Vor den Toren des Schlachthofs

Sozialpsychologie Der grüne Konsumismus appelliert an die falschen Werte - und schmälert so die Erfolgsaussichten künftiger Kampagnen für ein besseres Leben

Hier sind wir nun also und stehen brav in einer Reihe vor den Toren des Schlachthofs an. Die Bestrafung der Armen für die Fehler der Reichen, die Aufgabe des Universalismus, der Abbau des Schutzes durch den Staat: Von ein paar kleinen Protesten abgesehen, konnte uns das bislang nicht dazu bringen, auf die Straßen zu gehen und zu kämpfen.

Die Akzeptanz politischer Strategien, die unseren Interessen entgegenwirken, ist das beherrschende Mysterium des 21. Jahrhunderts. In den USA fordern Arbeiter wutentbrannt, dass es keine staatliche Gesundheitsfürsorge geben soll, wohl aber niedrigere Steuern für Millionäre. In Großbritannien scheinen wir bereit zu sein, die sozialen Fortschritte, für die unsere Vorfahren ihr Leben aufs Spiel setzten, ohne Murren zu opfern. Was ist mit uns passiert?

Die Antwort darauf gibt ein neuer Bericht des WWF-Aktivisten Tom Crompton, der zu den interessantesten Veröffentlichungen dieses Jahres zählt. Common Cause befasst sich mit einer ganzen Reihe von faszinierenden Fortschritten, die in jüngster Zeit auf dem Gebiet der Psychologie erzielt wurden. Er enthält meines Erachtens ein Heilmittel gegen den Geruch der Pest, der im Moment für viele von jeder guten Sache ausgeht, vom Sozialstaat bis zum Klimaschutz.

Die progressive Linke, so Crompton, habe lange versessen einem Mythos angehangen, den er das aufgeklärte Modell nennt. Dieses gehe davon aus, dass der Mensch rationale Entscheidungen trifft, indem er Fakten gegeneinander abwägt. Demnach müsse man einfach nur die Daten auf den Tisch legen, um ihn von etwas zu überzeugen: Er wird sie dann dazu verwenden, um zu entscheiden, welche Option am besten seinen Interessen und Wünschen entspricht.

Selbstwert oder Erfolg

Doch eine ganze Reihe von psychologischen Experimenten zeigt, dass es so nicht läuft. Anstatt eine rationale Kosten-Nutzen-Analyse zu erstellen, stimmen wir mit Informationen überein, die unser Selbstbild und unsere Werte bestätigen und lehnen diejenigen ab, die damit kollidieren. Wir passen unser Denken unserer sozialen Identität an, um diese vor allem zu schützen, was sie ernsthaft in Frage stellen könnte. Wenn wir Menschen mit unliebsamen Fakten konfrontieren, müssen wir damit rechnen, dass ihr Widerstand gegen Veränderungen dadurch allenfalls noch stärker wird.

Unsere soziale Identität wird von Werten geprägt, die Psychologen als extrinsisch und intrinsisch bezeichnen. Extrinsische Werte betreffen den eigenen Status und das persönliche Vorwärtskommen. Menschen mit ausgeprägten extrinsischen Werten sind darauf fixiert, wie andere sie sehen. Sie schätzen finanziellen Erfolg, Image und Ruhm. Instrinische Werte betreffen Beziehungen zu Freunden, der Familie und der Gemeinschaft sowie das Selbstwertgefühl. Wer starke intrinsische Werte hat, hängt weniger vom Lob oder der Anerkennungen durch andere Menschen ab. Er hat Überzeugungen, die über sein Eigeninteresse hinausgehen.

Die wenigsten Menschen sind rein extrinsisch oder intrinsisch veranlagt. Unsere soziale Identität setzt sich aus verschiedenen Werten zusammen. Und doch haben psychologische Tests in beinahe 70 Ländern ergeben, dass unsere Werte sich nach bemerkenswert konsistenten Schemata bündeln. Wer eine hohe Wertschätzung für finanziellen Erfolg empfindet, der hat zum Beispiel weniger Mitgefühl, ist stärker manipulativ veranlagt, befürwortet eher Hierarchien und Ungleichheiten, hat stärkere Vorurteile gegenüber Fremden und sorgt sich weniger um Menschenrechte und die Umwelt. Wer hingegen auf ein starkes Selbstwertgefühl wert legt, der hat mehr Mitgefühl und sorgt sich mehr um die Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und die Umwelt. Diese Werte verdrängen sich also gegenseitig: Je stärker die extrinsischen Ambitionen sind, desto schwächer sind die intrinsischen Ziele.

Umbau der Gesellschaft und der Gefühle

Welche Werte wir vertreten, ist nicht angeboren. Sie werden von unserer gesellschaftlichen Umwelt geprägt. Wie die äußeren Umstände, so kann auch die Politik unsere Denkweise verändern, wenn sie unsere Wahrnehmung dessen, was normal und zulässig ist, ändert. Eine kostenlose Gesundheitsversorgung für alle kann zum Beispiel intrinsische Werte verstärken. Wenn wir die Armen davon ausschließen, dann führt das dazu, dass Ungleichheit als normal empfunden wird und extrinsische Werte verstärkt werden. Diese Verlagerung nach rechts begann mit Thatcher und hielt unter Blair und Brown an, deren Regierungen, die auf die Vorzüge des Wettkampfes, des Marktes und des finanziellen Erfolgs setzten, unsere Werte veränderten. Die British Social Attitudes Survey, die seit 1983 (mit Ausnahme von 1988 und 1992) alljährlich die soziale Einstellung der Briten untersucht, zeigt in dieser Periode eine starke Abnahme der öffentlichen Unterstützung für eine Politik, die den Wohlstand umverteilt und gleiche Möglichkeiten für alle schafft.

