Von der Kanzel ins Kapitol

Porträt Raphael Warnock ist Priester, Bürgerrechtsaktivist – und der erste Afroamerikaner aus Georgia im US-Senat
Von der Kanzel ins Kapitol
Er steht in einer Tradition von Predigern, denen es vor allem um den Kampf gegen die Ungleichheit und gegen Unterdrückung geht

Foto: Drew Angerer/Getty Images

Als Raphael Warnock geboren wurde, vertraten den Bundesstaat Georgia zwei Befürworter der Rassentrennung im Senat der USA. Es war das Jahr 1969.

Nun ist Warnock – 51, Prediger in der Ebenezer Baptist Church, in der früher Martin Luther King tätig gewesen war – zum ersten afroamerikanischen demokratischen Senator aus einem der früheren Konföderierten Staaten im Süden der USA gewählt worden. Sein Sieg über die republikanische Amtsinhaberin und eisenharte Trump-Anhängerin Kelly Loeffler, die noch versuchte, Warnock als „marxistischen Radikalen“ zu verunglimpfen, ist nicht bloß bemerkenswert, weil er Joe Biden und den Demokraten eine Mehrheit in beiden Parlamentskammern verschafft. Warnocks Triumph ist zugleich eine klare Niederlage für die rassistischen Stichwortgeber der Trump-Ära und ein Ausweis des Wandels der politischen Kultur, wie er Georgia erfasst hat. Vor Bidens Wahlsieg im November hatte sich dort seit Bill Clinton 1992 kein Präsidentschaftskandidat der Demokraten mehr durchgesetzt.

Warnock, als elftes von zwölf Kindern in einer Sozialwohnung aufgewachsen, hielt seine erste Predigt mit elf Jahren. Später studierte er am Morehouse College in Atlanta, an dem auch Martin Luther King studiert hatte. Nach einem Praktikum an der Sixth Avenue Baptist Church in Birmingham, Alabama, unter dem Bürgerrechtsaktivisten John Thomas Porter, wurde Warnock zum jüngsten Pastor in Kings Kirche. Auf der Kanzel wie auf Wahlkampftour prangert er offen soziale Ungerechtigkeit und Rassismus an – was die Republikaner in plumpen Werbeanzeigen gegen ihn zu verwenden versucht hatten. Warnocks Ansatz, schrieb der Religionswissenschaftler Jonathan Lee Walton jüngst in der Washington Post, sei von einer Tradition afroamerikanischer Kirchen geprägt, die „das Hauptaugenmerk ihrer Moral auf die Schwächsten und Unterdrückten der Gesellschaft legt“.

Sein politischer Aufstieg, der an eine frühere Generation von Bürgerrechtsaktivisten anknüpft, fiel zusammen mit einer Reihe von Veränderungen in Georgia. In der Heimat des früheren US-Präsidenten Jimmy Carter, gerade in Städten wie Atlanta und in den Vorstädten, haben die Demokraten zuletzt mehr und mehr die Oberhand gewonnen, auch wenn die Partei sich keine große Mühe mehr machte, Kandidaten zu finden, die konservativeren weißen Wählern auf dem Land genehm wären. Das trug mit dazu bei, die jüngere und schwarze Wählerschaft in den Ballungsgebieten zu mobilisieren. Das letzte Puzzleteil für den Erfolg waren laut einigen Republikanern Donald Trumps verschwörungstheoretische Vorwürfe im Wahlkampf und der Umstand, dass Trump selbst davor nicht zurückschreckte, republikanische Amtsträger anzugreifen.

Die Gebiete, die bei den Präsidentschaftswahlen am stärksten zu Trump tendierten, waren nun in der Nachwahl diejenigen, die den größten Rückgang der Wahlbeteiligung verzeichneten, schrieb Geoffrey Skelley auf der Nachrichten-Webseite 538. „Die Sorgen der Republikaner in Bezug auf die Wahlbeteiligung scheinen sich bestätigt zu haben. Sie hatten befürchtet, dass ihre Wählerbasis wegen Trumps Wahlbetrug-Rhetorik weniger motiviert sein könnte, zur Wahlurne zu gehen.“ Auch Josh Holmes, ein ehemaliger Stabschef des republikanischen Senatsvorsitzenden Mitch McConnell, schrieb auf Twitter, wie negativ Trumps Botschaft sich in den Vorstädten von Georgia ausgewirkt habe: „Vor vier Jahren redeten wir über Jobs und über die Wirtschaft; vier kurze Jahre später reden wir von QAnon und Wahl-Verschwörung – wie sich zeigt, haben die Wähler zugehört!“

Warnocks Wahlsieg macht ihn zum erst elften afroamerikanischen US-Senator in der Geschichte der USA und zum vierten aus dem Süden. Die ersten beiden, Blanche K Bruce und Hiram Revels, vertraten die Republikanische Partei während der Ära zwischen den Sezessionskriegen bis zur Wiedereingliederung der Südstaaten 1877, die die offizielle Abschaffung der Sklaverei dort bedeutete. Hiram Revels hatte während des Bürgerkriegs zwei afroamerikanische Regimenter mitorganisiert. Beide Senatoren wurden noch vor der Einführung des allgemeinen Wahlrechts als Senatsmitglieder ernannt. Danach jedoch wurde der afroamerikanischen Wählerschaft – einst aufseiten einer Republikanischen Partei, die sich gegen die Sklaverei aussprach – in vielen südlichen US-Bundesstaaten das Wahlrecht wieder vorenthalten. Das bedeutete vielerorts das Ende ihrer Vertretung im Parlament bis zu den Wahlrechtsgesetzen 1965, die die diskriminierenden Wahlpraktiken vieler südlicher Bundesstaaten verboten.

In einer Rede in seiner Heimatstadt Savannah, früher ein bedeutender Hafen für den Handel mit Baumwolle, zeichnete Warnock seine politische Karriere nach – von seiner Verhaftung bei einer Demonstration in Washington D.C. bis zu seinem Antritt als Senator: „Ich nahm ihnen das nicht übel“, sagte er über die Polizisten, die ihn festgenommen hatten. „Sie machten ihre Arbeit und ich die meine. Aber in ein paar Tagen werde ich diese Kapitol-Polizisten wieder treffen, und dieses Mal werden sie mich nicht in eine Zelle aufs Revier bringen. Stattdessen könnten sie mir helfen, mein neues Büro zu finden.“

Am Tag von Warnocks Wahl schrieb Politik-Reporter Astead Herndon in der New York Times: „Der Weg zu einem Schwarzen Senator ist einzigartig, nur wenige in der amerikanischen Geschichte haben ihn beschritten – und schon gar keiner aus Georgia.“ Bis jetzt.

Peter Beaumont ist einer der Chefreporter des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 17.01.2021
Geschrieben von

Peter Beaumont | The Guardian

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