Furor und Verzweiflung

Brasilien Das Votum für den Extremisten Jair Bolsonaro folgt einem Trend, der sich in Demokratien rund um den Globus zeigt und eine Ablehnung des "Weiter-so" zum Ausdruck bringt
Furor und Verzweiflung
Der Auf- und Abräumer

Foto: Ricardo Moraes-Pool / Getty Images

Jair Bolsonaros rechtsradikale Äußerungen im Präsidentschaftswahlkampf haben viele ausländische Beobachter erschreckt und die Frage aufgeworfen, wie ein Kandidat mit derart extremen Ansichten auf eine derart breite Zustimmung stoßen kann. Doch Brasiliens Wählerinnen und Wähler scheinen einem weltweit zu beobachtenden Trend gefolgt zu sein: Statt auf eine Politik der Hoffnung wird auf eine „Anti-Politik“ gesetzt, die sich aus Wut, Ablehnung und Verzweiflung speist.

Der acht Jahre regierende Ex-Präsident und Gründer der Arbeiterpartei (PT), Lula da Silva, hatte den Menschen tiefgreifende soziale Reformen und einen radikalen Wandel versprochen, konnte seine Versprechen aber bestenfalls in Maßen halten und hinterließ eine Spur der Enttäuschung.

Wahl als Provokation

Einer im Vorfeld der Wahlen durchgeführten Umfragen zufolge haben 25 Prozent Bolsonaro nicht aus Sympathie zu ihm oder seinem Programm gewählt, sondern weil sie den PT für Jahre schlechter Regierungsarbeit bestrafen wollten. Diese wütende Stimmung, die mit der „Werft die Penner raus“-Stimmung bei der Präsidentenwahl 2016 in den USA vergleichbar ist, machte es Fernando Haddad, dem neuen PT-Kandidaten, extrem schwer. Es ging nicht mehr länger um rechts oder links, sondern um eine Zurückweisung des politischen "Weiter so".

Damit einher geht ein weiterer Trend: Immer häufiger ziehen die Wähler einen politischen Außenseiter vor, der den Status quo infrage stellt. Donald Trump war 2016 Prototyp des vermeintlich nicht zur Elite gehörenden Gegenentwurfs. Genau wie den US-Präsidenten mögen viele Wähler auch Bolsonaro nicht, wählten ihn aber, weil er ihrer Meinung nach nicht zu den „Etablierten“ gehört.

Sich neu erfunden

Wie ist das möglich? Es wurden Parallelen zwischen Bolsonaro und dem designierten linken mexikanischen Präsidenten, Manuel Lopez Obrador, gezogen. Auch wenn sie in politischer Hinsicht Welten trennen, „so haben sich beide ein Außenseiter-Image geschaffen und inszenieren sich als radikale Akteure, die von den herrschenden Eliten weitgehend ausgeschlossen werden“, wie der Analyst Moises Naim bemerkte. Dabei ist Bolsonaro alles andere als ein Polit-Neuling. Er sitzt bereits seit sieben Amtszeiten im brasilianischen Parlament. Sein Trick bestand darin, sich als Gegenentwurf neu zu erfinden.

Weil sie ihm unbedingt glauben wollen, dass er wirklich auf ihrer Seite steht, haben viele entfremdete Wählerinnen und Wähler Bolsonaros frauenfeindliche und homophobe Ansichten sowie seinen Hang zu gewaltsamen Lösungen ignoriert oder verziehen. Eine Parallele lässt sich auf den Philippinen finden, wo Rodrigo Duterte 2016 für sein Versprechen gewählt wurde, mit dem Drogenhandel aufzuräumen. Was er dann mit der Hilfe von Todesschwadronen auch tat.

Bolsonaros Versprechen, wieder für Recht und Ordnung zu sorgen und mit allen Mitteln die Korruption auszumerzen, traf auf sehr viele offene Ohren. Man sieht wegen der prekären Sicherheits- und Wirtschaftslage keinen anderen Ausweg mehr und fühlt sich von den früheren Regierungen betrogen und verraten. Wie in Europa haben auch in Brasilien die meisten heutigen Wählerinnen und Wähler keine Erinnerung mehr an die Zeit der Diktatur zwischen 1964 und 1985 und zeigen sich von Bolsonaros autoritären Ideen wenig beeindruckt.

Anderes ist wichtiger

Die Wahlen in Brasilien haben einmal mehr unter Beweis gestellt, dass in Zeiten großer Belastung – Brasilien leidet unter einer ernsthaften Rezession und rekordhaften Kriminalitätsraten – „Identitätspolitik“ überschätzt werden kann.

Trotz seiner widerwärtigen Ansichten erhielt Bolsonaro mehr Zuspruch von Frauen als Haddad und auch Schwarze und Homosexuelle unterstützen ihn mit dem Hinweis, andere Dinge seien gerade wichtiger. Sein Plädoyer für die „traditionellen Werte der Familie“ und des Glaubens kommt bei der konservativen Wählerschaft natürlich sowieso gut an.

85% der Brasilianer bezeichnen sich selbst als Christen, die Zahl evangelikaler Konfessionen hat in den letzten Jahren rapide zugenommen. Viele dieser Wäher zeigten sich empfänglich für die moralischen und sozialen Werte, für die Bolsonaro wirbt. Ein Umstand, der von der sekularen politischen Elite des Landes übersehen wurde.

Matias Spektor, Professor für internationale Verbindungen in São Paulo, weist darauf hin, dass bei diesen Wahlen auch Fake News eine bedeutende Rolle gespielt haben. Von allen Seiten seien Desinformationen ins Kraut geschossen. Die traditionellen Medien, die alle mit großen finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, hätten dem kaum etwas entgegensetzen können. „In den letzten Wochen des Wahlkampfs sind Beschimpfungen und Gewalt gegen Journalisten zur Normalität geworden, Bolsonaro hat die Wut auf die Presse angeheizt“, schreibt Spektor.

Ähnlichkeit mit Goebbels

Der Autor Federico Finchelstein betont einen anderen Aspekt. Die nationalistischen und populistischen Themen, um die sich Bolsonaros Wahlkampf gedreht habe, seien dieselben wie in den USA oder Europa. Was ihn unterscheide, seien nicht so sehr die Inhalte, sondern die Intoleranz und Aggressivität, mit der Bolsonaro diese vertrete. Er sei kein rechter Populist im Stile von Argentiniens Carlos Menem oder Italiens Silvio Berlusconi, sondern ein Neo-Faschist, der mehr Ähnlichkeit mit Goebbels aufweise. „Anders als bisherige Formen des Populismus (auf der Linken und Rechten), die sich zur Demokratie bekannten und Gewalt und Rassismus ablehnten, erinnert Bolsonaros Populismus an die Zeit Hitlers.“

Übersetzung: Holger Hutt
17:40 29.10.2018
Geschrieben von

Simon Tisdall | The Guardian

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