Stéphane Ravacley: „Humanistischer Bäcker“ will in französisches Parlament

Wahl in Frankreich Vom Hungerstreikenden zum Kandidaten der neuen französischen Linksunion: Stéphane Ravacley will für die Nupes in die Nationalversammlung, um gegen Macron den einfachen Leuten Gehör zu verschaffen
| The Guardian
Stéphane Ravacley bleibt auch im Wahlkampf unübersichtlich Bäcker
Stéphane Ravacley bleibt auch im Wahlkampf unübersichtlich Bäcker

Foto: Sebastien Bozon/AFP via Getty Images

Nach Einbruch der Dunkelheit klopfte Stéphane Ravacley in seiner Bäckerei Butterblöcke mit einem riesigen Nudelholz, um sein Croissant-Gebäck vorzubereiten. „Viele Franzosen haben das Vertrauen in die Politik verloren“, sagt er und formt das erste von 500 Croissants. „Sie wählen nicht, sie fühlen sich nicht angehört, und es ist mein Ziel, sie zurückzugewinnen.“

Der 53-Jährige, der von seiner Herkunft her – wie er es nennt – die „unterste Stufe der sozialen Leiter“ kennt, hat in Frankreich Fantasien belebt und Sympathien erworben, weil er als politischer Debütant einer der bemerkenswertesten Kandidaten in der ersten Runde der Parlamentswahlen am Wochenende ist.

Ravacley fordert in Doubs nahe der Schweizer Grenze als Außenseiter das zentristische Lager von Emmanuel Macron heraus und lenkt die Aufmerksamkeit auf das Imageproblem des wiedergewählten Staatschefs, dem der Bezug zu den alltäglichen Sorgen der Menschen fehlt.

Vom Traktor überfahren

Macron will eine parlamentarische Mehrheit der Mitte, um freie Hand für seine Politik zu haben, das Rentenalter anheben und die Sozialsysteme reformieren zu können. Die Wahlbeteiligung am 12. Juni könnte angesichts eines wachsenden Misstrauens gegenüber der politischen Klasse auf einem Rekordtief von weniger als 48 Prozent sinken. Viele Wähler glauben, der eigentliche Kampf werde erst im Herbst mit Straßendemonstrationen gegen Macrons Politik stattfinden. „Es hat daher wenig Sinn, wählen zu gehen“, meint ein Arbeitsloser in einer Wohnsiedlung der ostfranzösischen Stadt Besançon.

Ein wahrlich historisches Bündnis linker Parteien unter der Führung von Jean-Luc Mélenchon strebt nach großem Zugewinn bei den Wahlen und könnte laut Meinungsforschern zur maßgeblichen Opposition gegen Macrons Zentristen werden. Auch der rechtsextreme Rassemblement National (RN) von Marine Le Pen will seine Mandate erhöhen.

Stéphane Ravacley, der keiner Partei angehört, kandidiert im Linksbündnis für die Grünen, um ins Parlament zu kommen. Die Nationalversammlung, die überwiegend aus Angehörigen der Mittelschicht mit einem hohen formalen Bildungsniveau besteht, brauche mehr Arbeiter wie ihn, die wüssten, wie die Arbeiterklasse denkt. Ravacley wuchs in Ostfrankreich in einer armen Familie auf, die dort auf den Getreidefeldern arbeitete. Seine Mutter starb bei einem Unfall. Sie wurde von einem Traktor überfahren, als Stéphane Ravacley vier Jahre alt war und hinterließ drei Kinder, die der Vater allein durchbringen musste.

Ravacley ist vor allem als der „humanistische Bäcker aus Besançon“ bekannt. Er wurde im Vorjahr berühmt, weil er für seinen Lehrling Laye Fodé Traoré aus Guinea in den Hungerstreik trat. Dem Waisen, der mit 16 Jahren als unbegleiteter Minderjähriger nach Frankreich gekommen war, drohte die Abschiebung, als er 18 wurde. Ravacleys Protest passte gut in die landesweite Kampagne für minderjährige Migranten. Schauspieler wie Omar Sy und Marion Cotillard unterzeichneten einen offenen Brief an Präsident Macron zu Ravacleys Unterstützung. Dennoch brauchte es elf Tage Hungerstreik und die Einlieferung ins Krankenhaus, damit die Behörden reagierten. Sie nahmen Kontakt auf und begannen, Traorés Fall zu bearbeiten. Am Ende durfte er bleiben.

Stéphane Ravacley wurde zum sanften Monster

„Als ich in den Hungerstreik trat, reagierten die Behörden zunächst mit Schweigen. Das hat mich als Person verändert“, erzählt Ravacley. „Ich bin zu einem Monster geworden – zu einem freundlichen und sanften Monster. Ich habe eines wirklich verstanden: Wenn man etwas ändern will, muss man dafür kämpfen.“

Der Wahlkampf-Zeitplan des Bäckers ist aufreibend. Bis 22 Uhr abends bereitet er seine Croissants vor, schläft dann drei Stunden, steht um 1.30 Uhr auf, um bis Mittag Brot zu backen, ruht sich kurz aus und steigt dann in seinen alten Renault voller Mehlsäcke, um in seinem Wahlbezirk, der von Wohnungsblocks in Besançon bis zu den kleinen Dörfern außerhalb der Stadt reicht, um Stimmen zu werben. Zudem unterstützt er weitere Einwanderer, die als unbegleitete Minderjährige eingereist sind, ebenso wie junge Franzosen, die das Fürsorgesystem verlassen. Das macht ihn anfällig für Angriffe der extremen Rechten. Erst kürzlich wurde eines seiner Wahlposter mit einem Hakenkreuz und rassistischen Verleumdungen beschmiert. „Ich werde dem Hass niemals nachgeben“, sagt Ravacley.

In einem Wahlkampf, den Meinungsforscher als glanzlos beschreiben, ist Ravacley zu einer stark in der Öffentlichkeit stehenden Figur geworden. Während des Filmfestivals in Cannes im Mai widmete ihm das belgische Regisseur-Duo der Dardenne-Brüder, deren jüngster Film von jungen Migranten in Belgien handelt, ihren neuesten Film. Ravacleys Hungerstreik nannten sie einen „großen Akt des Widerstands in unserem Zeitalter“.

„Ich rollte gerade meine Croissants aus, wie immer am Abend. Da klingelte das Telefon“, erinnert sich Ravacley. „Jemand sagte: ,Mach den Fernseher an. Sie sprechen in Cannes über dich.’ Unglaublich.“

Kann das linke Bündnis von Mélenchon überzeugen?

In Besançon, das seit 2020 von einer grünen Bürgermeisterin regiert wird, gab es viele Stimmen für den linken Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon, der hier in der ersten Runde Macron und Le Pen schlug. Ravacley steht jetzt vor der Herausforderung, daran anzuknüpfen. Entscheidend ist, ob das neue linke Bündnis die Wähler überzeugen kann, sich auch an den Parlamentswahlen zu beteiligen, besonders in den Wohnsiedlungen, in denen die Nichtwähler-Quote hoch ist.

Nabia Hakkar-Boyer ist Bezirksrätin vom Parti Socialiste (PS) und Ravacleys Mitstreiterin im Wahlkampf: „Er kommt als bodenständig rüber und ist anders als die anderen Kandidaten. Er sieht wie die Wähler selbst aus und versteht, wie sie leben. An seinen Hosen ist immer Mehl, und er arbeitet 15 Stunden am Tag.“

Seit den Gelbwesten-Protesten gegen die Regierung während Macrons erster Amtszeit wird gefordert, dass „einfache Bürger“ eine größere Rolle bei politischen Entscheidungen spielen sollten. Unter Druck geraten, versprach Macron kürzlich, eine umfassende demokratische Befragung der Bürger vorzunehmen. In welcher Form das geschehen soll, ließ er bisher offen.

Ravacley ist nicht der einzige Bürger-Protestler, der dieses Jahr in Frankreich zum Kandidaten fürs Parlament geworden ist. Rachel Keke arbeitete früher als Hotel-Reinigungskraft und führte einen zwei Jahre dauernden Streik für bessere Arbeitsbedingungen für das Reinigungspersonal in einem Pariser Hotel an. Jetzt kandidiert auch sie östlich der Hauptstadt für das linke Bündnis.

Unterdessen macht Ravacley sogar mehlverkrustete, abgenutzte Arbeitsschuhe zu seinem Wahlkampfargument. „Ich werde mit meinen magischen Schuhen in die Nationalversammlung gehen“, sagte er. „Sie halten meine Füße auf dem Boden fest.“

Angelique Chrisafis ist Korrespondentin des Guardian

Übersetzung Carola Torti

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Angelique Chrisafis | The Guardian

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