Viva Ferkelkraut!

Naturkunde Guerilla-Botaniker wollen vergessenen Pflanzen ihre Namen zurückgeben
Viva Ferkelkraut!

Illustration: Ira Bolsinger für der Freitag

Mehr als 127.000 Menschen haben das Foto eines mit Kreide notierten Baumnamens in einem Londoner Vorort gelikt, sieben Millionen Klicks bekam ein Video des Botanikers Boris Presseq vom Museum für Naturgeschichte in Toulouse, in dem er mit Kreide die Namen von Straßenblumen auf Asphalt und Steine schrieb. Die in Frankreich entstandene Idee, Wildpflanzen überall dort mit ihrem Namen zu versehen, wo sie gerade wachsen, soll europaweit Schule machen.

„Ich wollte das Bewusstsein für die Präsenz dieser Wildpflanzen auf den Bürgersteigen schärfen“, sagt Boris Presseq. „Menschen, die sich bislang noch nie die Zeit genommen haben, auf diese Pflanzen zu achten, sagen mir jetzt, dass sich ihre Sichtweise geändert hat. Schulen setzen sich mit mir in Verbindung, um das Thema der städtischen Natur im Unterricht zu behandeln.“ Seit in Frankreich vor drei Jahren der Einsatz von Pestiziden in Parks, Straßen und anderen öffentlichen Räumen verboten wurde, später auch in Gärten, ist das Bewusstsein für städtische Wildblumen sprunghaft angestiegen.

Die in London lebende französische Botanikerin und Aktivistin Sophie Leguil hat die Kampagne „More Than Weeds“ („Mehr als Unkraut“) ins Leben gerufen. Zuvor hatte sie mitgeholfen, die von Tela Botanica, einem Netzwerk frankofoner Botaniker, geleitete Kreidekampagne „Sauvages de ma rue“ („Das Wilde in meiner Straße“) bekannt zu machen. Nun bekam sie die Erlaubnis, vergessene Flora in Hackney sichtbar zu machen. Es soll nicht der einzige Stadtteil bleiben.

„Das Pestizidverbot in Frankreich hat das Verhalten der Behörden verändert und das öffentliche Bewusstsein geschärft“, sagt Leguil. Sie hofft, dass sich noch mehr kommunale Behörden für die Schaffung von Lehrpfaden interessieren.

„Wir sprechen häufig über das Phänomen, dass wir Pflanzen nicht mehr wahrnehmen (...) Ich könnte verzweifeln, wenn ich sehe, wie steril London geworden ist. Man kann mit Pflanzen anders umgehen und dabei Kosten sparen, die Artenvielfalt schützen und gleichzeitig etwas für die Bildung tun.“ Im Vereinigten Königreich ist es verboten, ohne Genehmigung irgendetwas mit Kreide auf Wege oder Straßen zu schreiben – sei es das Hüpfspiel Himmel und Hölle, Kunst oder die Namen von Blumen und Kräutern –, sogar wenn dadurch das Interesse an der Natur gefördert wird.

Ein anonymer Londoner Kreide-Aktivist ist von diesem Verbot wenig beeindruckt: „Ich werde auf meinen täglichen Spaziergängen weiter Pflanzen beschriften. Ich glaube, die Bewegung hat wirklich einen Nerv getroffen.“ Die sichtbaren Namen der Pflanzen würden ermutigen, „nach oben zu schauen und den Baum über sich wahrzunehmen: die Blätter, die Rinde, die Insekten, den Himmel. Und das alles ist gut für die geistige Gesundheit“.

Der Sprecher der gemeinnützigen Umweltschutzorganisation UK Plantlife, Trevor Dines, sagt, man könne eine Ordnungswidrigkeit nicht stillschweigend billigen, aber: „Die unglaubliche Reaktion auf die Benennung von Pflanzen mit Kreide ist erstaunlich, und ich denke, sie ist Teil von etwas Tiefgreifendem. Es ist, als würde die Pflanze ihren eigenen Platz in unserer Welt beanspruchen.“

In einer unlängst durchgeführten Umfrage waren nur sechs Prozent der 16- bis 24-jährigen Briten in der Lage, das Bild eines Waldveilchens richtig zu benennen, berichtet Dines. „Dieselbe Umfrage ergab, dass fast 70 Prozent der Befragten gerne in der Lage wären, mehr Wildblumen zu identifizieren.“ Würde die Unkrautbekämpfung zurückgefahren, könnte man bis zu 400 Pflanzenarten an Wänden und Wegen sehen, meint er, zehn Prozent des Bestands an Wildpflanzen. „Bei einer Untersuchung von Bürgersteigen in Sheffield wurden 183 verschiedene Pflanzen gefunden, bei einer anderen Zählung in Cambridge 186 Arten an Wänden und Mauern. All diese kleinen Nischen bilden einen wunderbar komplexen Teppich“, sagt Dines. „Jede Blüte zählt und wird von den Bestäubern angenommen – eine Hecke mit Brennnesseln kann voller Raupen sein und der Hornklee, der in der Stadt häufig auf Grün- und Seitenstreifen wächst, dient über 160 verschiedenen Wirbellosen als Nahrung. Wenn wir unsere Wahrnehmung ändern und den Löwenzahn als das sehen, was er ist – eine lebenswichtige Nahrungsquelle für unsere Bienen im Vorfrühling –, könnten wir lernen, sie mehr zu schätzen.“

Eine Studie von Bestäubungsforscher*innen ergab, dass viele wilde städtische „Unkräuter“ hinsichtlich der Menge an Nektar und Pollen, die jede Blüte liefert, oft wichtiger sind als die meisten Gartenpflanzen. Zu den Spitzenreitern unter den untersuchten Pflanzen zählten Löwenzahn und seine Artverwandten – der Steifhaarige Löwenzahn, das Gewöhnliche Ferkelkraut und Gänsedisteln – sowie Jakobs-Greiskraut, der Gewöhnliche Natternkopf, Malven, Braunellen, Geruchlose Kamille, Jungfer im Grünen, Gelbe Rauken, Schmalblättrige Weidenröschen, Disteln, Hahnenfuß und Mohn.

Andrew Whitehouse von der Naturschutzorganisation Buglife zufolge sind Weg- und Wandpflanzen auch als Winternahrung wichtig, wenn weniger Blüten für Insekten wie Hummeln zur Verfügung stehen. „Unterhalb des Asphalts bilden die Wurzeln winzige Mikrolebensräume, in denen Asseln, Würmer, Weberknechte, Spinnen und kleine Schnecken leben, die wiederum zur Nahrung für Vögel und Igel werden.“

Jon Burke vom Hackney Council, der lokalen Regierungsbehörde, die in einigen Gegenden auf Pestizide verzichtet, findet es „absurd, dass es verboten ist, Pflanzennamen mit Kreide auf die Straße zu schreiben. Wir begrüßen dies als eine wichtige und inspirierende Methode, um Erwachsenen und Kindern gleichermaßen etwas über ihre natürliche Umwelt beizubringen. Wie sonst sollte ein Kind diese Namen jemals kennenlernen?“

Der Strafrechtsexperte James Gray bestätigt, dass das Schreiben von Pflanzennamen mit Kreide im Vereinigten Königreich ohne Erlaubnis illegal ist und dass Guerilla-Botaniker*innen bis zu 2.500 Pfund (ca. 2.800 Euro) zahlen müssten, wenn sie Gehwege, Straßen, Bäume oder andere Oberflächen mit Bildern, Buchstaben, Zeichen oder anderen Markierungen versehen.

Unter Bezugnahme auf Victor Hugos berühmten Polizeiinspektor fügt Gray hinzu: „Die Javerts dieser Welt werden in den Kritzeleien von Guerilla-Botanikern großen Schaden erkennen und zu strafrechtlicher Verfolgung aufrufen. Andere werden es völlig harmlos finden und vielleicht sogar als eine erfrischende Abwechslung in unseren Straßen begrüßen. Wo die Grenze liegt, wird von der Haltung derer abhängen, die mit der Durchsetzung des Gesetzes beauftragt sind.“

Botanik-Apps

Flora incognita Per Foto findet man heraus, was alles so im Garten wächst (Wiesen-Labkraut etwa ist die kleine Cousine vom Waldmeister). Und das Beste: Man erfährt, ob und welche Teile davon essbar sind.

Plantsnap Gerade als Ex-Stadtmensch auf Naturpfaden sehr hilfreich, ein Botaniker für unterwegs. Die App zeigt unter anderem den Namen, die natürliche Umgebung, die Familienzugehörigkeit und eine ausführliche Beschreibung des Gewächses an.

PlantNet Mit mehr als fünf Millionen Downloads eine der beliebtesten Botanik-Apps. Die Software kann über 13.000 Pflanzenarten erkennen, auch Exoten.

Alex Morss ist Wissenschaftsjournalistin und Guardian-Autorin

Übersetzung: Holger Hutt

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06:00 22.06.2020
Geschrieben von

Alex Morss | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 32/2020

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