Wanderung auf dünnem Eis

Polarexpedition Drei Forscher auf dem Fußweg in die Arktis. Ziel ist die genaue Vermessung der Klimakatastrophe. Und der Pol ­– mit Liveblogs für die Netzgemeinde von unterwegs

Während eines einzigen Jahres verlor die Arktis ein Gebiet von der Größe Alaskas. Wie lange wird es noch dauern, bis sie vollständig abgeschmolzen ist? Juliette Jowit trifft die britischen Forscher, die ihr Leben aufs Spiel setzen, um eben dies herauszufinden

Die Catlin-Expedition zum Nordpol wird von unterwegs auf dieser Website bloggen:

www.catlinarcticsurvey.com

Der voraussichtliche Start-Termin ist Sonntag, 1. März 2009.

An einem kalten Montag im Dezember sitzt einer der erfahrensten Polarforscher Großbritanniens in einem noch kälteren Zimmer in Portsmouth und erklärt seine nächste Expedition. Die Temperatur wurde auf minus 20 Grad Celsius abgesenkt, was noch tropisch anmutet im Vergleich zu den nahezu unvorstellbaren Bedingungen, die er in die Arktis ertragen muss. Die Temperatur kann dort bis auf minus 90 Grad Celsius abfallen, es ist den ganzen Tag über dunkel und wenn die Sonne dann doch mal scheint, kann sie einen innerhalb von Minuten erblinden lassen. Wenn die Forscher aufwachen, sind ihre Wimpern zusammengefroren und ihre Schlafsäcke mit Eissplittern gefüllt. Unter den Füßen haben sie nichts als ein paar Zentimeter gefrorenes Wasser, das sich jeden Augenblick in einen eisigen Strom verwandeln kann, der sie in Sekundenschnelle tötet. Außer dem ein oder anderen Seehund oder einem hungrigen Polarbären werden sie kein Lebewesen zu Gesicht bekommen.

Wenn man Pen Hadow zum ersten Mal trifft, ist man überrascht, denn er entspricht so gar nicht dem Bild, das man sich von dem Menschen macht, der als erster in der Geschichte die Heldentat vollbracht hat, einer der extremsten Belastungen standzuhalten, zu denen Menschen überhaupt fähig sind: alleine und ohne Hilfe wanderte er 2003 zum Nordpol. Aber anstatt des großen, strammen Hünen, den man erwarten würde, ist der 46-Jährige zierlich gebaut, und als wir uns begrüßen, fühlt sich seine Hand beinahe an wie die einer Frau. Seine kurzen Extremitäten und ein von Geburt an niedriger Blutdruck prädestinieren ihn für ein monatelanges Leben in einer der unwirtlichsten Umgebungen auf Erden.

Nun allerdings wird sich Hadow auf eine Expedition aufmachen, die sich von seinen bisherigen in wesentlichen Punkten unterscheidet. In wenigen Tagen, voraussichtlich am 1. März, wandert er von Nordkanada aus los – mehr als 1.000 km bis zum Nordpol. Anders ist diesmal, dass er zwei anderen Forscher mitnimmt, seine Freunde Ann Daniels und Martin Hartley, und dass sie nicht nur Lebensmittel und Werkzeug, ­sondern jeder einen 100 Kilo schweren Schlitten mit sich ziehen, auf denen sie die Gerätschaften für bis zu zwölf Millionen physikalische Messungen der Tiefe und Festigkeit von Schnee und Eis unter ihren Füßen transportieren.

In die Kälte der Nacht

Diese von Hadow und seinem Team unternommenen Messungen werden uns helfen, die Bedeutung der Arktis für den Klimawandel besser zu verstehen. Diagramme, die auf Grundlage gelegentlicher U-Boot-Exkursionen und in den vergangenen Jahren auch verstärkt auf Grundlage von Satelliten-Daten erstellt wurden, zeigen einen schrittweisen Rückgang des arktischen Eises über die vergangenen 40 Jahre hinweg. Im Jahr 2007 fiel die Kurve dann jedoch abrupt ab – auf fünf Millionen Quadratkilometer, ein Wert, der zuvor erst für das Jahr 2040 erwartet worden war.

Angesichts der dramatischen Ereignisse im Sommer vor zwei Jahren, als die Besatzung eines russischen U-Bootes eine Flagge in der Nähe des Poles hisste und die Regierungen Kanadas wie einiger europäischer Länder ebenfalls ihre Ansprüche anmeldeten, warnten viele Wissenschaftler davor, dass das Eis des Arktischen Meeres während der Sommermonate schon viel früher als befürchtet vollständig verschwinden könnte.

Die meisten Experten sind sich einig über die Folgen, die dies für die fünf Millionen Bewohner der Polarregion und für den ganzen Rest der Welt haben wird – vom Verlust des einzigartigen Lebensraumes, der unter dem Eis entstanden ist, bis zum Steigen des Meeresspiegels und möglicher Veränderungen von Meeresströmungen und des Wettergeschehens weltweit.

Die Prognosen darüber, wann dies geschehen wird, reichen allerdings von „in vier Jahren“ bis „zum Ende des Jahrhunderts“. Dies liegt daran, dass man bislang noch sehr wenig über Tiefe und Dichte und somit das Gesamtvolumen des Meereises weiß. Hadow hofft, diese Lücke mit seiner – passender Weise von einer Versicherungsgesellschaft gesponserten – Expedition schließen zu können. Ziel ist es, die Daten zu erheben, die man dringend benötigt, um die Menge des verbleibenden Eises zu berechnen und herauszufinden, wieviel Zeit uns noch bleibt, uns auf die im wahrsten Sinne globale Bedrohung durch den Klimawandel vorzubereiten. Die Erhebung wird auch durch das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, den Prince of Wales sowie den WWF unterstützt.

Hadow beschreibt sein Expeditionsziel poetisch: „Ich sehe die Arktis als eine Jungfrau, die erst seit kurzem in der Gesellschaft verkehrt. Während ihr die Unterwäsche wegschmilzt, versuchen einige gierige und geile Kerle, ihr unter den Rock zu linsen – da muss jemand ihre Ehre verteidigen.“

Die Wurzeln der Reise und von Hadows Liebe zur Arktis liegen tiefer. Er trieb gerade lustlos dahin, war recht unglücklich in seinem Job bei einem Unternehmen für Sportmanagement, als er in der Bücherei auf ein Buch der Royal Geographical Society stieß. Es handelte sich um die Übersetzung der Tagebücher des deutschen Ornithologen Bernhard Adolf Hantzsch, der nach einem Schiffbruch bei dem Versuch starb, auf der Suche nach einem anderen Schiff den hohen Norden Kanadas zu durchqueren. Hadow war begeistert und beschloss, die Reise des Deutschen zu Ende zu führen.

Er stellte seinen Plan Klimaforschern vor und fragte, ob er ihnen durch diese Reise nebenbei nützlich sein könne. Und so erfuhr er, dass in den 1960er Jahren mit der Vermessung des Meereises begonnen worden war, aber über drei Jahrzehnte hinweg lediglich einmal im Jahr ein U-Boot dafür auf Forschungsfahrt gegangen war.

Die gesammelten Daten genügen bis heute nicht, um über die Gesamtentwicklung des arktischen Klimas Gewissheit zu erlangen. Seit den 90er Jahren werden zusätzlich Satellitenaufnahmen herangezogen, um die Höhe von Schnee und Eis über dem Wasserspiegel zu berechnen. In Bezug auf die rund fünf Sechstel der Eismasse, die sich unterhalb der Wasseroberfläche befinden, können die Wissenschaftler allerdings nur Vermutungen anstellen.

Frühe Polarexpeditionen hinterließen eine Spur von Gräbern – Männer, die an Unterkühlung, Skorbut, Wundbrand und sogar an Vergiftung starben, nachdem sie die Lebern von Eisbären gegessen hatten. Die moderne Wissenschaft hat deren Nachfolger gegen viele dieser Gefahren gewappnet, doch gewisse Risiken bleiben.

Datenfunk aus der Eiswüste

„Dein Gehirn ist so daran gewöhnt, ständig neue Informationen zu erhalten, dass du da oben zunächst einmal denkst: Hier ist nichts, alles ist weiß“, sagt Hadow. Während der ersten Tage muss sich das Gehirn neu justieren und dadurch, dass die anderen Sinnesorgane durch die Kälte und die dicken Kleidungsschichten abstumpfen, werden die Augen wieder wachsamer.

Das Catlin-Forschungsteam wird in wenigen Tagen die Basis in Resolute Bay in Nordkanada verlassen, mit dem Flugzeug zum 80. Grad nördlicher Breite und 140. Grad westlicher Länge fliegen, wo der ganzjährige Eisschild der Arktis beginnt, und sich dann entlang des 140. Längengrades in nordlicher Richtung loswandern. Hadow glaubt, dass seit 40 Jahren niemand mehr diese Route genommen hat – seit Sir Wally Herbert, nach dessen Frau er seinen Schlitten benannt hat.

Während sie über das Eis gehen, führt ein nur vier Kilo schweres und speziell für diese Bedingungen gebautes Radargerät alle zehn Zentimeter eine Messung durch. Das Team wird auch in regelmäßigen Abständen anhalten, um Eisbohrkerne zu entnehmen sowie Meerestemperatur und -strömung zu messen. Unterwegs wird Hadow immer wieder Notizen über das Vorkommen und die Beschaffenheit von Erhebungen und andere Besonderheiten in einen speziellen Voice-Rekorder diktieren. Martin Hartley, der für seine Fotografien besonderer Landschaften unter extremen Bedingungen schon vielfach ausgezeichnet wurde, wird die Landschaft fotografieren und die Reise dokumentieren.

Die Ergebnisse werden jede Nacht via Satellit an die weltweite Wissenschaftsgemeinde übermittelt. Die ersten Auswertungen der Daten sollten bis spätestens Dezember 2009 vorliegen, wenn in Kopenhagen die große Klimakonferenz der Vereinten Nationen stattfindet, bei der es um die Aushandlung der Nachfolgeregelung zum so genannten Kyoto-Protokoll geht – also um die Verpflichtung der Staaten zum Klimaschutz. „Wenn sie erst einmal genaue Zahlen haben, wie lange es noch Eis im Arktischen Meer geben wird, werden sie handeln müssen“, sagt Hartely.Eine große Anzahl von Wissenschaftlern meint, dass das Schmelzen des Eises für einen Temperaturanstieg verantwortlich ist, der in der Arktis durchschnittlich doppelt so schnell voranschreitet wie auf dem Rest des Planeten.

Bisher hat das Abschmelzen des Treibeises noch keine Auswirkungen auf die Höhe des Meeresspiegels, und auch die Ausdehnung des wärmer werdenden Wassers trägt bislang zu weniger als einem Prozent zum Anstieg der Meereshöhe bei. Sollte das Eis aber noch weiter schmelzen oder womöglich ganz verschwinden, würde dies durchaus merklich zum Anstieg des Meeresspiegels führen. Es gibt bereits Befürchtungen, die steigenden Wassertemperaturen könnten das Abschmelzen der Eiskappen Grönlands beschleunigen, was dann zu einem Meeresanstieg um einige Meter führen würde. Weniger sicher ist man sich darüber, ob auch der Zufluss von Süßwasser die globalen Meeresströme und Winde beeinflusst, die wiederum Einfluss auf die Wetterlage haben.

Von Morgen in die Ewigkeit

Wenn es wirklich ganz schlimm kommt, könnte dies zu einem katastrophalen klimatischen Wendepunkt führen – dem Abbruch des als „Thermohaline-Zirkulation“ bekannten „globalen Förderbandes“, das warmes Wasser aus den Tropen in den nördlichen Atlantik bringt und kälteres Wasser aus der Arktis nach Süden leitet. Die Unterbrechung der thermohalinen Zirkulation war das Szenario, das Roland Emmerich in seinem Film The Day After Tomorrow in dramatisierter Form durchgespielt hat. In der bürokratischen Sprache, derer es bedarf, um zwischen hunderten von Wissenschaftlern und Regierungen eine diplomatische Übereinkunft zu erzielen, stufte der jüngste Bericht des „Zwischenstaatlichen Komitees für den Klimawandel“ der UN die Wahrscheinlichkeit für einen solchen abrupten Strömungsabbruch als „unwahrscheinlich“ ein – das heißt dort: 20 Prozent Eintrittswahrscheinlichkeit.

Aber selbst im günstigsten Fall werden uns nicht mehr als zehn Jahre bleiben, bevor das Eis in den Sommermonaten völlig verschwunden sein wird, glaubt der Professor für Meereskunde, Wieslaw Maslowski, der die Catlin-Expedition wissenschaftlich betreut. Und dann? Ist es nicht schon zu spät? „Selbst wenn es zu spät ist, noch etwas für das Meereis zu tun – vielleicht hilft unser Einsatz hier zum Schutz anderer Naturräume, die sonst als nächstes dran wären“, meint Pen Hadow.

Weiterführende Informationen unter www.catlinarcticsurvey.com

Übersetzung: Holger Hutt

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen
Geschrieben von

Juliette Jowit, The Guardian | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
Schreiber 0 Leser 5786
The Guardian

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden