Voll daneben

US-Wahlkampf Präsidentenbewerber Romney will sich in Europa Referenzen als Außenpolitiker verschaffen. Doch reiht sich eine Panne an die andere. Auch Polen ist kein Selbstläufer
Ex-Präsident Walesa, beziehungsvoll vom Ehepaar Romney umrahmt
Ex-Präsident Walesa, beziehungsvoll vom Ehepaar Romney umrahmt

Foto: Janek Skarzynski/AFP - Getty Images

Nach einem Besuch in Großbritannien, wo er sich einen Fauxpas leistete, indem er anzweifelte, ob das Land überhaupt fähig sei, seiner Rolle als Gastgeber der Olympischen Spiele gerecht zu werden, gab es in Israel den nächsten Vorfall. Romney bezeichnete Jerusalem als Hauptstadt Israels und brüskierte die Palästinenser. Augenscheinlich versprach er auch Unterstützung für unilaterale israelische Luftangriffe gegen Iran. Kein Wunder, wenn ihm Polen als nächste Station seiner Reise einen Anlass für antisowjetische Triumphgeheul liefern sollte, als sei der Kalte Krieg noch in vollem Gange.

An der Universität Warschau hielt Romney eine Rede, die hielt, was sie versprach: Heftige Attacken auf Russland und Wladimir Putin. Darüber hinaus Kritik an Präsident Barack Obama, weil er angeblich die Interessen und die Sicherheit der zentraleuropäischen Demokratie zugunsten seiner Realpolitik mit dem Kreml geopfert hat. Romney hat Russland in der Vergangenheit gern als Amerikas „geopolitischen Feind Nr. 1“ bezeichnet, wohingegen sich Obama für einen „Neustart“ der Beziehungen zu Moskau aussprach.

Als Romney vor seinem Warschau-Trip auf Einladung von Lech Walesa, dem ehemaligen Werft-Elektriker, Solidarnosz-Führer und wenig erfolgreichen postkommunistischen Präsidenten, Danzig besuchte, bot ihm das eine willkommene Gelegenheit, um die Stimmen der großen polnischen Diaspora in den USA und aller Amerikaner mit osteuropäischen Ursprüngen zu werben.

Trotz der Betonung des Sieges im Kalten Krieg und der Schlüsselrolle Polens im Jahr 1989 besuchte Romney ein Land, das seien Vergangenheit hinter sich lässt, weniger empfänglich für die Rhetorik der USA als noch vor zehn Jahren ist und seine Bündnisse innerhalb der EU als die wichtigeren betrachtet. Zudem ist man wenig angetan davon, dass die traditionellen Bindungen Polens an amerikanische Werte in Washington als selbstverständlich betrachtet werden.

Verdrossenheit gegenüber Washington

Polen ist das einzige Land in der EU, das nach dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2008 keine Rezession erlebte. Das Land floriert bis heute, während im Rest Europas die Zeiten düsterer werden. Zudem baut Polen auf der Basis seines neuen Selbstbewusstseins europäische Bündnisse auf, um demokratischen Reformen in den Nachbarländern Ukraine und Belarus zu befördern und sich Putins besitzergreifender Politik gegenüber Teilen der ehemaligen UdSSR entgegen zu stellen.

Im Treffen mit dem polnischen Außenminister Radoslaw Sikorski konnte Romney erfahren, dass dem nationalen Interesse Polens innerhalb neuer europäischer Sicherheitsstrukturen am besten gedient sei. Sikorski ist mit einer Amerikanerin verheiratet, hat in Oxford studiert und bei einem neokonservativen US-Thinktank gearbeitet. Gedämpft wurden sein ehemals inbrünstiger Pro-Amerikanismus jedoch von seiner Enttäuschung über die Obama-Regierung angesichts einer Visa-Politik, die polnische Staatsbürger reglementiert, der geringen Wertschätzung der Beteiligung Polens im Irak und in Afghanistan, der abgeschwächten Pläne für eine Raketenabwehr in Zentraleuropa und der US-Politik gegenüber Putin.

Die polnische Verdrossenheit über Washington wird sich durch einer, mit einem harten außenpolitischen Kurs gepaarten, Charme-Offensive Romneys kaum umkehren lassen. Vielmehr sind die Polen erpicht darauf, die Kapazitäten der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik zu erhöhen. Als das Land 2011 die EU-Präsidentschaft innehatte, versuchte es deshalb, eine gemeinsame EU-Verteidigungspolitik durchzusetzen, stieß dabei aber auf den heftigen Widerstand Großbritanniens. Gemeinsam mit Schweden, Italien und Spanien hat Warschau gerade eine Initiative für eine robuste europäische Außenpolitik angestoßen.

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Übersetzung Zilla Hofman
Geschrieben von

Ian Traynor | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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