Virtuell betrogen, in echt geschieden

Ehe mit Facebook Cyber-Sex auf Facebook, dann die Scheidung per Mail: Heute findet selbst ein Ehebetrug in der virtuellen Welt statt. Eines aber bleibt immer noch real: der Schmerz

Vergangene Woche schickte mir meine Mutter eine E-Mail, in der sie mir mitteilte, dass sie nun auch bei Facebook sei. Wir telefonieren nicht miteinander, wir mailen uns. Wahrscheinlich wird sie mich bald „anstubsen“ wollen, mir Nachrichten auf meiner „Pinnwand“ hinterlassen und, was noch viel schlimmer ist, Fotos von meiner Hochzeit im letzten Mai hochladen.

Da sie noch nicht mit mir „befreundet“ ist und meinen Facebook-Beziehungs-Status nicht kennt, weiß meine Mama auch noch nicht, dass ich, ihre 24-Jahre alte Tochter, mich scheiden lasse. Wie soll ich ihr nur erklären, dass ich eine Facebook-Scheidung durchmache? Dass der Schwiegersohn, den lieb zu gewinnen sie sich so sehr mühte, ihre einzige Tochter betrogen hat und sich dabei der Social-Networking-Seite bediente, für die sie sich so begeistert?! Dass ihre Tochter von ihrer bevorstehenden Scheidung durch Gchat, die Free-Chatting-Facility von Google-Mail erfahren hat?

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Man hat keine Chance sich zu verteidigen, wenn der andere die Entscheidung, sich trennen zu wollen, nicht schnell genug in die virtuelle Öffentlichkeit hinausposaunen kann. Das Problem besteht darin, dass jeder deinen Beziehungs-Status, ach, was sage ich, den Stand deines Liebeslebens einsehen kann, sobald du einmal deine Beziehung auf Facebook bekannt gegeben hast und durch html vernetzt bist. Nicht, dass sich die Leute allzu viel um den Beziehungsstatus kümmern würden. Nicht einmal, wenn sie es besser tun sollten, lesen sie „X ist mit Y verheiratet“ und schreiben das Objekt ihrer Begierde sofort als unerreichbar ab. Meine Scheidung ist dafür wohl ein eindeutiger Beweis.

Er hatte die Frau zunächst auf einer Party kennen gelernt. Näher kamen die beiden sich dann aber erst auf Facebook, trotz der Bilder, auf denen wir zusammen zu sehen sind und unseres Status als Verheiratete. Ich weiß davon, weil mein Mann sich einmal bei Facebook einloggte und dann so blöd war, den Raum zu verlassen. Ich begann, seinen Mac zu benutzen und fand mich inmitten einer brodelnden Cyber-Romanze wieder. Ihre lüsternen E-Mails waren eine Mischung aus schlechter Beat Poetry und Textsprech mit jeder Menge Emoticons. Wie war so etwas möglich, gerade einmal sechs Monate nach unserer Heirat?

Am meisten ärgert mich meine Angewohnheit, dass ich inzwischen schon innere Monologe im Facebook-Stil führe. Ich kann mir das einfach nicht abgewöhnen. Das liest sich dann in etwa so: „Georgie dringt in den Facebook-Account ihres Mannes ein, nur um zu sehen, ob sie das Passwort kennt ... Georgie freut sich, dass sie das Passwort kennt. ... Georgie ist irritiert, dass ihr Mann relativ viel mit einer hübschen 19-Jährigen chattet. ... Georgie ist noch verwirrter darüber, dass ihr Mann mit besagter 19-Jähriger Cybersex hat! ... Georgie wird so langsam klar, dass ihr Mann dieser 19-Jährigen schmutzige Nachrichten geschickt hat, während er gleichzeitig mit ihr, seiner Frau, auf Facebook gechattet hat!! ... Georgie denkt an Scheidung.“ Mehr oder weniger so hat sich die Sache abgespielt.

Scheidung also. Ich habe keine Ahnung, was man tun muss, um sich scheiden zu lassen, wenn man seinen Ehemann dabei erwischt hat, wie er einen in der Realität betrügt, geschweige denn virtuell. In meiner Muttersprache, dem Englischen heißt das „Anstupsen“ unter Facebook-Mitgliedern „to poke“. Übersetzt und in der Englischen Alltagssprache bedeutet „to poke“ auch Unzucht treiben. In der Sprache der Social Networks hat es aber rein gar nichts Anstößiges. Wie ist da also meine Situation zu bewerten?

