Versuchskaninchen der Eurozone

Schikane Die Zypern-Krise sorgt für weitere Euro-Instabilität, nachdem die EZB den Druck auf die Regierung in Nikosia erhöht hat, das EU-Rettungsprogramm doch anzunehmen
Versuchskaninchen der Eurozone
Werbung für russische Produkte in Nikosia
Foto: Patrick Baz / AFP

Zyprioten, die für schlechte Zeiten gespart haben, sahen sich zu Beginn der Woche mit dem Albtraum-Szenario konfrontiert, ihre Ersparnisse könnten von internationalen Bankern und europäischen Technokraten „gestohlen“ werden. Zypern ist sehr familienorientiert, viele Eltern haben Geld für die Ausbildung ihrer Kinder beiseite gelegt – in kaum einem anderen EU-Land haben so viele Menschen einen im Ausland erworbenen Universitätsabschluss. Nun steht eine ungewisse und turbulente Zukunft bevor. Die Banken sind seit Tagen geschlossen und  nennenswerte Handelsaktivitäten erst einmal auf Eis gelegt. Die Zeit wird knapp, in der das Land einen "Plan B" finden muss, um die Krise zu bewältigen.

Napoleon Bonaparte beschrieb England einst als eine Nation der kleinen Ladenbesitzer. Wollte man auf dieses Raster zurückgreifen, wäre Zypern in diesem Sinne eine Nation der kleinen Depot-Inhaber. Die Grundlagen der zypriotischen Ökonomie sind Familienbetriebe und ein großer internationaler Finanzsektor – von dem Bail-Out-Szenario werden beide nun heftig getroffen. Man plant nicht mehr für die Zukunft, man beißt in Erwartung des finanziellen Unwetters einfach die Zähne zusammen.

Fresst oder sterbt!

Im Entschluss der Euro-Gruppe, der eine Kombination aus „Bail-in“ und „Bail-out“ vorsah, war die Sonderabgabe für Sparer bereits fest eingeplant – 6,75 Prozent auf Einlagen bis zu 100.000 und 9,9 Prozent für Summen über 100.000 Euro. Man muss dazu wissen, dass von den insgesamt bei zypriotischen Banken angelegten 68 Milliarden Euro über 30 Milliarden aus Einlagen unter 100.000 Euro bestehen. Kein Wunder, wenn Finanzexperten der Mittelmeerinsel inzwischen eine Lose-Lose-Situation bescheiningen: Das Land sitzt fest zwischen einem diskreditierten Bankensystem und ausländischen Investoren, die unbedingt ihr Geld haben wollen. In den zypriotischen Zeitungen waren zu Wochenbeginn Bilder von am Flughafen Larnaca geparkter Privatjets russischer Millionäre zu sehen, die eingeflogen waren, um ihren Besitz in Sicherheit zu bringen.

Bei der Regierung in Nikosia und den Parteien herrscht derweil das Gefühl, die EU habe Zypern einen „Dolchstoß“ verpasst. Deutschland, so nimmt man es hier wahr, behandle das Land wie das Versuchskaninchen der Eurozone, weil es klein und wehrlos sei. Präsident NikosAnastasiades hat keinen Zweifel daran gelassen, dass man Zypern in die Ecke gedrängt und dem Land eine Pistole an den Kopf gehalten habe – die Abgabe oder eure Wirtschaft, fresst oder sterbt!

Wut und das Gefühl, verraten worden zu sein, sind überall gegenwärtig, in jeder Unterhaltung, ob im Café oder im Büro. Die Zyprioten glauben, sie würden schikaniert, weil der Eindruck herrsche, ihre Insel schwimme in den unrechtmäßigen Einnahmen der russischen Mafia – aus diesem Grund hätten die internationalen Gläubiger auch nur allzu gern Einlagen über 100.000 Euro besteuern wollen. Die zypriotische Argumentation hingegen lautet, wenn man sich ausschließlich auf wohlhabende ausländische Investoren – vor allem Russen – verlasse, sei der Ruf als Finanzknotenpunkt dahin. Es habe nie diese Einseitigkeit gegeben.

Mit Unbehagen nimmt man auch wahr, dass der enge Verbündete und Freund Russland bei dem Bail-Out-Debakel ebenfalls zum Sündenbock gemacht wird. Die russischen Einlagen in Zypern werden auf bis zu 20 Milliarden Euro geschätzt – das ist mehr als das Gesamtvolumen der Inselwirtschaft. „Durch die Belastung großer Einlagen mit einer höheren Abgabe wäre uns die Möglichkeit kaputt gemacht worden, ausländische Investitionen anzulocken“, sagte Andreas Charalamboulis, Direktor für Europaangelegenheiten im zypriotischen Finanzministerium, am Dienstag gegenüber Journalisten. „Große russische Einlagen sollten nicht als Problem betrachtet werden – russische Unternehmer legen überall an, nicht nur in Zypern.“

Selbstmörderisches Ultimatum

Präsident Anastasiades wurde im Februar gewählt, weil er als der Mann galt, der mit Europa verhandeln und einen besseren Bail-Out-Deal rausschlagen könne, als sein kommunistischer Amtsvorgänger. Eines seiner Wahlversprechen lautete, er würde einen „Haircut“ bei den großen Einlagen akzeptieren.

Seine Freunde in Europa machten aber kurzen Prozess mit ihm, als er sich gegen ihre Forderung nach einer Bankensteuer für alle Bankkunden sträubte, die nach seinen Worten einer „Erpressung“ gleichkam. Anastasiades hätte der Eurogruppe den Rücken zuwenden sollen, als ihm das selbstmörderische Ultimatum für die Bankensteuer gestellt wurde – er hatte gar nicht das Mandat, einer solchen Maßnahme zuzustimmen. So nahm sein Ruf als jemand, der die Europäer zugunsten Zyperns zu beeinflussen vermag, beträchtlichen Schaden.

Er hat nun die Stimme des Volkes gehört? Sucht er nach einem „dritten Weg“? Einem Ausweg aus der Krise?



15:35 21.03.2013
Geschrieben von

Charlie Charambous | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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