„Ich interessiere mich für die Leute, mit denen ich spreche”

Kino Keanu Reeves gilt als einer der am härtesten arbeitenden und umgänglichsten Schauspieler in Hollywood. Nach fast 20 Jahren ist er wieder in einem Matrix-Film zu sehen. Ein Gespräch über Kunst, Trauer und den Kampf gegen die vergehende Zeit
Wenn er spricht, klingt er oft so nachdenklich, wie er guckt
Wenn er spricht, klingt er oft so nachdenklich, wie er guckt

Foto: Neilson Barnard/Getty Images

Keanu Reeves schlägt die Hände vor dem Gesicht zusammen und schüttelt den Kopf so wild, dass die langen, tiefschwarzen Haarsträhnen hin und her fliegen. Der 57-jährige Schauspieler kommt dieser Tage in einem neuen Matrix-Film ins Kino. Es ist seit vielen Jahren die erste neue Fortsetzung der berühmten Science-Fiction-Serie, die als visuell fantastische Trilogie – Matrix, Matrix Reloaded und Matrix Revolutionen – um die Jahrtausendwende das Blockbuster-Kino revolutionierte. Ich hatte ihm gerade erzählt, was für ein unvergessliches Erlebnis der erste Matrix-Film 1999 für mich war, den ich in einem vollen, lauten Kino voller Leute sah, die vor Aufregung nicht stillsitzen konnten. Wenn Matrix Resurrections auf verschiedenen Plattformen rauskommt, werde ich ihn dagegen wohl zuhause streamen, wahrscheinlich auf einem Laptop.

Ich erzählte ihm das eigentlich nur, um das Gespräch über Hollywood im Jahr 2021 anzuregen, einer merkwürdigen Zeit für das Showbusiness, in der Corona-Vorsichtsmaßnahmen und Fortschritte der Streaming-Technologie dafür sorgen, dass viele Filme parallel zum Kinostart auch zuhause zur Verfügung stehen. Aber vielleicht empfindet Reeves tiefer als die meisten, jedenfalls bittet er mich durch dämpfende Finger hindurch inständig: „Mann, streamen Sie diesen Film nicht… Bitte tun Sie’s nicht!“

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Das Gespräch findet via Zoom statt, über mehrere Zeitzonen – es ist Abend bei mir in London und Morgen bei ihm in Los Angeles. Dabei ist Reeves explizit kein Morgenmensch. Als junger Schauspieler sagte er seinen Agenten, wenn sie wollten, dass er eine Rolle kriege, dürften sie ihn nicht zu Vorsprechterminen vor 11 Uhr vormittags schicken. Mir fällt auf, dass es an der Westküste gerade mal 10 Uhr ist. Zudem ist er noch nicht lange von einem Filmdreh in Paris zurück, was seine leicht angeschlagene Stimmung vielleicht noch verstärkt. Heute Morgen hat ihn sein Jetlag um 6 Uhr geweckt. Danach hat er einen Kaffee getrunken, eine Banane gegessen, eine American Spirit Blue geraucht und sich wie üblich ein schwarzes T-Shirt, eine schwarze Jeans und schwarze Schuhe angezogen. Und gerade ist er in einem Zoom-Call mit mir, starrt zwischen seinen Händen hindurch und fragt: „Sind Sie verrückt? Sie wollen den neuen Matrix auf einem Laptop streamen?“

Ein Funken Exzentrismus

Seine Tirade geht weiter, wird lauter („Mein GOTT, Mann”) und exzentrischer („Ich stehe kurz davor, Ihnen ein Kino zu buchen, Thomas“) bis ein leichtes Lächeln in seinen Augen mir klarmacht, dass Reeves mich auf den Arm nimmt und das schon die ganze Zeit. Sein Haar steht seltsam nach allen Seiten ab, nachdem er es sich so lange gerauft hat. Er schlägt sich leicht auf die Knie, lächelt und sagt milde: „Ich meine, sicher, streamen Sie ihn, wenn Sie müssen”.

