Vertuschen ist nicht mehr

Raubkunst Die Provenienzforschung an deutschen Museen erlebt eine Blütezeit. Und blickt in die düstere Vergangenheit der Enteignung

Vor zehn Jahren war das Wort Provenienz noch ein Fremdwort und wer Provenienzforschung betrieb, ein Exot. Doch nachdem 44 Staaten mit der Washingtoner Erklärung von 1998 ein unverbindliches Regelwerk zur Restitution von Raubkunst unterzeichnet hatten, mussten mehrere deutsche Museen wichtige Kunstwerke an ihre rechtmäßigen, meist jüdischen Besitzer zurückgeben. Und plötzlich wurde deutlich, dass viele stolze Museumsdirektoren ihre Sammlungen und deren Geschichten gar nicht kennen.

Als das Berliner Brücke-Museum 2006 Ernst Ludwig Kirchners Berliner Straßenszene an die britische Enkelin des deutschen Sammlers Alfred Hess herausgeben sollte und ein heftiger Streit darüber entbrannte, ob Tekla Hess 1936 von den Nazis zum Verkauf des Gemäldes gezwungen worden war oder freiwillig verkauft hatte, begriff auch die Bundesregierung, dass sie sich an den Forschungen zur Geschichte des öffentlichen Kunstbesitzes beteiligen muss. 2008 richtete Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Arbeitsstelle für Provenienzforschung in Berlin ein und gab dem Leiter Uwe Hartmann eine Million Euro – nicht zuletzt aus Angst vor weiteren kontroversen Fällen wie der Causa Kirchner.

Jetzt, zum 1. Januar 2012, hat Neumann das Fördergeld verdoppelt. Denn wer geglaubt hatte, in ein paar Jahren sei die Herkunft aller Werke geklärt, hatte sich gewaltig geirrt. 184 Anträge wurden seit 2008 gestellt, in 119 Einrichtungen wurde oder wird mit dem Bundesgeld geforscht. Ein Ende ist nicht abzusehen. Vorsichtige Schätzungen gehen von mindestens zehn weiteren Jahren intensiver Forschung aus. Anwälte, die sich mit dem Thema beschäftigen, sprechen von mindestens 20 Jahren.

Neue Generation

Eine Wirkung aber setzt schon jetzt ein: 2009 wurden noch 30 Anträge für eine Sofortförderung gestellt – was dann geschieht, wenn ein Museum weniger weiß als die Anwälte von Erben und die Provenienz des betreffenden Werks rasch klären muss. Jetzt werden jährlich nur noch fünf solche Anträge gestellt.

Man kann die Existenz der Arbeitsstelle daher als Erfolgsgeschichte erzählen. Allerdings gehen diesen drei guten Jahren 60 Jahre des Nichtstuns und der Vertuschung voraus. Dabei hat nicht nur das Geld die Wende eingeleitet, auch das Personal hat sich verändert: „Die neue Museumsdirektorengeneration ist offen für die Erforschung der eigenen Geschichte“, sagt Uwe Hartmann. Die Jüngeren akzeptierten eher, wenn ihr Museum ein Kunstwerk herausgeben muss. Hartmann: „Das war vor zehn Jahren anders. Damals war eine Generation im Amt, die als junge Kollegen denen verpflichtet war, die selbst in der Nazizeit und der Nachkriegszeit tätig waren.“

In den vergangenen drei Jahren habe man daher mehr erreicht als in den zehn Jahren zuvor. Zum Beispiel in München. Dort förderte der Bund ein gemeinsames Projekt von Staatlichen und Städtischen Museen. Zusammen verfolgten sie den Weg der „Judenaktion“ 1938/39 in München, bei der der gesamte Kunstbesitz der jüdischen Sammler in München und Umgebung beschlagnahmt, an die Museen verteilt oder verkauft wurde. Durch diese Forschungen ist deutlich geworden, wie eng Museen und Nazi-Behörden damals zusammenarbeiteten. Und die Forscher haben Münchner Sammler gefunden, die sie bisher gar nicht kannten. Etwa den Bankier Sigmund Bernstein, der genau ein Kunstwerk besaß – ein Porträt des Komponisten Franz Liszt, gemalt von Franz von Lenbach. Dieses eine Bild wurde damals beschlagnahmt. Heute ist es verschwunden, wie die Familie, der es gehörte. Doch seine Geschichte ist es nicht mehr. Sie soll zusammen mit den Namen und dem Kunstbesitz der anderen jüdischen Sammler und Händler aus München in einem Handbuch versammelt werden.

