Von Frauen, die arbeiten

Textilindustrie Ivanka Trump lässt ihre Mode in Indonesien nähen. Die Angestellten können davon kaum leben
Von Frauen, die arbeiten
„Ich würde mir für meine Work-Life-Balance wünschen, meine Kinder öfter als einmal im Monat zu sehen“, sagt Alia
Foto: Jude Domski/Wireimages/Getty Images

Alia ist der Fleiß in Person. Sie hat immer wieder in Fabriken gearbeitet, seit sie die Schule verlassen musste, weil sie ihr erstes Kind erwartete. So kam die mittlerweile zweifache Mutter auch zu ihrem jetzigen Job als Näherin für Marken wie die der Tochter des US-Präsidenten, Ivanka Trump – in der Kleiderfabrik PT Buma in Subang in Indonesiens Provinz West-Java.

Seit sie mit ihrem Mann Ahmad verheiratet ist, hat immer mindestens einer von ihnen gearbeitet und trotzdem sei nicht daran zu denken, dass sie in der Lage seien, ihre Schulden abzubezahlen. Stattdessen kann sie nach jahrelanger Arbeit bei PT Buma nichts weiter vorweisen als zwei Zimmer in einer staubigen Pension, für die sie 30 US-Dollar Miete im Monat bezahlen. Die Räume sind mit Dutzenden Fotos ihrer Kinder dekoriert. Die Kinder leben bei der Großmutter, mehrere Stunden Fahrt mit dem Motorrad entfernt; sie sehen ihre Eltern nur an einem Wochenende im Monat, wenn die sich das Benzin leisten können.

Alia verdient den Mindestlohn, der für ihre Arbeit in der Provinz vorgesehen ist: 2,3 Millionen Rupien, etwa 155 Euro pro Monat. Dieser gesetzliche Mindestlohn gehört zu den niedrigsten in Indonesien, er liegt 40 Prozent unter den Löhnen, die in den chinesischen Fabriken bezahlt werden, die ebenfalls für Ivanka Trump arbeiten.

Diktat des Westens

„Mindestlöhne muss man in Bezug auf das jeweilige Land sehen“, sagt David Welsh, bei der Non-Profit-Organisation Solidarity Center für Indonesien und Malaysia zuständig. „In diesem Kontext handelt es sich nicht um einen Lohn, von dem man seinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Angesichts der Lohnunterschiede in Indonesien ziehen immer mehr Fabriken in die Bezirke mit den niedrigsten Löhnen. Dort werden die Arbeitsbedingungen von den westlichen Marken diktiert.“

Das in koreanischem Besitz befindliche Textilunternehmen PT Buma begann 1999, in Indonesien zu produzieren. Es gehört zur in New York ansässigen G-III Apparel Group, einem Hersteller für prominente Modemarken, darunter das Trump-Label. Viele Buma-Arbeiterinnen wissen, wer Ivanka Trump ist. Alia ist aufgefallen, dass ihre Marken vor etwa einem Jahr plötzlich auf von ihr gefertigten Kleidungsstücken auftauchten. Ivanka Trump trat im Januar von der Unternehmensleitung zurück, die Produkte tragen aber weiter ihren Namen.

Ahmad, der ebenfalls in der örtlichen Textilindustrie arbeitet und wie seine Frau und die meisten der Arbeiterinnen bei PT Buma gläubiger Muslim ist, sagt: „Uns gefällt die Politik von Donald Trump nicht.“ Er kennt Trumps Versuche, Menschen aus Ländern mit überwiegend muslimischer Bevölkerung die Einreise in die USA zu verweigern. „Aber wir sind nicht in der Position, uns unsere Arbeitsplätze aussuchen zu können.“ Als Alia erfährt, worum es in Ivanka Trumps neuem Buch über berufstätige Frauen (der Freitag 21/2017) geht, bricht sie in schallendes Gelächter aus und sagt, sie würde sich für ihre Work-Life-Balance wünschen, ihre Kinder öfter als einmal im Monat zu sehen.

Gegenwärtig arbeiten dem regionalen Arbeitsamt zufolge 2.759 Arbeiterinnen und Arbeiter bei Buma. 200 davon gehören einer von zwei Gewerkschaften an. Für die Mehrheit der nicht gewerkschaftlich Organisierten ist ihr Job eine tägliche Plackerei, die es zu ertragen gilt. Etwa drei Viertel von ihnen sind Frauen, viele Mütter, und mehrere, wie Alia, verwenden fast ihr gesamtes Einkommen für ihre Kinder, mit denen sie aber nicht zusammenleben können.