Man sieht: Reeves Art sich auszudrücken ist ein bisschen exzentrisch, sprüht vor Unsinn gemischt mit Ernsthaftigkeit. Er kombiniert die Leichtigkeit einer kanadischen Pokerface-Ironie (er ist in Toronto aufgewachsen) mit einer wohlerzogene Reserviertheit, geerbt von seiner Mutter (sie ist in Hampshire an der englischen Südküste aufgewachsen). „Meine Mutter hat eine englische Förmlichkeit an sich und das ist Teil von mir“, erklärt er. Freunde sagen von ihm, er höre erst zu und rede dann. Definitiv beherrscht er Tricks des passiven Konversationmachens. Er hat kein Problem damit, eine Redepause stehen zu lassen. Nach einer Aussage wiederholt er sie manchmal nochmal zu sich selbst in einem Ton, als wolle er prüfen, ob er nichts Falsches gesagt hat. Er nimmt sich Zeit, nachzudenken. Auf die Frage, was für ihn einen guten Zuhörer ausmacht, ist er so lange regungslos, dass ich schon denke, die Zoom-Verbindung sei unterbrochen. Dann antwortet er: „Wirkliches Interesse. Ich interessiere mich für die Leute, mit denen ich spreche. Sie bedeuten mir etwas.”

Reeves Eltern lernten sich an einem Strand in Beirut kennen. Das war in den 60ern. Beide waren ungebundene junge Reisende. Seine Mutter Patricia hatte England bewusst verlassen. Sein Vater Samuel war ein Hawaianer mit chinesischen Wurzeln. Nach Reeves Geburt 1964 zog die Familie nach Australien und als seine Eltern sich trennten, nahm seine Mutter ihn und seine jüngeren Geschwister mit nach New York und schließlich Toronto. Sie arbeitete als Kostümbildnerin. „Meine Mutter hatte ein Atelier“, erinnert sich Reeves. „Am Wochenende sammelte ich dort Nadeln zusammen und machte sauber, um mir Taschengeld zu verdienen.“ Eine bedeutende Beziehung zu seinem leiblichen Vater hatte er nie. Aber es gab einen Stiefvater, Patricias zweiten Ehemann Paul Aaron, der eine wichtige Rolle für seine Einführung ins Filmgeschäft spielte.

„Ich war vielleicht 15? Die Sommerferien standen an. Und als Elternteil sagt man sich dann, so, was machen wir mit dem Jungen über den Sommer? Ach ich weiß, wie wäre es mit Produktionsassistent bei einem Film!” Aaron war ein Regisseur, der gerade begann, einen kitschigen Actionfilm namens A Force of One mit Chuck Norris zu drehen. (Die deutsche Fassung erhielt den brillanten Titel Der Bulldozer.) Reeves jobbte als Teil der Crew. Er holte Sachen. Er hielt die Menge bei Außendreharbeiten in Schach. Stolz erinnert er sich daran, Hollywood-Legende Claudette Colbert eine Sprite serviert zu haben. Vor allem habe er viel mitgekriegt: „Ich beobachtete die Helfer bei den Dreharbeiten genauso wie die Schauspieler:innen. Ich sah, wie ein Filmset wirklich funktioniert, die Einsatzpläne, den Generator, das Licht, die Mittagspausen.”

Bei einem Film müssen alle mit anpacken

Reeves Hauptaufgabe war es, Eimer mit Eis zu schleppen, um alle Getränke und Snacks am Set kalt zu halten. Als ich frage, ob sich diese Aufgabe je erniedrigend angefühlt hat, verzieht er nur das Gesicht und protestiert. „Ach nein, ich könnte jetzt sofort anfangen, Eis zu schleppen. Bei einem Film müssen alle mitanpacken. Ich liebe es, wenn alle mit anpacken.“ In der Tat gibt es viele Berichte über Reeves' positives Verhalten am Filmset (kürzlich tauchten Bilder im Internet auf, die zeigten, wie er bei den Dreharbeiten in Paris schweres Gerät einen Hügel hinaufrollte) und auch glaubwürdige Zeugnisse seiner alltäglichen Großzügigkeit. Heimliche Spenden für wohltätige Zwecke. Mitfahrgelegenheiten für gestrandete Fremde. Sandra Bullock sagte kürzlich über Reeves: „Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der etwas Schreckliches über ihn zu sagen hat.“

Nach der Erfahrung bei The Force of One schrieb er sich in einer Schauspielschule in Toronto ein. „Ein Jahr lang“, schiebt er schnell hinterher. „Dann ließen sie mich nicht mehr zurückkommen.“ Hatte er sich falsch verhalten? „Ich sage immer: künstlerische Differenzen mit dem Schulleiter“, erklärt er. Und was war wirklich los?

Reeves zuckt mit den Schultern. „Es war nicht ganz einfach mit mir umzugehen. Ich war einer, der ‚Warum' fragt oder ‚Wie kommt das?'“

Zu diesem Zeitpunkt arbeitete Reeves schon als Schauspieler, bezahlt (Cornflakes-Werbung) und unbezahlt (Community-Theater). „Ich wohnte im Haus eines Freundes und hatte genug Geld. Mit 20 verließ ich Toronto und fuhr nach Hollywood.“ Er ging zu Vorstellungsgesprächen (mit besserem Erfolg bei denen nach 11 Uhr morgens) und bekam einige gute kleinere Rollen, insbesondere neben Dennis Hopper in Das Messer am Ufer im Jahr 1986. Ab 1988 ging es steil bergauf: Er spielte unter anderem denkwürdige Rollen in Gefährliche Liebschaften und Eine Wahnsinnsfamilie und an der Seite seines Freundes Alex Winter in der ersten von drei Bill & Ted-Komödien.

Ich frage Reeves, wie es ist, ein Warum?- und Wie kommt's?-Typ zu sein, wenn man auch Schauspieler ist, der arbeiten muss. Wie ist es bei seinem starken Bedürfnis, Autoritäten in Frage zu stellen, sich dem Willen allmächtiger Regisseure zu unterwerfen?

„Mir“, sagt er, „geht es bei der Arbeit darum, das ‚Warum?' und das ‚Wie kommt es dazu?' herauszufinden. Man geht eine Zusammenarbeit mit einem Regisseur ein, um diese Antworten zu erhalten. Wenn man sich nicht einig ist, wenn es zu Konflikten kommt – und ja, es gab Situationen, in denen meine Beziehung zum Regisseur problematisch war, ich war vielleicht manchmal emotional unreif, ich habe vielleicht ein paar Mal ‚Fuck’ geschrien – aber glücklicherweise gab es davon nur wenige Fälle. Die Namen dieser Filme werde ich übrigens nicht nennen."

Unmöglich zu erraten, welche Filme er meint; gemacht hat er viele. Point Break mit Patrick Swayze. My Private Idaho mit River Phoenix. Er war der Bösewicht in Viel Lärm um nichts und der strahlende Retter von Winona Ryder in einem Dracula-Remake. All diese Rollen drängten sich in einem atemberaubenden Zeitraum von 24 Monaten zwischen 1991 und 1993. Er arbeitet viel. Daher überlappen sich Projekte häufig.

Kunst kann auch enttäuschen

Einige Jahre später begann die Arbeit an der Matrix-Trilogie, deren Produktion bis 2001 andauerte. Der erste Matrix war ein uneingeschränkter Hit. Er spielte in den Kinos weltweit rund 350 Millionen Euro ein, verkaufte sich in Rekordzahl auf DVD und veranlasste die New York Times zu einem Artikel mit dem Titel „Wie Matrix die Regeln das Actionfilms verändert hat“. Danach folgten zwei Fortsetzungen, wobei Reeves keine Ahnung hatte, was die Regisseurinnen Lana und Lilly Wachowski – damals noch Wachowski-Brüder – für die weitere Geschichte im Sinn hatten. Im Nachhinein deuteten sie an, die in der Trilogie erzählte Geschichte über die Suche nach der eigenen Identität, den Widerstand gegen Unterdrückung und Konventionen, sei eine Allegorie auf die Erfahrungen von Transsexuellen. Reeves erkannte das damals nicht. Nicht viele Leute taten das. In jedem Fall ist er stolz auf seine Arbeit mit den Wachowskis. Kunst gehört seiner Ansicht nach in erster Linie ihren Schöpfer:innen und man müsse sein Bestes tun, um ihre Absichten zu würdigen.

Ich wünschte, er wäre vor zwei Jahrzehnten da gewesen, um etwas so Weises zu mir zu sagen, als ich mir die zwei Matrix-Folgefilme anguckte. Meine Seherfahrung durchlief Phasen – Aufregung, dann Panik und Langeweile – und mündete schließlich in tiefer Enttäuschung. 1999, als ich 17 war, hielt ich den ersten Matrix für den am wenigsten langweiligen Film, der je gemacht wurde. Immer wieder fragte ich mich, wie die Geschichte weitergehen könnte. 2001 mit 19 erlebte ich durch die Fortsetzungen erstmals einen Eindruck davon, wie Kunst enttäuschen kann: Wie unmöglich es ist, dass etwas, das man sich so sehr vorgestellt hat, den eigenen enormen Erwartungen gerecht wird.

Als ich Reeves davon erzähle, zeigt er Verständnis. Der dritte Star Wars-Film sei seine eigene große Enttäuschung gewesen, erzählt er. Auch er war 19, als Die Rückkehr der Jedi-Ritter herauskam. „Ich war so gespannt, was sie machen würden... Und dann dachte ich: ‚Oh nein. Oh nein.’” Reeves räuspert sich. „Also, ich verstehe das und kenne die Erfahrung als Zuschauer. Aber ich versuche, Filme so sein zu lassen, wie sie sind. Ich versuche zu verstehen, worauf die Macher abzielen. Es ist ihr Kunstwerk. Ich versuche ihre Kunst zu nehmen, wie sie ist.”

Schön gesagt, ähnlich wie Reeves’ wunderbare Beschreibung des Zeitverlaufs in den Jahrzehnten seiner Karriere nach Matrix. Jedes Jahr scheine ein bisschen schneller zu vergehen als das letzte, was ihn immer an das Abspielen einer Tonkassette erinnere. „Wenn man jung ist", sagt er, „ist noch viel Band auf der Spule. Und so scheint sie sich langsam zu drehen. Dann vergeht die Zeit, und es ist immer weniger Band übrig. Sie dreht sich schneller und schneller."

Poesie der Trauer

Seine Fähigkeit, ökonomisch und elegant mit Worten umzugehen, hat Reeves gelegentlich dazu genutzt, Gedichte zu veröffentlichen. 2011 und 2016 arbeitete er mit der US-amerikanischen Künstlerin Alexandra Grant für zwei Buchprojekte zusammen, die Zeilen seiner traurigen Verse mit Grants ungewöhnlichen Zeichnungen beziehungsweise Fotografien kombinieren. Ein Hollywood-Star, der ein solches Risiko auf sich nimmt und seinen Namen mit Poesie verbindet, muss auf Interesse und auch Skeptizismus seitens der Öffentlichkeit gefasst sein. Seit bekannt geworden ist, dass Reeves und Grant eine Beziehung führen, hat das die Faszination der Bücher noch verstärkt. Doch die Art und Weise, wie er über seine Gedichte spricht – ohne Scheu, aber auch ohne Angeberei – lässt sie als natürlichen Ausdruck für einige schwierige Erfahrungen in seinem Leben erscheinen.

Als er Mitte dreißig war, verloren Reeves und seine damalige Freundin ihr Kind zu einem späten Zeitpunkt in der Schwangerschaft. Die Freundin starb später selbst bei einem tragischen Unfall. Weitere Trauerfälle folgten, unter anderem der Verlust seines Feundes River Phoenix 1993. („Er war ein besonderer Mensch“, sagte Reeves kürzlich über Phoenix. „So originell, einzigartig, clever, talentiert, wahnsinnig kreativ. Nachdenklich. Mutig. Und witzig. Und dunkel. Und hell.”)

Der 2016 erschienene Gedichtband Shadows sei der Versuch gewesen, die Trauer nach außen zu tragen, „die Trauer in Kontext zu setzen, sich von ihr inspirieren zu lassen, sogar etwas Gutes darin zu finden… Die Trauer freizusetzen und nicht in ihr gefangen zu sein... Es brachte die Dinge einfach in eine neue Form, die ich mit mir tragen oder bei mir haben kann.”

