Von Hunger las man in Büchern

Vietnam Lange schrieb man beim Umgang mit Corona an einer Erfolgsgeschichte, doch das hat sich geändert. Eine Reportage aus einem Land in der Krise
Von Hunger las man in Büchern
Ende September, Hang-Be-Markt, Hanoi: Zuletzt wurden die Kontaktbeschränkungen etwas gelockert

Foto: Luong Thai Linh/Epa-Efe

Als im August für Ho-Chi-Minh-Stadt im Süden Vietnams der bisher strengste Lockdown verhängt wurde, glaubte die Fabrikarbeiterin Tran Thi Hao, die Regierung werde schon für eine ausreichende Versorgung ihrer Familie sorgen. So war es jedenfalls versprochen. Doch seit mehr als einem Monat leben sie von nicht mehr als Reis und der Fischsoße Nuoc Mam. Im August schickte sie ihr Arbeitgeber in einen unbezahlten Urlaub. Tran Thi Haos Mann, der sonst auf dem Bau arbeitet, sitzt noch länger zu Hause.

So geriet die Familie mit der Miete in Rückstand, bald schon wird die nächste Zahlung fällig sein. „Ich versuche, so lange wie möglich durchzuhalten, aber ich weiß nicht, was als Nächstes kommt“, sagt die Mutter eines achtjährigen Sohnes. „Es ist schwer, meine Gefühle in Worte zu fassen, aber ich frage mich schon, warum wir keine Unterstützung bekommen. Die Regierung hat Hilfe für Menschen wie uns versprochen, bisher aber nichts geschickt. Alle um mich herum kommen damit nicht zurecht.“

Tatsächlich ist Tran nicht allein. Vietnams mit neun Millionen Einwohnern größte Stadt steht unter einem strengen Lockdown, bei dem die Menschen nicht einmal für einen ausgiebigen Einkauf das Haus verlassen dürfen. Zwar sollen die geltenden Einschränkungen demnächst entfallen und die wirtschaftliche Aktivität zu gewohnter Vitalität zurückfinden, doch schon vor der ergangenen Anweisung, zu Hause zu bleiben, waren Tran und Millionen andere gezwungen, Schulden zu machen. Die Regierung beteuerte zwar, alle würden genug zu essen haben, und band das Militär ein, um Bedürftige mit dem Nötigen zu versorgen, jedoch kam bei einem Teil der Bevölkerung nichts an. Erst kürzlich protestierten in einem Viertel von Ho-Chi-Minh-Stadt Hunderte Demonstranten wegen der fehlenden Unterstützung.

300.000 neue Fälle

Vietnams Umgang mit der Pandemie galt lange als Erfolgsgeschichte. Während weltweit Länder ihre Toten betrauerten, hielt die Regierung in Hanoi das Virus durch strikte Quarantänemaßnahmen, Kontaktverfolgung und einen nur lokal beschränkten Lockdown in Schach. Noch Anfang Juni verzeichnete Vietnam bei 96,5 Millionen Einwohnern weniger als 4.000 Infektionen und 35 Todesfälle pro Tag. Mittlerweile indes sorgt die Delta-Variante für Chaos, vor allem in Ho-Chi-Minh-Stadt und den Nachbarprovinzen. Über den Monat September hinweg wurden im ganzen Land fast 300.000 neue Fälle und 9.758 Tote verzeichnet. In Ho-Chi-Minh-Stadt sind es gegenwärtig täglich mehr als 5.000 Neuinfektionen, im Schnitt sterben in 24 Stunden etwa 200 Menschen. Ähnliche Zahlen meldet die angrenzende Provinz Binh Duong.

Von den daraufhin verordneten Beschränkungen sind die Armen am stärksten betroffen. Handwerksbetriebe, Fabriken und Märkte sind geschlossen, sodass Tausende von Jobs verlorengingen. Taxifahrer, Straßenhändler oder Bauarbeiter, die bereits zuvor an der Armutsgrenze lebten, verdienen teils seit Wochen nichts und sind häufig in prekären, beengten Wohnverhältnissen buchstäblich gefangen, sodass Behausungen zu Corona-Hotspots werden.

Laut offiziellen Angaben hat die Pandemie allein in Ho-Chi-Minh-Stadt drei bis vier Millionen Menschen in finanzielle Schwierigkeiten gestürzt. Hilfsorganisationen erreicht eine Flut von Anfragen nach Lebensmittelhilfen, die ihre Kapazitäten übersteigen. Der Wohltätigkeitsverein Food Bank Vietnam, geführt von Nguyen Tuan Khoi, versorgt täglich annähernd 10.000 Menschen. Auf der Website und über die Medien-Kanäle der Organisation gehen so viele Anfragen ein, dass 30.000 bis 40.000 Hilfsbedürftige bedacht werden müssten. „Die Pandemie hat die Widerstandskraft der Menschen angegriffen“, erzählt Nguyen. „Genau wie andere Wohltätigkeitsvereine haben wir Schwierigkeiten, die in Not Geratenen zu erreichen. Die Nachfrage ist enorm. Ein solches Ausmaß an Tod und Verlust habe ich noch nie gesehen und glaubte stets, das nie erleben zu müssen. Vor der Pandemie gab es sicher auch arme Menschen, aber für die meisten war die Ernährung kein Problem. Ich bin nach 1975, also nach dem Ende des Vietnamkrieges, geboren, und Hunger war etwas, wovon wir in den Büchern lasen. Jetzt kann ich nachvollziehen, was Elend und Entbehrungen bedeuten.“

