Vom Slum ins Luxushotel

Venezuela Mit der Kampagne zur Wiederaneignung von Grundbesitz und Wohnraum will die Regierung von Hugo Chávez der Krise auf dem Wohnungsmarkt und Popularitätsverlusten begegnen

Der Präsident hat Soldaten zur Übernahme „unproduktiver“ Höfe ausgesandt und die Armen dazu gedrängt, „ungenutzte“ Gebiete in wohlhabenden Gegenden von Caracas zu belegen. Es gibt zu wenig Wohnraum, Millionen von Menschen leben in erbärmlichen Zuständen, Chávez' Popularität sinkt und 2012 stehen schließlich Präsidentschaftswahlen an.

In den roten T-Shirts von Chávez’ Sozialistischer Partei besetzten nun Aktivisten in Caracas 20 Grundstücke im wohlhabenden Viertel Chacao – ein Schritt, der sogar Anhänger der Regierung erschreckte. In anderen Städten kam es zu vergleichbaren Aktionen. Um dem Mangel an Wohnraum entgegenzuwirken, hat der Präsident eine Reihe von Gesetzen erlassen und Verträge – unter anderem mit China, Russland, Belarus, Iran und der Türkei – angekündigt, um in den kommenden zwei Jahren mit halsbrecherischer Geschwindigkeit 350.000 Wohneinheiten zu bauen. „Das grundlegende Ziel des Sozialismus besteht in der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse (...), der Bedürfnisse aller, gleichermaßen, ohne Unterschiede“, gab Chávez gerade in einer Fernsehsendung zu verstehen.

Seine Gegner behaupten, die Regierung habe es in den vergangenen zehn Jahren versäumt, genügend Häuser zu bauen und immer nur leere Versprechungen gemacht. Bisherige Verträge zum Wohnungsbau mit ausländischen Partnern haben angeblich nur zehn Prozent des angekündigten Wachstums gebracht. Emilio Grateron, Bürgermeister von Chacao, nannte Chávez’ Aufruf zur Beschlagnahmung unbesetzten Landes demagogisch. Dies würde die wenigen noch verbliebenen privaten Investoren vollends abschrecken. „Wer so redet, handelt unverantwortlich und denkt nicht an die Konsequenzen. Das ist ein sehr gefährliches Spiel.“

Sechs Golfclubs geschlossen

Die Regierung schickte trotzdem in den westlichen Bundesstaaten Merida und Zulia 1.600 Soldaten auf 47 angeblich unproduktive Höfe. Seit Hugo Chávez regiert, hat der Staat die Kontrolle über 2,5 Millionen Hektar übernommen. Inzwischen aber richtet sich der Fokus auf die Städte, um der Wohnungskrise und der schwindenden Unterstützung in den Elendsvierteln beizukommen. Die gehörten einst zu den Hochburgen des Commandante, stimmten zuletzt aber mehrheitlich für oppositionelle Bürgermeister und Gouverneure.
Im Vorjahr wurde das vorhandene Manko – es fehlen zwei Millionen Wohneinheiten – durch Überschwemmungen nochmals drastisch verschärft. Viele Slums wurden zerstört, Tausende von Familien mussten fliehen.

Unter Chávez hat die Regierung bisher weniger als 40.000 Einheiten pro Jahr gebaut, einige sagen, es seien gar nur 24.000. Der Präsident räumt zwar Schwierigkeiten ein, weist aber Vorwürfe der Inkompetenz und Korruption zurück. Besonders in der Hauptstadt behielten die Reichen das beste Land für sich, ließen es dann aber zumeist brach liegen.

Die Regierung hat daraufhin sechs Golfclubs geschlossen und jüngst auch ein Auge auf den Caracas Country Club geworfen – Tausende armer Familien könnten darauf angesiedelt werden, hieß es. Dies würde allerdings Jahre in Anspruch nehmen – die 2012 anstehenden Präsidentschaftswahlen erfordern aber schnellere Ergebnisse. So ließ Chávez wissen, die Regierung werde noch in diesem Monat brachliegende Flächen und nicht fertiggestellte Gebäude übernehmen. Er verlangte von den Armen, sie sollten mitmachen. Nur Stunden später besetzten militante Unterstützer um vier Uhr in der Frühe 20 Flächen in Chacao. Die Polizei schmiss sie zwar wieder hinaus, die „Invasionen“ sorgten aber dennoch für Aufregung. Selbst der Regierung wohlgesonnene Zeitungen wie die Ultimas Noiticias äußerten Bedenken.

Hoteliers sind verängstigt

Chávez entschied, die Besetzer seien zu weit gegangen und sagte: „Die Mittelschicht kann kein Feind der demokratischen Revolution sein“. Die Regierung machte aber deutlich, dass die Besetzungen weitergehen werden, der korrekte Begriff für den Vorgang sei allerdings „Belegung“. Auch Hoteliers sind verängstigt, seit sie gebeten wurden, einige der Flutopfer bei sich aufzunehmen. Sie entsprachen dem Wunsch, haben nun aber Angst, sie könnten die nächste Branche sein, die nationalisiert wird.

Das Chacaoer Fünf-Sterne-Hotel Marriott hat im dritten und vierten Stock 60 obdachlos gewordene Slumbewohner untergebracht. Türen wurden gegen Vorhänge ausgewechselt, Fernseher, Lampen und andere Einrichtungsgegenstände entfernt. Die 52-jährige Marina Patino und ihre 55-jährige Schwester Blanca haben dennoch nichts zu beanstanden. „Wir sollen den Dienstboteneingang benutzen und nicht in die Nähe der Lobby kommen, werden aber gut behandelt. Drei Mahlzeiten am Tag und alles kostenlos“, so Maria. „Als ob man aus der Wüste in eine Oase kommt.“

Übersetzung: Holger Hutt

17:15 27.01.2011
Geschrieben von

Rory Carroll | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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