Sich mit den traurigen Gefühlen noch einmal zu beschäftigen und sie in Verse zu bringen, erlebte er klar als Katharsis. Über die Frage, ob ihn das auch emotionale Kraft gekostet hat, denkt er lange nach. „Ja, aber ich hoffe, dass ich genug Reserve habe, um diese Kosten zu bezahlen.“

Dann sprechen wir wieder über seine Arbeit. Im vergangenen Jahrzehnt habe er „so viel schaffen wollen wie möglich, bevor das Band abgelaufen ist“, erzählt er. „Wie alt bin ich jetzt? 57? Als ich vierzig wurde, hatte ich diese Vorstellung, noch möglichst viel Kreatives aus mir herauszuholen.“ Das bedeutete zwei oder drei Filme im Jahr, vom Apocalypse-Blockbuster (Der Tag, an dem die Erde stillstand von 2008) über Samurai-Thriller (47 Ronin in 2013) bis hin zu einer Komödie, in der er eine animierte Katze spricht. Zwischen alledem führte Reeves zum ersten Mal selbst Regie, den 2013 veröffentlichten Kung-Fu-Film Man of Tai Chi. Kurz: Er war wirklich viel beschäftigt.

Schießen. Schießen. Ein bisschen still liegen

Sein wahrscheinlich wichtigster Film aus dieser Zeit ist John Wick, der 2014 ins Kino kam. Der unverhohlene Kampffilm entstand in Zusammenarbeit mit Reeves’ früheren Stuntkollegen bei Matrix, Chad Stahelski und David Leitch. Ihr Konzept war so einfach, wie effektiv: Was wäre, wenn alle gezeigten Kämpfe davon begrenzt wären, was Reeves selbst körperlich leisten kann? Heraus kamen Actionszenen von einer unglaublichen, harten, „Man-kann-nicht-weggucken"- Qualität, die wahrscheinlich daraus entsteht, dass ein über 50jähriger sich für unser Filmvergnügen komplett verausgabt. John Wick begeisterte ein unerwartet großes Publikum. „Damals fragte ich mich, ob die Wachowskis ihn gesehen haben und ob er ihnen gefallen hätte“, erzählt Reeves. „Aber ich habe nie nachgefragt.”

Dem Publikum jedenfalls gefiel, was es sah, und zwei John Wick-Fortsetzungen folgten. Weitere sind für 2022 und 2025 geplant. Unterdessen ist Reeves zur Zusammenarbeit mit zumindest einer der Wachowski-Geschwister zurückgekehrt: für den neuen Matrix-Film führt Lana Regie.

Vom Dreh des ersten John Wick, als das Budget am knappsten war, wird folgende Anekdote erzählt: Die Stuntmännern und -frauen, gegen die Reeves in den langen Action-Szenen kämpft, spielten nach ihrer Besiegung tot, lagen eine Minute still, standen auf und verschwanden kurz hinter der Kamera, um dann wieder und wieder getötet zu werden. Mir fällt plötzlich auf, dass Reeves lange, ungewöhnliche und meandernde Karriere ein bisschen ähnlich verlief. Schießen, schießen. Ein bisschen still liegen. Wieder schießen.

Zum Schluss des Gesprächs komme ich nochmal auf Reeves’ schöne Analogie mit dem Band zurück, das immer schneller abrollt. Ist sein regelmäßiges, unerbittliches Arbeiten ein Versuch, das Vergehen der Zeit zu verlangsamen? Ernst hört er sich die Frage an, blickt zur Seite, während er überlegt, und wiederholt dann die Antwort dreimal. „Es verlangsamt die Zeit nicht. Es verlangsamt die Zeit nicht. Es verlangsamt die Zeit nicht.“ Als hätte die Wiederholung ihn zum Ergebnis gebracht, seufzt er: „Wenn überhaupt, dann vergeht alles schneller.“

Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

Tom Lamont | The Guardian

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