrängt sieht, beschützt von Soldaten der Afrikanischen Union (AU), aber machtlos. Es fällt schwer, mit den ständig wechselnden Frontverläufen dieses Konfliktes Schritt zu halten: Noch im Mai gehörten der Regierung in Mogadischu die Wadnaha und Factory Road, die Hauptarterien der Hauptstadt. Bald aber liefen Kommandeure und Soldaten, die dort die Stellung hielten, zum Gegner über. Als Warlord Yousuf Neda Adi abermals die Seiten wechselte und mit seinen Männern wieder zum Lager des Präsidenten fand, gewann der wieder ein paar hundert Meter zurück.

Doch es geht um mehr als einen oder zwei Quadratkilometer. Al-Shabab hat sich als der somalische Lizenznehmer von al Qaida etabliert, vergleichbar anderen Dschihad-Gruppen im Jemen und in Marokko. Sie alle führen ein streng nach der Scharia ausgerichtetes Regiment, das afghanische Taliban geradezu als moderat erscheinen lässt.

Dass sich derzeit auch das Rattern amerikanischer Drohnen zur Sinfonie aus Panzerketten, Granaten und Maschinengewehrsalven gesellt, bezeugt die große Furcht, die das somalische Treibhaus der Gewalt in Washington und London auslöst. Bei einem Frühstück aus Ziegenleber, Bananen, Papayas, Chapattis und süßem Milchtee erzählt mir ein Minister: „Erstmals seit vielen Jahren interessiert sich die internationale Gemeinschaft wieder für Somalia, aber nicht etwa, weil wir hier so sehr leiden, sondern wegen al Qaida. Briten und Amerikaner wollen uns helfen. Sie sehen, dass die Gesetzlosigkeit bei uns auf die Lage bei ihnen zuhause zurückschlägt.“

Tod eines Spions

Abdey Qadir ist eine große Erscheinung mit tiefliegenden Augen und einem dichten Bart der nur unter seinem Kinn wächst, was ihm das Aussehen einer grimmigen Ziege verleiht. Er ist Nachrichtenoffizier in der Amiyat, der Sicherheitsdivision der al-Shabab. Wir treffen uns in einem Haus, nicht sehr weit von der Front in Mogadischu. Abdey zieht ein chinesisches Mobiltelefon aus der Tasche und fummelt eine Weile daran herum, um es mir dann in seiner gewaltigen Hand entgegenzuhalten: Ein grissliger, blaustichiger Film ist zu sehen und zeigt einen mit weißem Hemd und dunkler Hose bekleideten Mann, der bäuchlings auf dem Boden liegt. Die Augen sind mit einem schwarzen Lappen verbunden, seine Arme auf dem Rücken gefesselt. Ein anderer Mann steht rittlings über ihm und drückt ihm mit einem Fuß die Schulter auf den Boden. Die Füße des Opfers zittern, ansonsten Schweigen. Im Umkreis sind Bäume zu sehen, ein Schrei ertönt: „Allahu akbar. Allahu akbar!“ Der Henker zieht den Kopf des Mannes an dessen kurzen Haaren nach oben, streckt seinen rechten Arm unter den Hals und beginnt mit kurzen, schnellen Bewegungen von links nach rechts zu schneiden. Der Körper erzittert, ein Blutstrom ergießt sich und bildet unter dem Kopf eine Lache. Der Henker beginnt vom Neuen, um tiefer zu schneiden und den Kopf abzutrennen. Schließlich endet der Film und eine schwere, kalte Stille erfüllt den Raum.

„Wir haben ihn getötet, weil er ein Spion war“, sagt Abdey Qadir ruhig. „Wir haben ihn erwischt, als er von der Regierungsseite her die Front passieren wollte.“ Das Enthaupten und das Abtrennen von Gliedmaßen, für die al-Shabab berüchtigt ist, habe eine große Bedeutung, um die eigenen Leute zu kontrollieren. „Einer der Gründe, weshalb wir so gefürchtet sind, liegt nicht nur in unserer kriegerischen Stärke, sondern in unserer unerbittlichen Herrschaft, bei der mit dem Kopf für Verbrechen bezahlt werden muss. Dem kann sich keiner entziehen. Wir haben uns damit bei arabischen und anderen Mudschaheddin große Sympathien erworben. Wir halten Scharia-Gerichte ab, wo immer wir können. Wenn wir uns mitten im Krieg befinden und Verräter oder Soldaten der Regierung gefangen nehmen, wenden wir die Scharia sofort an und schneiden ihnen die Köpfe ab.“

