Von Toten nur Gutes

Pop-Legende Michael Jackson musste erst sterben, um wieder als genialer Musiker wahrgenommen zu werden. Zugleich hat eine gigantische Verwertungsmaschinerie eingesetzt

Fast könnte man meinen, Michael Jackson sei überhaupt nicht von uns gegangen, denn schon lange war er nicht mehr so erfolgreich. Nur wenige Monate nach seinem Tod am 25. Juni dieses Jahres hat der King of Pop eine neue Single auf dem Markt, ein großer Film über ihn kommt in die Kinos und neue Berichte über sein Leben füllen die amerikanischen Buchhandlungen.

Es scheint, als sei die Zeit der Trauer um den frühzeitig, allem Anschein nach an einer Überdosis Schmerzmittel Verstorbenen endgültig vorbei. Paradoxerweise wird ihm nun der Erfolg zuteil, der ihm in seinen letzten Lebensjahren verwehrt geblieben war. Nur wenigen Stars war bislang ein so prominentes Nachleben vergönnt. Sein Lied This is It läuft auf allen Radiostationen.

Der Film über die Vorbereitungen für seine geplante Comeback- bzw. Abschiedstour könnte zu einem der größten Erfolge aller Zeiten werden. Einige prognostizieren dem bereits für vier US-amerikanische Musikpreise nominierten Streifen, er werde innerhalb der ersten fünf Tage bereits 250 Millionen Dollar einspielen. Ein halbes Dutzend Bücher wurden bereits veröffentlicht oder stehen in den Herbstprogrammen der Verlage. Zu Halloween könnte dieses Jahr die beliebteste Verkleidung die des King of Pop sein.

This is It – der Film

„Außer für seine allergrößten Fans ist die Zeit der Trauer vorbei und er findet Eingang in die Liste großer Namen wie Frank Sinatra oder Elvis. Jetzt dreht sich alles um seine Hinterlassenschaft. Natürlich steckt da auch jede Menge Geld drin“, sagt Professor Dann Pierce, Experte für Pop-Kultur an der Universität von Portland. Nichts verdeutlicht dies besser als die Begeisterung für den Film This is It. Nikki Finke, der Gründer der Deadline-Website und einer von Los Angeles' bekanntesten Journalisten, gab bekannt, dass der Konzertveranstalter AE, mit dem Jackson seine Comeback-Tour geplant hatte, mit einer Viertelmilliarde Dollar an Einnahmen durch Kartenverkäufe rechnet.

Manchen mag diese Zahl zu optimistisch und geradezu lächerlich erscheinen. Aber die Vorverkäufe sind bereits enorm – tausende Kinos in den USA und weltweit sind bereits im Vorfeld des Kinostarts am 28. Oktober ausverkauft, wo er in atemberaubenden 3.000 amerikanischen und 8000 weiteren Kinos weltweit gleichzeitig anlaufen wird.

„Es wäre schon sehr außergewöhnlich, wenn er so schnell 250 Millionen einspielen würde. Unmöglich ist es aber nicht“, sagt Finke. „Er ist beliebt in Asien, er ist beliebt in Europa. Er ist an vielen Orten beliebt, von denen wir überhaupt nichts wissen. Ein derartiger Film sucht seinesgleichen.“ Inhaltlich besteht er aus Videomitschnitten bei den Vorbereitungen für Jacksons Comeback-Tour und zeigt den Star beim Einstudieren seiner berühmten Tanz-Choreographien, beim Zusammenstellen der Show und Proben mit seinen Backup-Tänzern und Sängern.

Der Film soll nur zwei Wochen lang laufen, um so so viel Aufmerksamkeit wie möglich auf sich zu ziehen. Was genau letztendlich zu sehen sein wird, ist ein wohlbehütetes Geheimnis. Die mehr als 100 Stunden bislang unveröffentlichten Filmmaterials sind vom zuletzt eher negativen Image des lebenden Jackson unbelastet. Es versteht sich von selbst, dass mit dem Film auch ein Album mit den Liedern erscheinen wird, die auf der Playlist der Tournee standen. Wie der AEG-Vorsitzende Randy Phillips nach Jacksons Tod sagte: „Er war zu Lebzeiten unser Partner und nun ist er dies auch im Tode.“

Michaels Reste-Rampe

In der Woche nach seinem Tod gaben Menschen rund um den Globus Zehnmillionen von Dollar für seine alten Lieder aus und sorgten damit für die Liquidität eines Unternehmens, von dem gemunkelt worden war, es befinde sich in großen finanziellen Schwierigkeiten. Gleiches gilt für die Bücher – neue wurden geschrieben, alte neu aufgelegt und überarbeitet. Eines von ihnen – The Michael Jackson Tapes – verkaufte sich 400.000 Mal. Es besteht aus Abschriften von Tonbandaufnahmen, die ein Rabbi aus New Jersey in den Jahren nach 1999 von Gesprächen mit Jackson gemacht hat.