Statt dies sofort herauszufinden bat ich meinen Mann, in sein Heimatland zurückzufliegen, um etwas Abstand voneinander zu bekommen. Ich war mir immer noch nicht sicher, wie schwer ein Online-Betrug wirklich wiegt. Ein paar Monate später erhielt ich eine kurze Facebook-Nachricht von ihm, in der er mich aufforderte, ihm eine Zeit zu nennen, wann wir skypen können. Das war sein Ernst! Die Bildtelefon-Software, die es einem erlaubt, mit jedermann rund um die Welt von Angesicht zu Angesicht zu telefonieren, nutzten wir eigentlich nicht einfach mal so. Als wir uns ineinander verliebt hatten, aber in verschiedenen Ländern lebten, führten wir via Skype intime Gespräche, fast von Angesicht zu Angesicht.

Ich ließ mir nichts anmerken und schrieb ihm eine E-Mail: „Mail mir einfach zurück, worüber du reden willst.“ Aber bevor er Gelegenheit dazu hatte, chatteten wir bei Google-Chat miteinander. Ich: „Warum kannst du nicht einfach schreiben, worüber du reden willst?“ Er: „Ich denke, wir sollten uns scheiden lassen und diesen Zustand hinter uns lassen. Ich liebe dich noch immer, aber unsere Ehe ist gescheitert und sollte beendet werden.“ Es ist furchtbar, so etwas zu schreiben und es stimmt auch nicht. Nicht unsere Ehe ist gescheitert. Er konnte nur nicht widerstehen, Dinge zu schreiben, von denen er dachte, sie hätten im wirklichen Leben keinerlei Konsequenzen. Aber damit ist es vorbei. Die beiden Welten befinden sich auf Kollisionskurs. Es bleibt nur die Frage, wer sich durchsetzt – die Facebook-Blase, wo alles und nichts mit einem „?“ oder einem „!“ zusammengefasst werden kann, eine Welt, in der man sich selbst direkt vermarktet und keine Mittelsmänner mehr braucht, in der du als letzte davon erfährst, dass deine eigene Tochter geschieden ist? Scheint so.

Ich weiß, dass Trennungen noch nie schön waren, aber gab es nicht eine Zeit, in der Kommunikation im Allgemeinen etwas Romantisches an sich hatte? Schrecklich langsam, zugegeben, aber vielleicht ist die Gelegenheit nachzudenken ja nicht das Schlechteste. Wo sich einst Rauchsignale über den Hügeln Amerikas erhoben, Brieftauben ihren Weg nachhause suchten oder Telegramme auf Silbertabletts herein getragen wurden, haben wir heute ein kindisches, und für gewöhnlich auch noch falsch geschriebenes Facebook-Update.
Wie ein übereifriger, indiskreter Stadtschreier, der zu viel Koffein intus hat, bedient Facebook unsere niedrigsten Instinkte und wir gelangweilten Sesselpupser berauschen uns daran, zwischen den Kommentaren zu lesen.

Da ich es immer noch nicht über mich bringe, meinen Mann aus meiner Freundesliste zu entfernen, kriegt er alles mit, was ich mache, genau wie ich alles mitkriege, was er macht. Wenn er einen neuen Freund hinzufügt, oder prätentiös Bret Easton Ellis in seinen Statusupdates zitiert, könnte ich kotzen. Trotzdem verfolge ich es.

Nein, Facebook ist nichts für dich, Mutter! Das ist etwas für die Gelangweilten, die Langweiligen, und die Unbefriedigten! Installier`s Dir ruhig auf Deinen Blackburry oder Dein Iphone, aber lass Dich nicht täuschen! Nur weil du mobil bist und uns von überall darüber auf dem Laufenden halten kannst, heißt das noch lange nicht, dass Du in absehbarer Zeit etwas Interessantes erleben wirst.


Übersetzung: Holger Hutt

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Geschrieben von

Georgina Hobbes-Meyer, The Guardian | The Guardian

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