Verwackeltes Bild

Filmgeschichte Erstmals seit 1929 ist eine Kamerafrau für den Oscar nominiert: Rachel Morrison

Rachel Morrisons Oscar-Nominierung für die beste Kamera ist ein Meilenstein für Frauen im Film. Auf die Shortlist für diese Kategorie zu kommen, war schon lange eine der schwierigsten Aufgaben, aber jetzt – zum ersten Mal seit der ersten Verleihung im Jahr 1929 – ist eine Frau unter den Nominierten. Morrison, die das 1940er-Südstaaten-Drama von Regisseurin Dee Rees drehte, hat eine gute Chance, das Rennen zu machen. Dass Kolleginnen jetzt schon feiern, sei ihnen verziehen.

Seit 1919 gibt es den renommierten Verband American Society of Cinematographers (ASC), in dem Morrison Mitglied ist. 1980 lud die Gesellschaft erstmals eine Frau zum Beitritt ein: Brianne Murphy, die einmal als erste Frau bezeichnet wurde, die bei einem großen Hollywood-Film die Kamera führte; gemeint war Fatso von Regisseurin Anne Bancroft.

Im Jahr 2015 berichtete das Filmmagazin Deadline, dass vier Prozent der ASC-Mitglieder weiblich sind, im vergangenen Jahr vergab die Organisation erstmals ihren President’s Award an eine Preisträgerin. Ausgezeichnet wurde Nancy Schreiber, die der Gesellschaft als vierte Frau beigetreten war – 1995. Sie erzählte einem Magazin: „Ich erinnere mich noch daran, wie ich zum ersten Mal dort war. Ich war mir nicht einmal sicher, ob es Damentoiletten gibt!“

In den frühen Tagen des Kinos gab es keine Trennung zwischen Regisseur und Kameramann. Als die Filme komplexer wurden (Studio-Beleuchtung, bewegte Kamera, multiple Einstellungen), entwickelte sich Kameraführung zu einem eigenständigen Job. Den auch Frauen ausübten. Die Italienerin Rosina Cianelli gilt als erste Kamerafrau. Sie teilte sich die Arbeit an Uma Transformista Original (1915) mit ihrem Gatten Paulo Benedetti. In US-amerikanischen Zeitschriften werden noch frühere Beispiele erwähnt. Wir wissen außerdem, dass Kamerafrauen von Anfang an als merkwürdiger Anblick galten. Beim Stummfilm arbeiteten viele Frauen, übernahmen aber meist weniger sichtbare Aufgaben wie Schreiben und Schnitt. Obwohl die Arbeit erst zwei Jahrzehnte alt war, wird in zeitgenössischen Zeitschriften die Vorstellung von einer Frau, die eine Kamera bedient, im besten Fall als Neuigkeit, im schlimmsten als Verrücktheit behandelt.

Immer wieder verblüffend

„Wer von Ihnen hat schon jemals von einer Frau als Kameramann gehört?“, beginnt ein Artikel der Filmzeitschrift Picture Play aus dem Jahr 1916. „Dass es das gibt, wird zweifellos die Mehrheit der Leute im Filmbusiness ebenso überraschen wie alle anderen.“ Der Autor des Textes spiegelt angenommene Vorbehalte der Leser, um sie zurechtzurücken. Mit Erstaunen habe er die ehemalige Schauspielerin Grace Davison an einem Filmset hinter der Kamera stehen und Trickeffekte erzielen sehen. „Ich ging davon aus, dass der eigentliche Kameramann kurzfristig nicht kommen konnte und man gezwungen war, diese junge Frau spontan einspringen zu lassen. Ich stellte mir automatisch statische, unscharfe, unter- und überbelichtete Negative als Ergebnis vor.“

Schließlich überzeugte er sich davon, dass Davison etwas von ihrer Arbeit verstand. Dennoch kehrte sie zur Schauspielerei zurück und gründete später ihre eigene Produktionsfirma. Der Titel des Artikels lautete Die einzige Kamerafrau, aber tatsächlich hatte Davison Kolleginnen und Vorgängerinnen, die alle mit ähnlicher Verblüffung beschrieben werden.

Auch wenn sie beeindruckend waren, wurden weibliche Kameraleute leicht wieder vergessen. Die Zeitschrift Moving Picture Weekly kündigte Dorothy Dunn 1917 mit den Worten „Da kommt die Kamera-Frau!“ an, und 1920 bezeichnete Photoplay Louise Lowell als „The First Camera-Maid“ – beide Frauen drehten professionell Wochenschau-Filme.

Die merkwürdigen Formulierungen unterstreichen, dass die englische Berufsbezeichnung für die Kameraleute eine der wenigen am Film-Set ist, die nicht neutral ist, sondern eine Genderform besitzt: Cameraman hat sich genauso lang gehalten wie script girl und best boy für Beleuchter. Obwohl Moving Picture Weekly die Bezeichnung camerawoman noch einige Mal benutzte, blieb die ursprüngliche männliche Bezeichnung haften.

Vielleicht ist dieses Image-Problem der Grund dafür, dass die Oscar-Akademie bisher keine Notiz von Kamerafrauen genommen hat, obwohl Leute wie Murphy und Schreiber ebenso wie viele andere (Sandi Sissel, Agnès Godard, Caroline Champetier, Nina Kellgren) seit Jahrzehnten erfolgreich hinter der Kamera stehen. Wenn man es schwierig findet, sich vorzustellen, dass eine Frau eine Kamera hält, kann man sich vielleicht auch nicht vorstellen, dass sie einen Oscar in der Hand hat.

Im 21. Jahrhundert leisteten immer mehr Kamerafrauen hervorragende Arbeit. So übernahm Ellen Kuras regelmäßig die Kamera für Michel Gondry und Spike Lee. Sie machte Filme mit so eigener Bildsprache wie Gondrys Vergiss mein nicht! und Lees Summer of Sam. Kritik-Erfolge in jüngerer Zeit, bei denen eine Frau die Kamera führte, waren The Levelling (Nanu Segal), Hidden Figures (Mandy Walker), The Neon Demon (Natasha Braier), Fences oder Molly’s Game (Charlotte Bruus Christensen).

Falls Rachel Morrison in der Oscar-Nacht auf dem Podium steht, wird das hoffentlich das Bild von Kamerafrauen in der Öffentlichkeit positiv verändern. Einen Oscar in der Hand zu halten, macht sich immer gut.

Pamela Hutchinson ist freie Mitarbeiterin des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

06:00 03.03.2018
Geschrieben von

Pamela Hutchinson | The Guardian

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