Volkssport Fahrradmopsen

Drahtesel-Dramen Der Verlust des liebgewonnenen Fahrrads ist eines der häufigsten menschlichen Dramen. Komisch nur, dass Fahrraddiebstahl als Kavaliersdelikt gilt wie Süßigkeitenklauen

Lieber Lance Armstrong, ich fühle mit Ihnen. Auch mir ist es schon so ergangen wie Ihnen, unserem britischen Oppositionsführer David Cameron und schätzungsweise jährlich 439.000 meiner Landsleute – uns allen wurde schon das Fahrrad geklaut. Nun war mein Drahtesel zugegebenermaßen keine ausgesprochene Schönheit. Und auch Twitter gab es damals im Jahr 2005 noch nicht. Anders als du konnte ich den Diebstahl also nicht 118.000 Followers mitteilen.

Mir sind bisher „nur“ zwei Räder gestohlen worden – das erste, als ich in meiner Jugend Zeitungen austrug, und zehn Jahre später das zweite, ein Spezial-Mountainbike. Irgendwelche Kids haben es einfach über die Straßenlaterne gehoben, an der es angekettet war, während ich in einer Kneipe saß und an meinem Bier nippte. Insgesamt bin ich bislang also eigentlich recht gut weggekommen.

Auf Verwirrung folgt Wut, später kommen Schuldgefühle und Trauer

Die Emotionen, die der Diebstahl des eigenen Fahrrads bei den Betroffenen auslöst, sind stets die gleichen. Zuallererst erlebt man einen Moment der Verwirrung, in dem man noch versucht sich einzureden, dass man das Rad in der Parallelstraße abgestellt haben muss. Es folgt Wut, dann Schuldgefühle, weil man sich vorwirft, vielleicht irgendwie fahrlässig gehandelt zu haben. Schließlich stellt sich Trauer ein. „Wenn einem das Fahrrad gestohlen wird, fühlt sich das an, als hätte man vorübergehend ein Gliedmaß verloren“, beschreibt Roger Geffen von der britischen Radfahrervereinigung CTC. Dabei spielt keine Rolle, ob es sich um ein in Massenproduktion hergestelltes Rad wie meines handelt, oder um ein Einzelmodell wie deines, Lance. Fast alle Radfahrer haben eine intime Beziehung zu ihrem Fahrrad (hoffentlich allerdings nicht so intim, wie der Brite, der letztes Jahr wegen Ruhestörung angezeigt wurde, nachdem er in einem Hotelzimmer bei sehr intimen Kontakten mit seinem Rad erwischt worden war).

In einer nächsten Phase folgt das Entsetzen darüber, nun erst einmal auf den Bus umsteigen zu müssen und wie alle anderen Leute den Launen der öffentlichen Verkehrsbetriebe ausgesetzt zu sein. Zum Schluss ergreift einen Verzweiflung, weil keiner der Mitmenschen aufrichtig Anteilnahme zeigt und den erlitten Verlust ernst nimmt.

Die Polizei zum Beispiel hat keine Zeit, sich der Verfolgung von Fahrraddieben zu widmen. Als mir das letzte Mal eines geklaut wurde, erhielt ich von unseren Freunden und Helfern ein Schriftstück für die Versicherung, auf dem die Straftat bestätigt wurde und das unverbindliche Versprechen, dass man sich ein bisschen in der Gegend umschauen werde, in der das Verbrechen sich ereignet hatte.

Fahrraddiebstahl gilt als Kavaliersdelikt

Der Mangel an Polizeiressourcen ist allerdings nur ein Teil des Problems. Wie das Mehrfachopfer Boris Johnson auf seinem Blog festhielt, nachdem jemand sein Marin Sausalito mitgehen lassen hatte, steht die Öffentlichkeit dem Fahrradraub mit erschreckender Gleichgültigkeit gegenüber. Aus irgendeinem Grund wird es scheinbar als Kavaliersdelikt angesehen, etwa so wie an der Süßwaren-Selbstbedienungstheke eines Kaufhauses ein Bonbon zu mopsen. „Alle fanden das lustig“, erzählte ein Händler auf dem Markt in Westlondon, wo David Camerons Rad gestohlen wurde.

Und so kommt es dann, dass ein paar Kids vor den vollbesetzten Bänken einer Kneipe ein Fahrrad über eine Straßenlaterne heben können, ohne dass irgendjemand etwas sagt. Oder dass jemand wie ich seinen Fahrradschlüssel verlieren und dann in Beisein eines Schlossers an einer U-Bahn-Station stehen, das Schloss mit einer Flex aufschweißen und dabei genug Funken erzeugen kann, um die Eröffnungsszene von Flashdance nachzustellen. Weder die Vorbeigehenden, noch die U-Bahn-Mitarbeiter haben auch nur mit der Wimper gezuckt.

Der Nachrichtenmoderator und Radfahrer Jon Snow sagte mir, er glaube, bei Fahrraddieben handele es sich meist um Gelegenheitstäter. Aber es gibt auch ganz eindeutig Seriendiebe. Den Kanadier zum Beispiel der 2.865 Räder auf der Kappe hatte. 2.865 – das ist ja wohl ein Fulltime-Job!

Anmerkung der Redaktion: Lance Armstrong meldete seinen Twitter-Followern inzwischen, dass sein Fahrrad inzwischen dank der Hilfe der Polizei wieder aufgetaucht sei.

Übersetzung: Zilla Hofman

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16:00 01.03.2009
Geschrieben von

Adam Vaughan, Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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