Die Hilfsorganisation Saigon Children – sie fördert die Schul- und Ausbildung unterprivilegierter Kinder und Jugendlicher – wurde vom Anstieg der Nachfrage überrascht. „Normalerweise bauen wir Schulen und setzen uns für besonders Bedürftige ein. Jetzt bestehen 90 Prozent unserer Arbeit aus Corona-Nothilfen“, meint Saigon-Children-Chef Damien Roberts. „Letzte Zahlen kenne ich nicht, aber wir haben in den vergangenen Wochen gut 16.000 Menschen unterstützt. Und das war nur die Spitze des Eisbergs.“ Die Stadtregierung von Ho-Chi-Minh-Stadt reklamiert für sich, dass sie seit dem 26. August mehr als 1,2 Millionen Menschen mit 1,2 bis 1,5 Millionen Dong (knapp 47 Euro) und einem Beutel mit Grundnahrungsmitteln geholfen habe. Geplant sei die Verteilung von weiteren 9,2 Milliarden Dong.

Von der Ernährungskrise abgesehen ist nun auch das Gesundheitssystem überlastet. Es gibt nicht genügend Medikamente, zu wenig Sauerstoffvorräte und Personal in den Hospitälern. Die sozialen Medien fluten Geschichten und verstörende Videos über Menschen, die vergeblich um Hilfe bitten. Doktor Tran Hoang Dang arbeitet als Arzt auf der Intensivstation einer Klinik, die für schwere Covid-19-Fälle eingerichtet wurde. In jeder Schicht ist er für 14 Patienten verantwortlich und mittlerweile hochgradig erschöpft. Die 700 Betten seines Krankenhauses seien voll belegt, berichtet er. Jeder Tag bedeute neue Fälle. „Die Hälfte der Patienten auf der Intensivstation überlebt nicht. Unser Gesundheitssystem war auf all das nicht vorbereitet. Leider haben wir den Höhepunkt noch nicht erreicht. Nur weiß ich nicht, ob man dafür jemandem die Schuld geben soll.“

Die jetzige Situation spiegele auch die Verzögerungen bei der Impfkampagne wieder, ist Nguyen Thu Anh, Expertin für Öffentliche Gesundheit am Institut für Medical Research in Hanoi, überzeugt. „Die Akzeptanz der Impfstoffe ist hoch, aber es wird zu wenig an uns geliefert. Die Zusagen von Covax, der Initiative für einen weltweiten Zugang zu Impfstoffen, werden bedauerlicherweise nicht eingehalten.“ Bis zum 1. September hatte Vietnam laut Gesundheitsministerium 20 Millionen Dosen verschiedener Vakzine verimpft, doch damit erst 3,6 Prozent von 75 Millionen Erwachsenen vollständig immunisiert. In Ho-Chi-Minh-Stadt wurden etwa sechs Millionen Erwachsene einmal und 337.500 zweifach geimpft. Die Impfanstrengungen sind vorrangig auf die Metropole des Südens konzentriert, während das Quantum der Impfdosen, das den Provinzen zugewiesen wird, viel zu gering bleibt. Es kommt hinzu, dass außerhalb der Städte die Gesundheitsinfrastruktur und -versorgung deutlich schlechter sind, was Wissenschaftler fürchten lässt, dass die Menschen dort der Pandemie sehr viel länger ausgesetzt sein werden als zunächst angenommen.

In ihrem 15 Quadratmeter großen Zimmer in Ho-Chi-Minh-Stadt sitzen Tran, ihr Mann und der Sohn in einem Gebäude fest, in dem Hunderte Familien untergekommen sind. Tran möchte unbedingt wieder arbeiten und weiß, im neuen Schuljahr wird zunächst online unterrichtet, doch besitzt die Familie keinen Computer, folglich wird der achtjährige Sohn benachteiligt sein und den Anschluss verlieren. „Ich habe keinen Kopf, darüber weiter nachzudenken“, klagt Tran. „Meine Sorgen gelten der nächsten Mahlzeit und nächsten Miete.“

Am anderen Ende der Stadt geht es der 21-jährigen Nguyen Lam Ngoc Truc kaum anders. Auch sie möchte möglichst bald wieder Geld verdienen und heraus aus dem Slum am Ufer des Saigon-Flusses. Einst verkaufte sie auf der Straße die Mahlzeiten einer Garküche an Schüler, aber seit August ruht das Geschäft für sie, für ihre Mutter und den Vater ebenfalls. Überlebt haben sie bisher vom Reis und den Instantnudeln, die ihnen Hilfsorganisationen oder Nachbarn schenken. In Nguyen Lams Viertel leben größtenteils Arbeitsmigranten, die vom Land in die Stadt wechseln wollen, aber zumeist nicht registriert wurden. Für die Behörden bleiben sie daher unsichtbar.

Sarah Johnson ist Guardian-Reporterin für Menschenrechte und globale Entwicklung

Nhung Nguyen ist Korrespondent des Guardian in Hanoi

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 11.10.2021
Geschrieben von

Sarah Johnson, Nhung Nguyen | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 42/2021

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