Vertrauen ist gut, Verschlüsselung besser

Bitcoins Elektronisches Geld im Netz ist eine Alternative zum konventionellen Bankensystem. Vielleicht ein Grund, weshalb mächtige Institutionen ihm skeptisch gegenüberstehen

Wer sein Geld bei zypriotischen Banken gebunkert hat, musste viele unangenehme Erfahrungen machen. Dazu gehört ohne Zweifel auch, dass die Regierung des Inselstaates einen daran hindern kann, sein Geld bei Bedarf wieder woanders hin zu transferieren. Kapitalverkehrskontrollen sollten eigentlich der Vergangenheit angehören – ein Relikt aus der Zeit vor der Globalisierung. Aber es hat sich gezeigt, dass die Seidenhandschuhe ausgezogen werden, wenn Banken bedroht sind.

Einer der Nebeneffekte dieses bösen Erwachsens war offenbar ein gesteigertes Interesse an der virtuellen Währung Bitcoin. Auf jeden Fall hat der Preis einer einzelnen Bitcoin in der vergangenen Woche die Marke von 147 US-Dollar erreicht. Die Leute kaufen und verkaufen das virtuelle Zeug mit dem, was wir lachend „echtes“ Geld nennen. Datzu gibt es mehr als 40 Online-Wechselstuben wie Mt Gox.

Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, war die Seite aufgrund einer Denial-of-service-Attacke zeitweilig offline. Dahinter könnte eine ganze Reihe von Leuten stecken: Von Cyber-Vandalen über Hacker, die mit der Verunsicherung des Marktes ein Geschäft machen wollen, bis hin zur US-Regierung, die – nach allem, was wir wissen – nicht viel von Leuten hält, die sich ihre eigene Währung prägen, selbst wenn diese virtuell ist.

"Dieser Typ ist ein Genie"

Das Phänomen Bitcoin ist im Netz eines der faszinierendsten Dinge seit der Erfindung des Peer-to-Peer-Networking, das die Musikindustrie untergrub und Entwicklungen wie Wikileaks ermöglichte. Die Bitcoin-Währung wurde von einem geheimnisvollen und bis heute unbekannten Programmierer erfunden, der sich Satoshi Nakamoto nennt und sich für einen 36 Jahre alten Japaner ausgibt. Er startete Bitcoin am 3. Januar 2009, verschwand im April 2011 dann vollständig aus dem Netz und erklärte, er beschäftige sich nun mit anderen Dingen. Ein Pulitzer-Preis wartet auf den Journalisten, der seine wahre Identität enthüllt.

Im Augenblick haben wir nur die Aussage des führenden Experten für Internet-Sicherheit, Dan Kaminsky. Er hat den Bitcoin-Code untersucht und kam zu dem Ergebnis, dass es sich bei „Nakamoto“ um einen „Weltklasse-Programmier mit einem tiefen Verständnis der Programmiersprache C++“ handle, der darüber hinaus etwas von Ökonomie, Verschlüsselungstechnik und Peer-to-peer-Networking verstehe. „Entweder hat eine ganze Gruppe von Leuten an der Sache zusammen gearbeitet oder dieser Typ ist ein Genie.“

Die Grundidee hinter Bitcoin besteht darin, eine Kombination aus Public-Key-Kryptografie und Peer-to-peer-Networking zu verwenden, um damit eine virtuelle Analogie zu Gold zu schaffen, also eine Substanz, die rar (wenn auch nicht völlig endlich) und austauschbar ist. Nakamoto hat ein Software-System entwickelt. Es ermöglicht Leuten, die einen Zugang zu leistungsstarken Rechnern haben, Bitcoins „abzubauen“ (indem sie äußert komplexe mathematische Puzzle lösen) und die „Münzen“ dann für den Online-Handel zu verwenden. Darüber hinaus hat er dafür gesorgt, dass die Anzahl der in Umlauf befindlichen Bitcoins nie die Grenze von 21 Millionen überschreiten kann und es im Laufe der Jahre immer schwieriger wird, die Münzen „abzubauen“.

Das gescheiterte Bankensystem als Motivation

Für Otto Normalverbraucher, der nichts von Verschlüsselung versteht, riecht das sehr nach Abzocke. Gleiches gilt für den Durchschnittsjournalisten, auch wenn Felix Salmon von der Nachrichtenagentur Reuters vor kurzem einen großartigen Bericht über das Phänomen geschrieben hat. Man sollte das Unternehmen besser als ein radikales Experiment betrachten, das vom katastrophalen Scheitern unseres Bankensystems motiviert ist.

Dieses Bankensystem sollte, wie Sie sich erinnern werden, auf Vertrauen basieren. Doch dann mussten wir feststellen, dass dieses Vertrauen systematisch von allen beteiligten Institutionen missbraucht und missachtet wird – nicht nur von den Geschäfts-, sondern auch von den Zentralbanken, Regulatoren und Regierungen, die sicherstellen sollten, dass das Vertrauen der Öffentlichkeit in das System gerechtfertigt ist.

Bitcoin wirft Fragen auf

„Das Problem mit einer konventionellen Währung“, schrieb Nakamoto 2009, „besteht in all dem Vertrauen, das erforderlich ist, damit es funktioniert. Es braucht Vertrauen in die Zentralbank, dass sie die Währung nicht schwächt – doch dieses Vertrauen wurde in der Geschichte der Fiat-Währungen schon oft gebrochen. Vertrauen darauf, dass die Banken unser Geld bereithalten und es elektronisch transferieren. Doch sie verleihen es in Wellen von Kreditblasen und behalten kaum einen Bruchteil zurück. Wir müssen ihnen unsere persönlichen Daten anvertrauen in der Hoffnung, dass sie nicht zulassen, dass Identitätsdiebe unsere Konten abräumen.“ Im Gegensatz dazu basiert in Nakamotos System alles auf Verschlüsselung.

Bitcoin wirft alle möglichen interessanten Fragen auf: Handelt es sich um eine Blase? Im Augenblick scheint dies nahezu gewiss. Ist es legal? In machen Ländern, insbesondere in den USA, wahrscheinlich nicht. Is es sicher? Wahrscheinlich nicht – nicht, weil es schlecht gemacht wäre, sondern weil alles, was auf einer Software basiert, immer Schwachstellen aufweisen wird. Ist es innovativ? Auf spektakuläre Weise. Alle Behörden werden es hassen, und diese Abneigung damit begründen, dass mit Bitcoin auch Geld gewaschen werden kann. Aber im Grunde resultiert ihre Abneigung einfach nur daraus, dass sie die Vorstellung einer Währung nicht ertragen, die nicht der politischen Ordnung unterworfen werden kann.

Übersetzung: Holger Hutt
15:03 11.04.2013
Geschrieben von

John Naughton | The Guardian

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