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Independent-Pornos Unabhängige Regisseurinnen drehen Pornos für Frauen. Catalina May hat einige der Filmemacherinnen getroffen – und die Unterschiede zum Mainstream-Porno gesucht

Anna Arrowsmith (alias Anna Span) dreht seit 12 Jahren Pornos – was ihre Kandidatur für die Liberaldemokraten bei den jüngsten Parlamentswahlen in Großbritannien zu einer recht kontroversen Angelegenheit machte. „Nicht mein Ding“, kommentierte der damalige Spitzenkandidat und heutige Vizepremier Nick Clegg. Dabei macht Arrowsmith keine gewöhnlichen Mainstream-Pornos, sondern independent porn für Frauen. Es gibt eine ganze Reihe von Frauen, die von Mainstream-Pornos genug und auch keine Lust mehr haben, diese zu kritisieren, ohne eine Alternative anbieten zu können – und die deshalb die Pornos machen, die sie selbst gerne sehen würden.

In ihnen kommen keine geilen Schulmädchen, verdorbenen Krankenschwestern, nymphomanischen Kindermädchen oder verzweifelten Hausfrauen vor, und man sucht auch vergebens nach Mafiosi, Cognac trinkenden Multimillionären, Zuhältern, Drogendealern oder Sexmaschinen mit Übergröße.

„Es ist ein Vorurteil, dass Frauen keine Pornos mögen“, sagt Erika Lust, eine weitere Porno-Regisseurin. „Sexuelle Bilder törnen einen an. Pornos seien nur zu lange nur von Männern für Männer gemacht worden. In den Mainstream-Pornos dreht sich alles nur um männliche Lust, und die Frauen sind nur Objekte. Oralsex bei Männern kann unendlich lange dauern, wenn aber die Frauen an der Reihe sind, dauert er gerade einmal zehn Sekunden. Weibliche Orgasmen sind in den meisten Filmen überhaupt kein Thema. Und meistens werden Frauen als Prostituierte dargestellt. Das ist schon ziemlich traurig.“

Lust hat drei Porno-Filme gedreht und drei Sexbücher geschrieben. Auf ihrer Website erklärt sie: „Wir machen Filme für Erwachsene, veröffentlichen erotische Bücher und Magazine. Unsere Arbeiten handeln von Sex, Lust und Leidenschaft. Wir genießen es, Sie und uns anzuregen. Wir machen Liebe, keine Pornographie. Und wir tun dies mit einem femininen, ästhetischen und innovativen Zugang.“

Männliche Objekte

Nachdem sie zehn Jahre als Fernsehproduzentin und Regisseurin gearbeitet hatte, begann Petra Joy damit, „Art-Core“-Filme zu drehen. Sie sagt: „Frauen haben noch viel nachzuholen. Zuerst hatten wir die Revolution auf dem Gebiet des Sexspielzeugs: keine riesigen Gurken mehr, sondern vergoldete Mini-Vibratoren, die sich perfekt für die Stimulation der Klitoris eignen. Mit der Porno-Revolution kommt jetzt die zweite Welle: Pornos von Frauen für Frauen, die sich auf weibliche Lust konzentrieren und deren Objekte männlich sind.“

Diese Regisseurinnen sind nur drei von vielen. Ihre Filme weisen verschiedene Stile auf: Lusts Filme sind modern und urban, Joys visuell und sinnlich, Arrowsmiths ein wenig mehr hardcore. Sie weisen aber auch Gemeinsamkeiten auf, an denen sich ablesen lässt, wie dieser neue Zweig der Porno-Industrie funktioniert.

Zunächst einmal sind alle drei Frauen gebildet. Lust hat an der Universität von Lund Politikwissenschaften studiert, Joy hat in Köln einen Master in Filmgeschichte gemacht, und Arrowsmith hat am Londoner Central Saint Martins Kunst studiert. Sie machen Pornos, weil sie es sich ausgesucht haben, nicht, weil sie keine anderen Möglichkeiten hätten. Sie alle sind als Produzentinnen unabhängig und verteilen ihre Filme hauptsächlich über das Internet. Sie legen besonderen Wert auf Ästhetik, Musik, die Locations, Schauspieler und Geschichten. Am wichtigsten ist ihnen aber die Frage, was Frauen brauchen, um Pornos genießen zu können.

Joy sagt: „Frauen sehen gerne, wie eine Erregungskurve entsteht, und möchten gerne verstehen, warum diese Menschen Sex miteinander haben und was sie anturnt. Frauen wollen glaubwürdige weibliche Darstellerinnen sehen, die echten Spaß haben und keine Porno-Klone mit falschen Nägeln, Haaren und Busen, die vor der Kamera nur so tun. Um erregt zu werden, wollen Frauen etwas sehen, das so aussieht wie wir selbst. Wir wollen unabhängige Frauen sehen, die ihre Sexualität erforschen, keine Angst haben, aber auch keine Sex-Göttinnen sind. Wir wollen attraktive Männer sehen, die unseren Lifestyle und unsere Vorstellungen teilen.“

Die Frauen stellen sicher, dass sie nur mit Leuten zusammenarbeiten, die in erotischen Filmen mitspielen wollen und man nur wirkliche Lust zu sehen bekommt. Lust sagt: „Ich möchte, dass hier Leute mit einer offenen Sexualität arbeiten. Ich will nicht, dass irgendjemand das tut, weil er keine andere Möglichkeit hat. Ich will, dass sie während des Drehs guten Sex haben, und es ist meine Aufgabe, die richtigen Bilder zu finden. Für mich bedeutet das große Anspannung, denn die Dinge passieren nur einmal, und es ist daher ein Augenblick großer Kraftanstrengung. Wir feiern da hinter der Kamera keine Party.“

Mainstreammarkt in der Krise

Alison Lee hat 2006 die Feminist Porn Awards ins Leben gerufen, die in diesem Jahr vom 13. bis 15. April in Toronto stattfinden. „Wir wollten Leute feiern, die auf feministische Art und Weise Pornos machen und helfen, sie einem größeren Publikum bekannt zu machen. Zu unserem sechsen Geburtstag erwarten wir viele Stars und freuen uns auf ein unglaublich lustiges Event. Wir wollen auch einen stärkeren Fokus auf Websites und Online-Pornografie legen, als wir dies in der Vergangenheit getan haben.“

Alle drei Frauen haben in jüngster Zeit Preise in verschiedenen Kategorien gewonnen. In diesem Jahr ist Lust für ihren aktuellen Film Life, Love, Lust and Span for Sex Experiments: Bisexual Scenes and Sex Interviews ausgezeichnet worden. Die Filme der drei werden auch auf Dusk! gezeigt, dem niederländischen Porno-Kanal, der seit 2007 rund um die Uhr, sieben Tage die Woche feministische Pornos ausstrahlt und für 1, 2 Millionen Zuschauer zu empfangen ist.

Während der Markt für unabhängige feministische Pornos wächst, befindet sich der Mainstream-Porno in der Krise. Patrick Kwasniewski arbeitet an der Universität Klagenfurt im Bereich Gender- und Queer studies. Gegenwärtig recherchiert er für seine Doktorarbeit über feministische Pornos. Er sagt: „Die Entwicklung dieses Zweigs der Industrie profitiert vom Internet: der direkte Weg zum Konsumenten, die einfacheren Vertriebsmöglichkeiten, ein besser begrenztes Publikum und äußerst profilierte Filme. Während der Mainstream sich Gewinneinbußen gegenüber sieht, weil er seine traditionellen Produktions- und Distributionsformen nicht ändert und repetitive Filme produziert, die auf dem Markt mehr und mehr Schwierigkeiten haben – insbesondere, wenn es im Internet kostenlos so viel mehr gibt.“

Er sagt: „So langsam erkennt die Industrie aber, dass nicht nur Video on Demand den Rückgang bei den DVD-Verkäufen verursacht hat und selbst Männer mittlerweile von Filmen gelangweilt sind, die immer wieder die gleichen Darsteller in den gleichen Studios zeigen, wie sie die gleichen Positionen in der gleichen Reihenfolge durchgehen und dabei gelangweilt aus der nicht vorhandenen Wäsche schauen. Die Leute sind begierig auf mehr Authentizität, Abwechslung und Genuss.

Müssen Frauen Stereotypen überwinden?

Teil dieser veränderungsresistenten Industrie zu sein, war für weibliche Filmemacher nicht immer leicht. Ihre männlichen Kollegen sind über ihre Existenz nicht unbedingt erfreut. „Porno-Regisseure sind in der Regel heterosexuelle Typen in mittleren Jahren, die alle den gleichen kulturellen Background haben. Sie mögen es nicht, wenn ich sage, ich mache Pornos für Frauen. Sie sagen, ihre Pornos seien für jedermann und ich sei diejenige, die 'beschränkt' sei. Ich kann mit ihnen keine intellektuelle Diskussion führen, weil sie meine Argumente nicht nachvollziehen können. Was ich mache, ist: die Art von Pornografie zu kritisieren, die sie seit zehn Jahren machen und eine Alternative anzubieten.“

Es gibt keine verlässlichen Zahlen darüber, wer sich diese Filme ansieht. Es gibt allerdings ein paar wissenschaftliche Studien, die einige Informationen liefern. Verena Chiara Kuckenberger forscht an der Universität Graz zu Genderfragen und hat im Rahmen ihrer Forschungsarbeit über Frauenpornos auch einige Daten über die Konsumenten erhoben. Sie sagt: „Die Untersuchungen legen nahe, dass Frauen sich nicht so sehr für Pornografie interessieren wie Männer. Man muss dies aber in einen größeren Kontext stellen: Es gibt bestimmte Rollenhefte für weibliche und männliche Sexualität, und in einem von ihnen steht, dass Frauen beim Zugucken nicht so viel Genuss empfinden wie Männer. Historisch ist der Blick männlich, während Frauen die Objekte sind, auf die der Blick sich richtet. Um zugeben zu können, dass es ihnen Spaß macht, sich Pornos anzusehen, müssen Frauen die Stereotypen über weibliche Sexualität überwinden. Es gibt Frauen, die sich keine Pornos ansehen wollen, aber ich glaube, das potenzielle weibliche Publikum ist größer als bisher allgemein angenommen, und es nimmt weiter zu, da unsere Gesellschaft geschlechterspezifische Stereotypen grundsätzlich immer mehr überwindet.“

Vor dem Hintergrund all dessen fragte ich Arrowsmith, was sie über die Kontroverse über ihre Arbeit denkt. Sie sagt: „Presse, Leser und die allgemeine Öffentlichkeit haben sehr positiv reagiert. Jetzt möchte ich meine politische Arbeit mit meiner Arbeit in der Porno-Industrie verbinden. Ich werde für die Rechte von Sexarbeitern eintreten und Frauen ermutigen, für das einzutreten, was ihnen zusteht.“

Übersetzung: Holger Hutt

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Ihre Freitag-Redaktion

15:35 30.03.2011
Geschrieben von

Catalina May | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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