Sita, 23, musste die Schule abbrechen, als ihre Eltern krank wurden und fing 2016 bei Buma an. Ihr Vertrag werde bald gekündigt werden, nach sieben Monaten. „Das ist ein Weg, wie die Firma mit Extra-Ausgaben umgeht“, erzählt sie. Als Vertragsarbeiterin erhält sie keinerlei Abfindung. „Es ist nicht auszuhalten. Ich mache jeden Tag unbezahlte Überstunden und verdiene trotzdem nur 2,3 Millionen Rupien pro Monat. Ich habe vor, aus Subang wegzuziehen, weil hier der Mindestlohn zu niedrig ist. Ich weiß allerdings noch nicht, wo ich hin soll. Ich habe keinerlei Kontakte.“

Einige sind zufrieden, überhaupt einen Job und einen, wenn auch geringen Lohn zu haben. Eka, alleinerziehende Mutter, Mitte 30 mit zwei Kindern, die seit sieben Jahren bei Buma arbeitet, sagt: „Ich mag meine Arbeit noch immer. Sie ist nicht allzu schwer.“ Yuma, eine junge Frau, sagt: „Ich bin froh, dass ich jetzt bei Buma arbeite. Meine Eltern sind Bauern und das ist eine sehr ermüdende Arbeit. Hier gibt es wenigstens eine Klimaanlage.“

Die Arbeiterinnen scheinen beispielhaft für die Angestellten, die die Kleider für Ivanka Trump in Indonesien fertigen. Sie werden nicht grob missbraucht, leben und arbeiten aber unter Verhältnissen, die so weit entfernt sind von den Women Who Work, mit denen Trump wirbt, dass sie sich nicht vorstellen können, dass jemand die Kleider, die sie nähen, wirklich trägt.

Frauen, die dauerhaft für Buma arbeiten, erhalten gewisse Zugeständnisse: Drei Monate bezahlten Mutterschaftsurlaub, eine Krankenversicherung, einen monatlichen Bonus von 10,50 Dollar, wenn sie sich für die Menstruation keinen Tag freinehmen.

Diese Berichte seien typisch für andere Fabriken in West-Java, erzählt Andriko Otang vom indonesischen Gewerkschaftsverband. „Es ist weit verbreitet, unrealistische Produktionsziele vorzugeben, um so unbezahlte Überstunden zu rechtfertigen.“ Der Fotografie eines Plans zufolge, die eine Arbeiterin zeigt, liegt das Produktionsziel zwischen 7 und 16 Uhr bei 58 bis 92 Kleidungsstücken pro 30 Minuten. Tatsächlich kommen die Angestellten auf 27 bis 40. „Das Management wird immer schlauer“, sagt Wildan, 25, der in der Fabrik arbeitet: „Sie checken unsere Karten um 16 Uhr aus, damit nichts mehr zu beweisen ist.“

Ramadan? Kündigung!

Darüber hinaus kündigt Buma regelmäßig vor dem Ramadan Mitarbeitern und stellt sie einen Monat später wieder ein. So versucht man, sich um Bonuszahlungen für religiöse Feiertage zu drücken. Das indonesische Gesetz schreibt Feiertagszuschläge für alle Angestellten entsprechend ihrer Religion vor. Diese belaufen sich auf mindestens ein Monatsgehalt. Je nach Dauer der Betriebszugehörigkeit kann es mehr sein. Im Mai 2017 wurden im Vorfeld des Ramadan ungefähr 290 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entlassen, sagt Toto Sunarto von der Gewerkschaft SPSI in Subang.

Ivanka Trumps Marke hat zuletzt eine Berg- und Talfahrt erlebt. Als ihr Vater für die Präsidentschaft kandidierte, stieg der Nettoumsatz laut G-III-Daten um beinahe 18 Millionen Dollar. In den letzten Monaten jedoch haben mehrere Kaufhausketten ihre Marke aus dem Sortiment genommen. G-III bringt einige Ivanka-Trump-Produkte inzwischen diskret bei einer anderen Hausmarke namens Adrienne Vitadini heraus.

Im März hatte US-Präsident Donald Trump Indonesien gerügt, weil das Land gegenüber den USA einen Handelsbilanzüberschuss von zuletzt 13 Milliarden Dollar im Jahr 2016 aufweist. Er schwor, „mogelnde ausländische Importeure zu bestrafen“.

PT Burma, die für Ivanka Trumps Marke tätige PR-Firma und das Weiße Haus ließen Anfragen unbeantwortet oder lehnten sie ab. G-III Apparel, das seit 2012 exklusiv die Trump-Marke beliefert, erklärte: „Die G-III Apparel Group sieht sich bei all unseren weltweiten Operationen der Rechtskonformität und ethischen Geschäftspraktiken verpflichtet. Gleiches erwarten und fordern wir von unseren Geschäftspartnern auf der ganzen Welt. Wir prüfen und kontrollieren die Produktionsanlagen unserer Lieferanten und arbeiten bei Problemen mit unseren Partnern zusammen, um schnell eine Lösung zu finden.“

Krithika Varagur arbeitet als Journalistin in Indonesien, unter anderem für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt, Zilla Hofman

06:00 19.07.2017
Geschrieben von

Krithika Varagur | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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