Ein völlig Unbekannter

Zurück ins Bewusstsein kam durch ein kürzlich gefördertes Gemeinschaftsforschungsprojekt in Essen und Dortmund auch der Berliner Galerist Wilhelm August Luz. Der verkaufte nicht nur dem Folkwang Museum in Essen Kunstwerke, sondern auch vielen anderen Museen. 1938 schrieb er „An Stelle einer Empfehlung! Die folgenden öffentlichen Kunstsammlungen haben Kunstwerke aus meinem Besitz erworben: Berlin, Bremen, Breslau, Chemnitz, Coblenz, Cottbus, Danzig, Düsseldorf, Duisburg, Eckernförde, Eisenach (Wartburg), Essen, Flensburg, Frankfurt/Main, Greifswald, Halle (Saale), Hamburg, Hannover, Heidelberg, Karlsruhe i. B., Kiel, Köln/Rhein, Köslin, Konstanz, Lübeck, Marbach, München, Münster, Nürnberg, Oldenburg, Potsdam, Saßnitz, Speyer, Stralsund, Stettin, Strelitz, Stuttgart, Trier, Ulm a. D., Weimar, Wernigerode, Wuppertal, Zittau.“ Zudem verkaufte er an Privatsammler wie Hitler und Göring und beschaffte Kunst für Hitlers Museum in Linz. Bevor die Forschungen begannen, war Luz, dessen Galerie bis 1959 in Berlin Kunst handelte, ein völlig Unbekannter. Jetzt ist seine Geschichte – in groben Zügen – auf der Internetseite des Folkwang-Museums nachzulesen.

Dass sie nachzulesen ist, darf als Besonderheit gelten. Wenige Museen gehen so offen mit ihren Forschungsergebnissen um. Denn wie die Erkenntnisse aufgearbeitet werden, bleibt den Museen überlassen. Sie haben lediglich die Verpflichtung, die Forschungsergebnisse in der Magdeburger Datenbank lostart.de einzustellen. Für eine eigene Publikation hat die Arbeitsstelle bisher kein Geld.

Als „international führend“ hat Kulturstaatsminister Bernd Neumann die Resultate der deutschen Herkunftsforschung bezeichnet. Und die Zahlen belegen das. In der Magdeburger Datenbank hatten vor genau zehn Jahren 35 deutsche Kultureinrichtungen 747 Einzelobjekte mit ungeklärter Provenienz gemeldet. Anfang 2008, bevor der Bund begann, die Forschungen zu unterstützen, waren es 5664 Einzelobjekte aus 69 Häusern. Heute sind laut einer aktuellen Statistik der Magdeburger Koordinierungsstelle nunmehr 15.140 Objekte aus öffentlichen Sammlungen mit einem Verdacht auf Raubkunst registriert.

Die Erhellung am Rande

Allerdings sollte man nicht vergessen, dass es diese Erfolgsgeschichte ohne massive Rückgabeforderungen und intensiv recherchierende Erben und Anwälte überhaupt nicht gäbe. Deshalb ist es noch heute so, dass Museen und Sammlungen, die nicht mit Rückgabebegehren konfrontiert werden, selten forschen.

Die meisten Förderanträge kommen noch immer aus den größeren Kunstmuseen und nicht aus den kleinen, den kunstgewerblichen und naturkundlichen Sammlungen oder Technikmuseen. Mit dem doppelten Fördergeld will Uwe Hartmann auch sie zu Forschungen zur Herkunft ihrer Bestände animieren, zu denen Schmetterlings-, Gesteins- und Automobilsammlungen gehören. Und nicht nur sie sind aufgefordert: Auch die Geschichte der meisten privaten Kunsthandlungen und Galerien harrt noch immer einer Aufarbeitung.

Für Rechercheure bleiben die Zeiten gut. Doch gibt es längst nicht genug von ihnen, denn die Fertigkeit, in Archiven zu forschen, Archivalien zu lesen und zu verstehen, war bisher nicht Teil der Kunsthistorikerausbildung. Immerhin gibt es seit 2011 ein Lehrangebot zur Provenienzforschung an der Freien Universität in Berlin. Das erste in Deutschland. Referenten sind die Praktiker aus den Forschungsstellen und Behörden. Geld bekommen sie für die Lehre nicht. „Doch es ist uns wichtig, dass die Studenten dieses Angebot haben“, sagt Meike Hoffmann, Wissenschaftlerin in der Forschungsstelle Entartete Kunst der FU und Herausgeberin eines Buches über Hitlers Kunsthändler Bernhard A. Böhmer (siehe Freitag 27/20111). Denn noch immer bewilligt die Arbeitsstelle den Museen nicht nur das Forschungsgeld, sondern empfiehlt auch gleich die Wissenschaftler, die sich mit diesem Thema bereits auskennen.

Wie erhellend Provenienzforschung selbst in kleinen Museen sein kann, zeigt das Hegau-Museum in Singen. Dort fand man keine Hinweise auf Enteignungen, aber Belege dafür, dass der bisher kritiklos verehrte Gründer des nahen Landschaftsschutzgebietes einst „Für Juden und Zigeuner verboten“-Schilder aufstellen ließ. Was Hartmanns Arbeitsmotto bestätigt: „Es kommt immer was raus.“

Uta Baier schreibt für den Freitag über Kunst; zuletzt über deren Rettung in Libyen

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15:40 31.01.2012
Geschrieben von

Uta Baier | The Guardian

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