Stolz erzählt mir Qadir, er selbst trage kein Gewehr. Zu seiner Mission gehöre es, die Leute zu beobachten, die Waffen vom Markt auf die Regierungsseite bringen, und Feinde der al-Shabab zu finden. „Um Menschen zu töten, braucht man kein Gewehr. Nicht immer jedenfalls.“ Ich frage ihn, warum er eine Regierung bekämpft, die die Scharia in Somalia eingeführt hat und von einem früheren Verbündeten in der Union Islamischer Gerichte geführt wird. „Gemessen an unseren Glaubenssätzen“ – so Qadir – „war Somalia nie ein islamisches Land. Jetzt muss es von Renegatentum befreit werden. Wenn wir damit fertig sind, gehen wir nach Kenia, Äthiopien und Dschibuti. Der Widerstand macht nie an Grenzen halt.“

Keine Clan-Loyalität

Die Ursprünge der al-Shabab reichen in die neunziger Jahre zurück, als sich eine militante Gruppe von der Itehad al-Islami abspaltete, der führenden islamistischen Formation zu jener Zeit. Ihre Erfolge können zum Teil auf eine „moderne Struktur“ zurückgeführt werden, die mehr auf Verdiensten der Kommandeure als auf tradierten Clan-Loyalitäten basiert.

Al-Shabab-Infanteristen sind junge, durch den Krieg radikalisierte Männer, von denen viele aus dem Süden stammen, der in den vergangenen 20 Jahren von starken, Viehzucht treibenden Stämmen dominiert wurde. „Die meisten Rekruten, die zu uns stoßen, sind enthusiastisch und jung, das Herz von Leidenschaft und Eifer erfüllt. Sie können es nicht erwarten, dem Feind gegenüber zu treten. Sie sind 14, 15 oder 16“, erzählt Qadir. Diesen Jungen werde Macht verliehen, um die verkommene Struktur des Stammes herauszufordern. Man gebe ihnen Macht in der Form eines Gewehres – durch Selbstbewusstsein und Glauben.

Mit Härte, Disziplin und Struktur ist es al-Shabab gelungen, der örtlichen Bevölkerung Sicherheit zu bieten und es ihr zu ermöglichen, ungefährdet das eigene Haus zu verlassen. Anders als die Soldaten der Regierung, denen man nachsagt, sie seien wenig besser als Plünderer und Kriminelle, genießen sie einen guten Ruf. „Wir besteuern die Bevölkerung, aber wir sprechen nicht von Steuern, sondern von Hilfe. Wir kontrollieren auch Häfen und Flugplätze, von denen wir Geld erhalten. Zu großen Unternehmen gehen wir einmal im Monat, in Kriegszeiten zahlen sie zwischen 10.000 und 20.000 Dollar, zu Friedenszeiten sind es nur ein paar tausend“, meint Qadir.

Während die Regierung militärische und finanzielle Hilfe aus Äthiopien, Dschibuti, der EU und den USA erhält, sehen sich auch die al-Shabab nach Geld und Waffen um. „Die Regierung nimmt Unterstützung vom Westen an, also nehmen wir den Beistand unserer Brüder, der vielen Mudschaheddin, an, die zu uns ins Land kommen“, teilt Qadir kurz und bündig mit. „Einige sind Teil der Kampf-Brigaden, andere verlassen ihre Verstecke nicht. Sie stellen Sprengstoff her und entwickeln ihre Strategien. Es handelt sich um Asiaten, aber auch Jemeniten mit US-Pässen. Zu uns kommen Kenianer, Leute aus Tansania und Marokkaner. Wir filmen die Granat- und Bombenangriffe der Regierung und der Afrikanischen Union, zeigen die Aufnahmen den jungen Leuten in der Diaspora, und sie kommen voller Wut und Leidenschaft hierher. Diese jungen Männer, von denen die meisten in ihrem Leben noch keinen Krieg erlebt haben, werden sechs Monate ausgebildet und gehen dann in den Kampf.“ Unter den Ausländern befänden sich aber auch etliche – größtenteils seien das Pakistani und Jemeniten – mit einer sehr guten Ausbildung. „Sie bringen uns bei, wie man Sprengstoffgürtel herstellt und Bomben mit Zeitzündern unter einem Haus platziert.“

Verrostetes Schwert

Das klimatisierte Büro von Präsident Sharif Sheikh Ahmed ist mit Abstand der kühlste Raum in ganz Mogadischu, man braucht einen Pullover, um nicht zu frieren, während draußen gleißende Hitze alles und jeden umgibt. Sheikh Ahmed sieht bei weitem nicht mehr so lebensmüde aus wie bei seinem Amtsantritt vor gut einem Jahr. Dabei ist der Somali, den Hillary Clinton „unsere größte Hoffnung“ nannte, nur Herr über ein kleines Anwesen auf einem Hügel: die Villa Somalia und einige angrenzende Straßen. Das Parlament ist zerstritten, Korruption lähmt die Regierungsarbeit. Armeeoffiziere sagen, sie bekämen seit Monaten keinen Sold mehr. Ein Waffenhändler erzählt, ranghohe Militärs würden ihm ihre neuen Gewehre verkaufen. „Wir haben im vergangenen Jahr viel gelernt“, glaubt Präsident Ahmed, während er türkisfarbene Steine seiner Gebetskette durch die Finger laufen lässt. „Wir denken nicht mehr nur in militärischen Kategorien, sondern auch an humanitäre Dienste und erinnern die Menschen an eine heilige Verantwortung gegenüber ihrer Regierung.“

Ein paar Tage, nachdem ich Ahmed getroffen habe, bin ich wieder auf seinem Anwesen, um Feierlichkeiten anlässlich des Tages der Armee beizuwohnen. Auf der einen Seite der Halle stehen Dutzende frisch ausgebildeter Rekruten, alle in Uniform und Stiefeln, die ihnen die ausländischen Gebermächte zur Verfügung gestellt haben – in diesem Fall Frankreich, Sudan und Dschibuti.

Auf der anderen Seite stehen aktive Offiziere, ehemalige Offiziere und Warlords. Zwischen ihnen Minister, Würdenträger und noch mehr Warlords. Stämmige Leibwächter mit Sonnenbrillen führen den Präsidenten in den Raum. Eine Blaskapelle spielt die Nationalhymne. Ein dünner, ältlicher Offizier mit einem verrosteten Zeremonien-Schwert in der Hand und einem ebenso altersschwachen roten Helm auf dem Kopf geht im Stechschritt nach vorn, um Präsident und Fahne mit dem Schwert zu grüßen. Auf der Wand hinter ihm zeigt ein Projektor einen Film über eine Parade der somalischen Armee aus längst versunkenen Zeiten. Die Männer in Tarnfarben oder beigen Uniformen marschieren in perfektem Rhythmus, gefolgt von Panzern, Lastwagen und Artillerie – am Himmel ziehen Kampfjets ihre Bahn. Die Kamera schwenkt zur Ehrentribüne, um den damaligen Präsidenten Siad Barre einzufangen, der eine dunkle Sonnenbrille trägt. Bei seinem Anblick bricht die Versammlung in Jubel und Applaus für den 1991 gestürzten Diktator aus. Der Film stamme aus den späten siebziger Jahren, als Somalia über eine der stärksten Armeen Afrikas geboten habe, erklärt einer der neben mir stehenden Offiziere.

Nach einer Stunde voller Reden stehe ich draußen und sehe, wie unter den frisch ausgebildeten Soldaten eine Rangelei um die Essensreste ausbricht, die von den Honoratioren zurückgelassen wurden. Ein ugandischer Soldat, der am Tor Wache hält, versucht zunächst, Ordnung zu wahren, gibt aber schnell auf. Dann erschüttert eine schwere Explosion das Gebäude. Die Aufständischen haben mit der Bombardierung der Villa Somalia begonnen, doch raufen sich die Soldaten weiter um das übrig gebliebene Festessen, bis ein ugandischer Panzer das Feuer erwidert und auf den bevölkerten Marktplatz unten in der Stadt feuert. Sechs Granaten rauschen aus dem Geschützrohr. Durch den Beschuss werden 18 Somalis getötet und 64 verletzt, höre ich am nächsten Tag im Madina-Hospital, wo die ganze Nacht hindurch operiert wird – nach einem Tag wie vielen anderen in Mogadischus unheiligem Krieg.

Ghaith Abdul-Ahad, Reporter des Guardian, ist für seine Berichterstattung mehrfach ausgezeichnet worden. 2008 wählten die britischen Journalisten den Iraker zum Auslandsreporter des Jahres. Übersetzung: Holger Hutt

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11:43 21.08.2010
Geschrieben von

Ghaith Abdul-Ahad | The Guardian

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