Dieser Wandel wurde von der Werbung und den Medien unterstützt. Ihre Faszination für die Politik der Macht, ihre Listen der 100 reichsten, mächtigsten, einflussreichsten, intelligentesten oder schönsten Menschen, ihre Besessenheit mit Ruhm, Mode, schnellen Autos und teuren Urlaubsreisen: All das impft den Menschen extrinsische Werte ein. Indem sie ein Gefühl der Unsicherheit und Unzulänglichkeit erzeugen – was das Selbstwertgefühl schwächt – unterdrücken sie die Ausbildung intrinsischer Ziele.

Werbefachleute, die mit einem Heer von Psychologen zusammenarbeiten, sind sich dessen wohl bewusst. Crompton zitiert Guy Murphy, Planungsexperte für den globalen Markt der New Yorker Werbeagentur JWT: „Werber sollten sich selbst als jemanden sehen, der versucht, die Kultur zu beeinflussen; sie sollten Ingenieure der Gesellschaft sein, keine Marken-Manager; sie sollten kulturelle Kräfte beeinflussen, nicht die Anmutung einer Marke.“ Je mehr sie extrinsische Werte fördern, desto leichter ist es, Produkte zu verkaufen. Und auch Politiker aus dem rechten Lager haben instinktiv verstanden, wie wichtig Werte sind, wenn man die politische Landkarte verändern will. Margaret Thatcher hat bekanntermaßen einmal gesagt, die Wirtschaft sei nur die Methode, das Ziel bestehe darin, die Herzen und Seelen zu verändern

Die Konservativen in den USA vermeiden es in der Regel, Fakten und Zahlen zu diskutieren. Stattdessen geben sie den Themen einen Rahmen, der extrinsische Werte anspricht und bestätigt. Und so wird der Raum, in dem progressive Ideen gedeihen können, von Jahr zu Jahr kleiner – aufgrund von Mechanismen, die meist unsichtbar sind und über die kaum gesprochen wird. Die Reaktion der progressiven Linken auf dieses Phänomen ist katastrophal.

Die Fehler des grünen Konsumismus

Anstatt dass wir uns der Verlagerung der Werte entgegenstellen, haben wir danach getrachtet uns anzupassen. Einst progressive Parteien haben versucht Zugeständnisse an diese veränderte öffentliche Haltung zu machen. Dadurch haben sie extrinsische Werte jedoch gebilligt und legitimiert. Viele Grüne und Advokaten der sozialen Gerechtigkeit haben darüber hinaus versucht, die Menschen zu erreichen, indem sie an deren Eigeninteressen appellierten: Durch die Linderung der Armut in der dritten Welt entstünde ein neuer Absatzmarkt für britische Waren, mit dem Kauf eines Hybrid-Autos könne man Freunde beeindrucken und den sozialen Status verbessern. Auch diese Taktik bestärkt extrinsische Werte, die Erfolgsaussichten zukünftiger Kampagnen werden dadurch geschmälert. Der Grüne Konsumismus war ein katastrophaler Fehler.

Common Causes schlägt einen einfachen Ausweg vor: Wir sollten aufhören, unsere Werte zu verstecken und sie stattdessen erklären und für sie eintreten. Crompton regt an, dass progressive linke Aktivisten ein besseres Verständnis dafür schaffen müssen, wie die Psychologie politische Veränderungen bedingt – und welche Manipulationen geschehen. Sie sollten sich gemeinsam gegen die Kräfte stellen, die uns unsicher und selbstsüchtig machen – allen voran die Werbeindustrie.

Ed Miliband scheint erkannt zu haben, dass hier Handlungsbedarf besteht. Er erklärte auf dem Labour-Parteitag, er wolle „unsere Gesellschaft verändern, damit sie wieder die Gemeinschaft und die Familie wertschätzt, nicht nur die Arbeit“ und er wolle „unsere Außenpolitik verändern, damit sie stets auf unseren Werten basiert, nicht nur auf Allianzen“. „Wir müssen das alte Denken ablegen und uns für diejenigen einsetzen, die überzeugt davon sind, dass es wichtigeres im Leben als Geschäftsbilanzen gibt“, so Miliband.

Allerdings besteht hier ein Paradox, denn offensichtlich können wir uns nicht darauf verlassen, dass unsere Politiker diese Veränderungen voranbringen. Wer in der Politik Erfolg hat, gehört per definitionem zu den Menschen, die extrinsischen Werten Priorität einräumen. Ihre Ambitionen verdrängen zwangsläufig den Seelenfrieden, das Familienleben und Freundschaften – ja selbst die Nächstenliebe.

Also müssen wir diesen Wandel selbst herbeiführen. Menschen mit starken intrinsischen Werten müssen aufhören, sich ihrer zu schämen. Wir sollten für eine Politik, wie sie unseren Wünschen entspricht, nicht auf der Grundlage ihrer Zweckmäßigkeit argumentieren, sondern damit, dass sie empathisch und gütig ist. Und den anderen ihre Selbstsucht und Härte zum Vorwurf machen. Wenn wir unsere Werte geltend machen, dann werden wir den Wandel bekommen, den wir wollen.

Übersetzung: Christine Käppeler

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

15:35 28.10.2010
Geschrieben von

George Monbiot | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 14114
The Guardian

Ausgabe 29/2021

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare