Verschollener Ruhm

Dubai-Crash Die De-Facto-Insolvenz von "Dubai World" zeigt, dass manche Folgen der ­Immobilienkrise erst jetzt sichtbar werden und die Finanzmärkte nicht zur Ruhe kommen

Während der Wandel Islands von einer Fischerei-Nation zum Finanz-Marktplatz – und wieder zurück – zum Symbol für die extremen konjunkturellen Berg- und Talfahrten des vergangenen Jahrzehnts wurde, trieb im Nahost-Emirat ­Dubai die globale Immobilienblase die schillerndsten Blüten. Da ihnen die Ölressourcen der meisten Nachbarn fehlen, ersannen die Machthaber des Stadtstaates einen vermessenen Plan, die Wüstenstadt in einen glamourösen Spielplatz für Reiche zu verwandeln. Sie wurden dabei von westlichen Investoren enthusiastisch unterstützt. Nun, da die staatseigene Investmentgesellschaft Dubai World, die für viele extravagante Projekte verantwortlich zeichnet, überschuldet ist, muss der Weltfinanzmarkt zur Kenntnis nehmen, dass womöglich das Ende der durch die Kreditkrise ausgelösten Turbulenzen zu früh verkündet wurde.

Da sich die Börsen erholen, begannen viele Anleger die Furcht abzuschütteln, der Kollaps des Weltfinanzsystem könnte sich zur Great Depression des 21. Jahrhunderts auswachsen. Die Klagerufe, die seit Ende November aus Dubai zu hören sind, erinnern daran, dass möglicherweise bei weitem noch nicht alle in den Ruinen der Weltökonomie verborgenen Bomben der Immobilienkrise detoniert sind. Denn Dubai steht nicht allein da, eine Reihe von Ländern – unter anderen Griechenland, die Ukraine, Irland, Ungarn, Lettland und Pakistan – ist mit atemberaubender Verschuldung konfrontiert. Diese Staaten müssen zweierlei gleichzeitig bewältigen: die Kosten der schlimmsten Rezession seit Generationen begleichen und die Trümmer eines ungezügelten Kreditbooms abräumen. Die Schreckensbotschaften aus Dubai schüren Ängste, weitere Staaten könnten der Insolvenz entgegen taumeln.

Glastürme und Skipisten

Wenn führende Wirtschaftsnationen wie die USA, Deutschland und Japan wieder ein geringes Wirtschaftswachstum verzeichnen, so doch nur, weil die schwache Erholung massiven, aus Steuermitteln bestrittenen Notfallhilfen zu danken ist. Niemand weiß, was geschieht, wenn lebenserhaltende Maßnahmen 2010 storniert werden und die Zentralbanken beginnen, die Rettungsseile zu kappen, an denen viele Banken hängen, und die Zinsen wieder zu erhöhen.

Ein anhaltender Zahlungsverzug Dubais jagt neue Schockwellen durch das Weltfinanzsystem. Banken rund um den Globus haben dem Emirat und seinen Unternehmen Milliarden Dollar geliehen, um glitzernde Glastürme und Indoor-Ski-Pisten in die Wüste zu setzen. Das Risiko, dass viele dieser Kredite nicht abgelöst werden könnten, lässt die Angst wachsen – trotz staatlicher Rettungspakete in Milliardenhöhe für Bankrott-Banken ist vielleicht das Schlimmste noch nicht vorbei. Die Deutsche Bundesbank teilte gerade in ihrem Finanzstabilitäts-Bericht vom 23. November mit, sie sehe bei den Finanzinstituten noch einen Abschreibungsbedarf an faulen Wertpapieren in Höhe von 90 Milliarden Euro, bevor von einem Ende der Krise die Rede sein könne.

Die Unsicherheit darüber, ob der Immobilienfonds Dubai World Kredite und Einlagen zurückzahlt oder nicht, wird durch den Umstand angeheizt, dass die Schuldscheine als islamische Anleihen emittiert wurden, bei denen die Regeln für den Fall, dass der Schuldner seinen Verpflichtungen nicht nachkommt, äußerst nebulös gehalten sind. Die Investoren hoffen daher auf Bürgschaft des benachbarten Abu Dhabi, der Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate. Allerdings bleibt unklar, was in einem solchen Fall von der Autonomie des Dubai-Machthabers Scheich Mohammed Bin Rashid bleibt, der für die Zucht reinrassiger Rennpferde und ein zehn Milliarden schweres Vermögen berühmt ist.

Die Party ist vorbei

Unabhängig davon, ob Dubai für den ersten Domino-Stein sorgt, der eine Welle fallender Steine in einer weiteren Phase der Weltfinanzkrise auslöst – im Moment beeindrucken stillgelegte Kräne und leere Wolkenkratzer als Sinnbild eines außer Kontrolle geratenen Baubooms der vergangenen Jahre.

Von Dubais romantisierender Verklärung als verschlafenem Fischerei-Hafen am Golf bleibt nichts mehr übrig. Wenn die hölzernen Wassertaxis heute die Besucher der Stadt über ihren berühmten Fluss befördern, tauchen sie in die Schatten leerer Banken und Hochhäuser von Investment-Unternehmen. Fußballer und Filmstars kauften bis vor kurzem Villen in Dubais exklusivem Landschaftspark Palm Jumeirah, einer Lagune künstlicher Inseln, die von einem azurblauen Meer umgeben werden. Zu den Eigentümern dieser Exklusiv-Immobilien gehören David Beckham und andere Premier-League-Stars, der afghanische Präsident Hamid Karsai, russische Oligarchen, reiche Inder und einige Iraner mit guten Kontakten. Im Freizeitangebot für das „Paris des Nahen Ostens“ finden sich einige der größten Einkaufszentren des Planeten.

Während der Jahre des Aufschwungs floss das Geld in Strömen aus den mit Ressourcen gesegneten Staaten der Region, denen der hohe Ölpreis zusätzliche Einnahmen bescherte. Der hieraus resultierende Bauboom zog Hunderttausende schlechtbezahlter Gastarbeiter an und ließ die Immobilienpreise in der Wüste schwindelerregende Höhen erklimmen. Als die Subprime-Krise schon durch die USA raste und sich über große Teile der restlichen Welt hermachte, stellte das Emirat weiter sein bewährtes Selbstvertrauen zur Schau, das Kritiker schon damals für halsbrecherisch hielten. Noch im Dezember 2008 – die Schatten der Finanzkrise wurden immer länger – verkündete Sultan Ahmed Bin Sulayem, Vorstandschef von Dubai World, man habe eine Vision, mit der sich kein anderes Land der Welt messen könne.

Zusammen mit dieser Behauptung wurde der Plan ausgerufen, den höchsten Turm der Welt zu errichten, der 200 Etagen haben und den bereits im Bau befindlichen Burj Dubai Tower schlagen sollte, der voraussichtlich im Januar eingeweiht wird. Der für solche Projekte zuständige Zweig von Dubai World Nakheel wischte flugs Befürchtungen beiseite, auch das Emirat könnte von der anrollenden Rezession betroffen sein – die Finanzierungen seien nach wie vor grundsolide, die Erträge aus Investmentfonds in Übersee höher als diejenigen aus dem Ölexport, hieß es. Dubai feierte also weiter, aber je älter das Jahr 2009 wurde, desto mehr zeichnete sich ab, die Party ist vorbei: Die Immobilienpreise sind gegenüber den Höchstwerten der Jahre 2007/08 um 40 bis 50 Prozent gefallen, man geht davon aus, sie werden um weitere 20 Prozent nachgeben. Entlassene Inder und Pakistani haben zu Zehntausenden Dubai verlassen, während der Volksmund Geschichten von teuren Autos erzählt, die von bankrotten Ausländern am Flughafen stehen gelassen wurden.

Übersetzung: Holger Hutt

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13:00 09.12.2009
Geschrieben von

Ian Black, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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