Vorteil Kim Jong-un

Diplomatie Donald Trumps Absage des Gipfels mit Nordkoreas Staatschef nützt letzterem mehr als dass es ihm schadet
Vorteil Kim Jong-un
Auch in Südkorea protestiert man gegen Donald Trumps Absage des Gipfels

Foto: Chung Sung-Jun/Getty Images

Donald Trumps Entscheidung, das geplante Treffen mit Kim Jong-un abzusagen, ist nach Ansicht einiger Analysten ein Geschenk an Nordkorea. Seit Monaten arbeitet Jong-un an einem Bild von sich als bedeutendem Staatsmann und Friedensstifter – in der Hoffnung, die jahrzehntelangen Feindseligkeiten mit den USA zu brechen, die Nordkorea früher als "Erzfeind" bezeichnet hat. Trumps Gipfel-Absage bestärkt diese Darstellung: Kim ist bereit zu reden, während die USA auf einen Regime Change in Nordkorea hin agitieren.

"Der krönende Ruhm eines Gipfels ist Kim immer noch wichtig. Aber er hat im Vorfeld viel Legitimität und Aufmerksamkeit erlangt, ohne auf Atomwaffen verzichten zu müssen", sagt der Leiter des Internationalen Sicherheits-Programms am Lowy Institute, Euan Graham. "Jetzt wird Nordkorea sich als geschädigte Partei darstellen. Trumps Absage kam, als Nordkorea gerade sein Atomtestgelände geschlossen hatte. Das weist darauf hin, dass Pjöngjang auf das Zustandekommen des Treffens vertraut hat."

Nur wenige Stunden vor der Absage des Gipfels hatte Nordkorea verkündet, es habe sein einziges bekanntes Atomtestgelände komplett geschlossen und vor einer Gruppe von rund 30 internationalen Journalisten Tunnel zum Einsturz gebracht, in denen Waffen getestet worden waren. Zudem kündigte der Norden ein Moratorium für Raketentests an.

Die Rolle Chinas

"Das erschwert es, Südkorea wieder dazu zu bringen, die US-Strategie des maximalen Drucks auf Nordkorea auszuüben, und macht es zehnmal schwieriger, die Chinesen davon zu überzeugen", sagt Graham. Nordkorea betreibt 90 Prozent seines Handels mit China. Die beiden Länder teilen sich eine Grenze, die sich über 1.420 Kilometer erstreckt. Traditionell hat China internationale Sanktionen gegen Pjöngjang bei den Vereinten Nationen nicht unterstützt, doch nach einem Atomtest im September stimmte es einer radikalen Reduktion der Handelsbeziehungen zu. Wenn es jedoch aussieht, als sei Kim offen für einen Dialog, während Trump seine Angebote ablehnt, könnte China stillschweigend die Wiederaufnahme des Handels zulassen und Nordkorea erlauben, seine Wirtschaft weiter aufzubauen.

Während die letzten Monate der Diplomatie ein Segen für Kim waren, hat Trumps Absage des Gipfels dem Ansehen des südkoreanischen Präsidenten Moon Jae-in geschadet. Er hatte sich mehr als jeder andere dafür eingesetzt, dass der USA-Nordkorea-Gipfel stattfindet; ein Großteil der ersten Kontakte lief über südkoreanische Beamte. Die Formulierung von Trumps Absage-Brief scheint mit dem Finger auf Moon zu deuten, der falsch kommuniziert habe, wer genau auf ein Treffen gedrängt hat. Das Weiße Haus hatte Moon auch nicht vorab unterrichtet und zwang ihn damit, hastig um Mitternacht eine nationale Sicherheitssitzung einzuberufen.

Jede Unstimmigkeit zwischen den USA und dem Süden kommt auch Kim Jong-un zugute. Nordkorea hat immer versucht, einen Keil zwischen die beiden Verbündeten zu treiben. In Südkorea sind 28.500 Mann starke US-Truppen stationiert, und die beiden Bündnispartner halten regelmäßig militärische Übungen ab, die Pjöngjangs Zorn hervorrufen.

Edelmütige Partei

"Kim hat die US-Strategie des maximalen Drucks gebrochen, indem er Provokationen stoppte und sich mit den Chinesen abstimmte, bevor Trump den Gipfel platzen ließ", sagte der auf Atomwaffenpolitik spezialisierte Vipin Narang vom Massachusetts Institute of Technology, bevor Trump den Gipfel platzen ließ. "Nordkorea hat in den letzten Monaten hart daran gearbeitet, in den Augen der internationalen Gemeinschaft konstant als edelmütige Partei zu erscheinen."

Nachdem die Nachricht von der Absage kam, reagierte Nordkorea mit Bedauern und zeigte sich für weitere Gespräche bereit. Narang lobte via Twitter die bedächtige Reaktion als "eine kluge Botschaft aus Nordkorea. Sie spielt den Ball direkt auf Trumps Seite zurück.“

Benjamin Haas ist Auslandskorrespondent des Guardian in Korea

15:40 25.05.2018
Geschrieben von

Benjamin Haas | The Guardian

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