Um sich gut zu verkaufen, ist in diesem Fall nicht unbedingt Qualität vonnöten. Seine aktueller Song wurde offensichtlich während der Sessions für das 1991er Album Dangerous eingespielt, erschien dann aber aller Wahrscheinlichkeit nach aufgrund seiner eher durchschnittlichen Qualität nicht auf der Platte. Kritische Besprechungen waren ausgesprochen zurückhaltend. Aber das Stück verkauft sich so gut, dass Sony sich weigert, es als Single zu verkaufen und stattdessen auf eine CD mit mehren anderen Lieder packt, um die Erträge zusätzlich zu steigern.

Was das unveröffentlichte Material des Künstlers angeht, dürfte es sich bei dem Song allerdings lediglich um die Spitze des Einsbergs handeln. In Anbetracht seiner langen Karriere dürfte es noch viele unveröffentlichte Lieder geben, die in den Katakomben der Tonstudios im Dornröschenschlag liegen – manche Schätzungen gehen von Hunderten aus.

Die Wiederentdeckung des Musikers

Aber trotz allen Hypes, der ganzen Geldmacherei und der anhaltenden juristischen Auseinadersetzungen um sein Vermögen und das Sorgerecht für seine Kinder, hat mit Jacksons Tod ein fundamentaler Wandel seiner kulturellen Wahrnehmung eingesetzt. Zu Lebzeiten hatten sein bizarrer Lebenswandel und seine Rechtsstreitigkeiten lange seine musikalischen Leistungen und seinen Beitrag zum kulturellen Leben der USA überschattet. Lange Jahre galt er mehr als popkultureller Witz denn als musikalisches Genie.

Geschichten über seine zurückgezogene Peter-Pan-Existenz auf der Neverland-Ranch bestimmten die Schlagzeilen über ihn. Seine durch zahlreiche Schönheitsoperationen veränderte Erscheinung machte ihn zum Gegenstand von Witzen und allerhand Gerüchten. Seine Gerichtsverfahren machten ihn zum Außenseiter und führten zu Spekulationen über seine Sexualität.

Sein Tod hat den Blick auf sein musikalisches Talent wieder freigegeben. Heute kichert niemand mehr oder schaut amüsiert drein, wenn Kritiker Jackson im selben Atemzug mit anderen Musiklegenden wie Elvis, Buddy Holly, Jim Morrison oder John Lennon nennen. Sein Ansehen in der Öffentlichkeit ist enorm gestiegen. Gegen Ende des Monats werden Veranstaltungen mit dem Titel Thrill the World zu ehren eines seiner größten Songs Thriller stattfinden.

In mindestens 400 Städten rund um den Globus, von Kodiak in Alaska bis zum chinesischen Qingdao, werden sich am selben Tag Menschen zusammenfinden, um Tanz-Nummern des Thriller-Videos zur Aufführung zu bringen. Die Organisatoren hoffen, dass 270.000 Menschen an dieser bemerkenswerten Ehrung des Stars teilnehmen werden. Nur wenige andere – ob tot oder lebendig – konnten je hoffen, Menschen zu so etwas zu inspirieren.

„Es gibt nur sehr wenige, die es in Sachen Songwriting und Performance mit ihm aufnehmen können“, sagt Pierce. Vielleicht besteht gerade hierin die ultimative Tragödie seines Lebens. Es fällt schwer, keine Sympathie für einen einsamen Menschen zu empfinden, der sein ganzes Leben in erbarmungslosem Scheinwerferlicht verbracht hat und der erst sterben musste, damit die Leute seine dunkle Seite vergessen und ihn wieder um seiner Musik willen lieben.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

16:15 19.10.2009
Geschrieben von

Paul Harris, The Observer | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14662
The Guardian

Ausgabe 42/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare